Schlagwort-Archiv: Pause bitte

Eine fröhlichere Welt?

Ilse Oehler

Ilse Oehler

«Die Sprache der Freiheit in unserer Zeit ist der Humor, und sei es auch nur der Galgenhumor, denn diese Sprache setzt eine Überlegenheit voraus auch da, wo der Mensch, der sie spricht, unterlegen ist.»
Friedrich Dürrenmatt

«Du kommst daher wie die alte Fasnacht!» Auch schon gehört, den schnippischen Hinweis, es wäre besser, mit der Zeit zu gehen. In welche Richtung auch immer, nur mit der Zeit in dieser Zeit? «Mut zum Wandel» heisst es in der fünften Jahreszeit. Mut, sich zu Besserem zu wandeln? … Bereits offiziell galt in Zürcher Kindergärten für die Kleinsten im letzten Jahr, auf den «Dresscode» zu achten, Pirat ohne Säbel, Ritter ohne Schwert.

Es ist soweit, auch in unserer Gegend sich in der trüberen Jahreszeit belebenden Bräuchen, Traditionen hinzugeben. Die Stunde der Schnitzelbänggler schlägt, sie begeistern Ältere und Jüngere. Dort erhoffen sich die klugen Sprücheklopfer, dass sich beim Zuhörer etwas im Kopf bewege.

Es zeigt sich diese ganz besondere Welt der «fünften Jahreszeit» seit dem Altertum über das Mittelalter hin bis in unser Dasein. Die Geschichte lebt sich weiter. Nicht hinter den Fassaden, sondern in aller Öffentlichkeit deutet Vieles darauf hin: «Sich frei zu fühlen», in dieser Form tolerierbar aber nur eine begrenzte Zeit. Denn Karneval, Fasnacht, Fastnacht oder Fasching – sie haben einen historisch angesetzten Beginn, einen Höhepunkt und ein bestimmtes Ende. Bewusst begrenzt. Eine vorgegebene Ermunterung zum inneren Wandel sei auch nachpubertierenden Erwachsenen gegönnt. Allerdings, zu viel Übermut bringt jedes Fass zum Überlaufen, das kennen wir aus unserem Alltag.

Klug haben unsere Vorahnen gedacht, gehandelt. Es lebe die Tradition. «Heute wissen wir, dass Geschichte das wichtigste Fach im Schulpensum sein sollte», so Urs Schoettli in «Pause bitte». Und dann ein Neuanfang. «Barbaren oder Bildung. Wo stehen wir in der Geschichte?».
Aus berufenem Munde, direkt aus der Praxis, heisst das: In jedem einzelnen Schulfach und bei jeder einzelnen Lehrperson sollte das Bewusstsein für die Geschichtlichkeit ihres eigenen Faches und ihrer eigenen Person lebendig sein, dann bekommen die Schülerinnen und Schüler viel mehr „Geschichte“ mit als mit noch soviel Fach-Lektionen in „Geschichte“.

Die vorgegebenen Gesetze in föderalistischem Staatsgebilde zeigen, jetzt, da die Welt sich zusehends ins Negative wandelt, ist lebendige Kultur unsere Geschichte, ausschlaggebend sind die moralischen Werte. Willkommen sei diese gesellschaftliche Abwechslung nicht nur für die Fäsnächtler und die Zaungäste. Sie nimmt, jung und älter, etwas vom äusseren Druck, schafft Fröhlichkeit, Frohsinn, Lustigkeit, Übermut, Unbekümmertheit und Vergnügtheit. Im richtigen Mass tut’s „saumässig guet“. Die Vorahnen haben es geahnt.

33 Anlässe zeigen sich auf einen Schlag in einer Übersicht von Fasnachtsumzügen in der ganzen Schweiz, auch von den «Drey scheenschte Dääg» bis zur «überschaubaren Zürcher Fasnacht».

Ilse Oehler

Pause bitte! Ein Weckruf zur Ruhe

Ilse Oehler

Ilse Oehler

Die bis an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit uns auferlegte Alltagshektik führt zunehmend zu individuellen und gesellschaftlichen Denkfehlern nach dem Muster: Immer fit, unterwegs zu Wohlstand und Reichtum, alles ist machbar in der Wachstums- und Ich-Gesellschaft… Als Folge dieses Denkens bleiben Teile unserer Gesellschaft in erschreckender Oberflächlichkeit gefangen, ihre Lebensfreude scheint wie betäubt, ihre persönliche und berufliche Entwicklung weist schon heute ins morgige Abseits. Es darf doch nicht wahr sein, dass selbst in meinem unmittelbaren Umfeld zehn von zwanzig Menschen sagen: «I mag nümme no», ich komme nicht mehr mit!

Viele fürchten aber eine Aufforderung zur Pause wie der Teufel das Weihwasser, wie den Verlust von Macht. Weckrufe zur Besonnenheit schallen in der von überkommenen Dogmen beherrschten Zeit wie ein hohles Echo zurück. Demgegenüber sollte es uns gelingen, eine positive Entdeckungsreise in die Welt der Pause zu unternehmen, um auf den Boden einer lebendigen und lebenswerten Wirklichkeit zurückzukehren. Es sind die grundlegenden menschlichen Werte, über die wir in Ruhe nachdenken wollen. Ich frage mich: Fehlt der Welt das weibliche Gesicht? Immerhin führt der Verdrängungswettbewerb gegen Frauen, nicht nur in Führungspositionen, in vielen Ländern langsam auf Nebengleise. In Ansätzen und mit zunehmender Dynamik wird Platz frei für die längst erforderliche Umsetzung der Gleichstellung.

Pause als Kraftquelle
In Ruhe sich einen Moment lang in der eigenen Ursprünglichkeit zu finden, könnte zu einer veränderten Art und Weise führen, aufeinander zuzugehen und sich darüber bewusst zu werden, welch grossartiges «Humankapital» im Gegenüber vorhanden ist. Werden wir aber auch zu Ich-Entdeckern, getragen von unserem Bauchgefühl, und tragen wir besonders Sorge zum persönlichen Umfeld. Das Einfügen von Pausen baut uns auf und stärkt uns nach innen ebenso wie nach aussen. Optimismus – die philosophische Auffassung, wonach die bestehende Welt die beste aller möglichen sei – ist in uns gratis abrufbar. Wir finden den Optimismus in der Pause, in der Stille, an Orten der Ruhe, wo wir richtig Atem holen. Henry Dunant hat für diese Momente mit der «strategischen Windstille im operativen Sturm» ein wunderbares Bild gefunden. Vor dem Hintergrund dieses Bildes mag die Skulptur dieses Buches stehen. Geschnitzt, geformt, gemeisselt, das ist der Mensch. Und doch beweglich!

Vorwort aus dem Buch „Pause bitte“ Und dann ein Neuanfang
Herausgegeben von Ilse Oehler

Mit freundlicher Genehmigung des Somedia Buchverlags