Schlagwort-Archiv: Paulus Akademie

There’s no business like show business: Führung und Verantwortung heute

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

Was gibt es nicht alles für schöne Begriffe in der Unternehmenswelt: Corporate Social Responsibility, Corporate Citizenship, ja sogar Corporate Philanthropy. Sie alle wollen mehr oder weniger dasselbe signalisieren: Das Unternehmen nimmt seine Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern, Lieferanten und Kunden ernst und schafft „shared values“, also Werte für das Unternehmen und die Gesellschaft. Damit die guten Taten auch nicht verborgen bleiben, werden sie in umfangreiche Corporate Social Responsibility-Berichte und Imagebroschüren niedergeschrieben.

Bei den Banken wissen wir seit dem Finanzskandal, seit Liborsatz- und Währungsmanipulationen etc., dass diese Begriffe nicht zum Nennwert zu nehmen sind. Hauptsache, es klingt gut und erweckt einen schönen Anschein. Eben: There’s no business like show business!

Bei den ingenieurslastigen Unternehmen vermuteten wir bisher mehr Solidität und PR-Sprödheit. Volkswagen hat uns eines Besseren belehrt: die Kreativität wird nicht dafür eingesetzt, anspruchsvolle gesetzliche Schadstoffnormen zu erfüllen, sondern die Kontrollmassnahmen zu neutralisieren. Manche sagen jetzt, die Normen seien eben unrealistisch tief angesetzt. Um sie erfüllen zu können, bräuchte es einen unverhältnismässigen Aufwand. Selbst wenn das so wäre: Warum hat dann die Automobilindustrie nicht gegen diese Normen interveniert? Eine so mächtige Branche und ein so mächtiges Unternehmen wie Volkswagen hätten es spielend geschafft, „realistischere“ Normen in den Gesetzestext schreiben zu lassen. So aber macht es den Anschein, dass man sich ohne grossen Aufwand mit „grünen Lorbeeren“ schmücken wollte. There’s no business like show business!

In der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ vom 2. Oktober liest man, dass sich die beiden obersten Repräsentanten der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Bedford-Strohm und Kardinal Marx, in Bezug auf die Migrationswelle für eine „Abschiedskultur“ aussprechen. Man reibt sich ungläubig die Augen: Sind beide nicht noch im August in den Medien als vehemente Verfechter einer „Willkommenskultur“ aufgetreten? Erkennen beide, dass die „politische Windrichtung“ inzwischen gedreht hat? Dann gilt auch für die Stellungnahme dieser beiden Herren: There’s no business like show business!

Damit man nicht solche abrupten Wendemanöver vornehmen muss, sollte man eben nicht gesinnungs-, sondern verantwortungsethisch (siehe mein letzter Blog) argumentieren. An Nächstenliebe und Gastfreundschaft zu erinnern, ist sicherlich eine ehrbare Aufgabe der Kirchen, sie sollten aber nicht völlig geopolitisches und ökonomisches Denken vergessen. Blauäugigkeit oder politischer Opportunismus haben der Nächstenliebe noch nie gedient!

Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie

Migrationswelle: Reicht guter Wille allein?

Portrait_ProfWirzDer Beschluss Deutschlands, wieder Grenzkontrollen einzuführen, beendet das wenige Tage dauernde politische Sommermärchen in München. Wer hat die Bilder nicht vor Augen: Bürger, die den am Bahnhof eintreffenden Flüchtlingen Schilder mit „Welcome“ entgegenhalten; Bürger, die in grossen Mengen Kleider und Nahrungsmittel vorbeibringen; eine Kanzlerin, die vor die Kameras tritt und energisch unterstreicht, das Grundrecht auf Asyl kenne keine Obergrenzen. Für einen Moment schienen die Gesetze der politischen Schwerkraft aufgehoben zu sein. Existierte das ökonomische Gesetz der Knappheit an Ressourcen und Arbeitskraft nicht mehr?

Jetzt weiss auch die Politik, was viele „Normalbürger“ auch in den Zeiten der Euphorie nicht vergassen: Es gibt sie, die Grenzen unserer Möglichkeit. Der deutsche Soziologe Max Weber hat Ende der 1910er Jahre in seinem berühmten Vortrag „Politik als Beruf“ zwischen Gesinnungsethikern und Verantwortungsethikern unterschieden. Zu den Gesinnungsethikern zählte Max Weber jene Politiker, die die Welt, wie sie wirklich ist, nicht akzeptieren können; die ihre Ideale durchsetzen wollen und nicht die Folgen ihres Tuns bedenken. Verantwortungsethisch handelt ein Politiker dann, wenn er zu seiner Gesinnung auch Distanz einnehmen kann und weiss, dass er für die Folgen seines Handelns aufzukommen hat. Er muss sich also überlegen, wie er seine Grundsätze unter den gegebenen realen Bedingungen am besten einlösen kann. Deshalb braucht er nach Max Weber Leidenschaft (Hingabe an eine Aufgabe), Verantwortungsgefühl und Augenmass.

Für die bevorstehenden Verhandlungen über die europäische Flüchtlingspolitik ist diese Trias allen Beteiligten zu wünschen. Empathie, Betroffenheit vor dem Leid der Menschen sind auch bei Politikern löbliche Eigenschaften. Aber um alle Fakten und Folgen richtig beurteilen zu können, braucht es auch die „Distanz zu den Dingen und Menschen“. Max Weber gibt den Politikern einen auch heute noch gültigen Rat mit auf den Weg: „Jene starke Bändigung der Seele aber, die den leidenschaftlichen Politiker auszeichnet und ihn von dem blossen „steril aufgeregten“ politischen Dilettanten unterscheidet, ist nur durch Gewöhnung an Distanz möglich. Die Stärke einer politischen Persönlichkeit bedeutet in allererster Linie den Besitz dieser Qualitäten.“ Guter Wille allein reicht nicht für eine gute Politik.

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie

Wir leben auf Kosten unserer Kinder

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

Der Beginn des Schuljahres lädt uns ein, darüber nachzudenken, was uns unsere Kinder wert sind. Finden Sie das eine seltsame Aufforderung? Sagen uns politische Parteien nicht dauernd, die Kinder seien das höchste Gut einer Gesellschaft? Und doch: Bei unserer Altersversorgung ist es offensichtlich, dass die gegenwärtige Generation auf Kosten der Jungen lebt. Mindestzins und Umwandlungssatz der Pensionskassen sind nicht nachhaltig. Die Jungen subventionieren die Alten.

Weniger offensichtlich ist das Auf-Kosten-unserer-Kinder-leben beim Lebensstil der Erwachsenen. Es gibt Gesellschaftskritiker, die argumentieren, Kinder würden in unserer Gesellschaft immer mehr zu Accessoires werden. Man holt sie wie Schmuck zur passenden Gelegenheit hervor. Es gibt Lebensphasen, da passen sie einem nicht; da werden sie gezeugt, aber nicht geboren. Im Berufsalltag sind sie eher hinderlich. Die Arbeitsverhältnisse, so wird geklagt, ermöglichen noch immer zu wenig Teilzeitarbeit für Mann und Frau. Und wer Emanzipation an der Partizipation am Berufsleben misst, kann einem Kind zuliebe auch beruflich nicht kürzer treten. Zum Glück gibt es ja die Kinderkrippen und Kitas. Früher hat man sie eher als „sozialistische Errungenschaften“ des Ostens gesehen, heute rühmt man die Professionalität der Betreuung und das kindgerechte Umfeld, das viel besser sei als in den Ein-Kind-Familien.

Da wir zur Zeit in einer Phase leben, wo es ein starkes Bestreben gibt, politische, wirtschaftliche, soziale und anthropologische Unterschiede nach Möglichkeiten einzuebnen, kann es nicht überraschen, dass Betreuung und Erziehung inhaltlich gleichgesetzt werden. Erziehung ist jedoch mehr als Windeln zu wechseln, das Kind zu waschen, ihm Essen zu geben, mit ihm Spaziergänge zu unternehmen. Erziehung ist eigentlich für Kinder ein Grundkurs in Philosophie:

  • sie aufmerksam zu machen für das Wahre, Schöne und Gute;
  • sie einzuführen und zu begleiten in ein Wertesystem, das einem selbst wichtig ist;
  • Nächstenliebe und Empathie vorzuleben gegenüber den Mitmenschen, vor allem auch gegenüber den kranken, alten und schwachen Menschen;
  • Auskunft zu geben über Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem Woher und Wohin.

Können diese Aufgaben noch so professionell ausgebildete Betreuerinnen und Betreuer leisten? Dürfen sie das überhaupt in einem weltanschaulich neutralen Staat? Wollen Sie als Eltern und Grosseltern die Beantwortung solch entscheidender Lebensfragen an Ihnen relativ unbekannte Personen delegieren?

Kinder wollen nicht nur ausgebildet, sondern gebildet werden. Ersteres hängt mit der heute so wichtigen Arbeitsmarktfähigkeit zusammen. Bildung aber ist mehr: Aus ihr gewinnen wir Menschen eine Einstellung, wie wir zum Leben stehen: zu unserem eigenen Leben, zum Leben unserer Mitmenschen und Gesellschaft, zur Natur. Durch Bildung gewinnen wir ein tieferes Verständnis für unser Leben. Es genügt uns nicht mehr, einfach nur so dahin zu leben.

Unsere Kinder (und die zukünftige Gesellschaft) sollten es uns wert sein, uns Zeit zu nehmen für ihre Bildung.

Stephan Wirz, Paulus Akademie Zürich

Solidarität mit Griechenland?

Prof. Dr. S. Wirz, Paulus Akademie

Prof. Dr. S. Wirz, Paulus Akademie

Vor einer Woche hat in der Schweiz eine Gruppe linker Politiker um Josef Lang und Cédric Wermuth einen Verein „Solidarität mit Griechenland“ gegründet. Ähnlich tönt es aus der SED-Nachfolgepartei „Die Linke“ in Deutschland. Sie steht nach eigenem Bekunden solidarisch an der Seite der griechischen Regierungspartei Syriza.

„Solidarität“, „solidarisch sein“, diese Ausdrücke werden heute in unserer Gesellschaft gerne verwendet. Sie sind positiv besetzt, sie drücken das Mitgefühl der Bürgerinnen und Bürger gegenüber den Schwachen aus. Mir scheint aber, sie werden politisch auch dazu missbraucht, eine Diskussion nicht zu Ende führen zu müssen. Denn wer nicht der gleichen Ansicht ist wie diejenigen, die Solidarität einfordern, gilt dann eben als unsolidarisch. So wird aus dem Begriff der „Solidarität“ ein Totschlagargument.

Solidarität ist ein schillernder Begriff. Er ist seit den Anfängen der Gewerkschaftsbewegung ein Kampfbegriff, sich für die Sache der Arbeiter („ausgebeutete Klasse“) auch mit Mitteln des Konflikts (z. B. Streik) einzusetzen. Weniger martialisch und klassenorientiert finden wir den Gedanken der Solidarität im Inneren der Bundeshauskuppel niedergeschrieben: „Einer für alle, alle für einen.“ Dieser Satz zeigt sehr schön, dass Solidarität keine Einbahnstrasse ist. Die Gemeinschaft hat für diejenigen Personen oder Personengruppen zu sorgen, die das aus eigener Kraft zur Zeit oder dauerhaft nicht mehr vermögen. Aber es gehört auch zur Solidarität, dass der einzelne alles in seinen Kräften Stehende unternimmt, um die Gemeinschaft zu stärken, der er angehört.

Was heisst das nun für Griechenland? Die Euro-Gruppe bzw. die EU als politische Gemeinschaft, der Griechenland angehört, hat eine moralische Verpflichtung mitzuhelfen, dass Griechenland ein Neustart gelingt. D’accord. Aber die andere Seite der Solidaritäts-Medaille gilt genauso: Griechenland hat seinerseits eine moralische Verpflichtung, Schaden für die Euro-Gruppe bzw. EU abzuwenden bzw. zu minimieren. Dieser Aspekt der Solidarität scheint mir weder in den Köpfen der griechischen Regierung noch der Sympathisanten hier und in Deutschland angekommen zu sein. Sollte es dereinst einen Schuldenschnitt geben, braucht es dennoch – nebst vielem anderen – eine Änderung der Mentalität und der politischen Kultur Griechenlands. Nicht zuletzt eine Solidarität mit den Geberstaaten und mit der EU, um nicht von Neuem über die Verhältnisse zu leben und damit die politische Gemeinschaft Europas zu destabilisieren.

Prof. Dr. S. Wirz, Paulus Akademie

Dienstleistungen ohne Menschen

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie

Self-Check-out bei Migros und Coop, Web-Check-in bei den Fluggesellschaften, Banken ohne Schalter, Pflegeroboter in Japan – und in Zukunft selbststeuernde LKWs ohne Chauffeure auf unseren Autobahnen? Schleichend, aber mit ungeheurer Wucht verändert sich unsere Dienstleistungs-gesellschaft. Wer es noch nicht bemerkt hat: Immer öfter erbringen wir Kunden selbst die Dienstleistung: Wir scannen beim Einkaufen die Preise unserer Waren ein und erledigen beim Ausgang gleich selbst die Abrechnung. Beim Abfluggate am Flughafen stehen wir, wenn wir Economy Class fliegen, vor dem „Gatter“ und öffnen durch das Einscannen der Boarding Card uns selbst die Türen.

Als Sohn eines Swissair-Mitarbeiters durfte ich schon in Kindheitstagen relativ viel fliegen. Beim Check-in wünschte die Dame am Schalter jedem einen guten Flug, beim Boarding vor dem Verlassen des Flughafengebäudes genauso. Sie werden nun sagen, das hat die Fluggesellschaft ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern so antrainiert, ob der Wunsch deshalb aus dem Herzen kam? Die paar Worte mögen durchaus etwas Mechanisches an sich gehabt haben, aber es war für beide, für den Kunden und den Angestellten, doch ein kurzer persönlicher Augenblick. Und einen guten Wunsch zu vernehmen, ist allemal ein Lächeln wert.

Kürzlich flog ich von Wien nach Zürich. Für einmal hatte ich ein Gepäckstück aufzugeben. Ich probierte den automatischen Check-in, bei dem man gleich selbst den Koffer auf das Transportband stellt und ihn eincheckt. Irgendwie funktionierte das Einscannen des Strichcodes nicht. Ich schaute mich hilfesuchend um und erblickte eine Mitarbeiterin, die für solche Fälle beim automatischen Check-in ihre Dienste anbietet. Leider war sie eine Ausnahme von der Regel österreichischer Gastfreundschaft. Zögernd und mit finsterer Mine kam sie meiner Bitte um Unterstützung nach. Später dachte ich mir, vielleicht war sie so wenig hilfsbereit, weil sie erkannte, dass mit diesen technischen Neuerungen in kurzer Zeit eine ganze Berufsgruppe verschwinden wird.

Kommen nach der Landwirtschaft und der Industrie nun auch die Dienstleistungen unter Rationalisierungsdruck? So ist es. In unserer Hochlohn-Gesellschaft sind persönliche Dienstleistungen ein Luxus geworden. Geht dann unserer Gesellschaft die Arbeit aus? Ich habe diese Frage schon öfters in meinem Leben gehört, deshalb male ich kein Schreckensszenario an die Wand. Ich denke, dass durch Innovationen wieder neue Arbeitsmöglichkeiten geschaffen werden.

Ob aber das Persönliche durch diese Rationalisierungen nicht auf der Strecke bleibt, da bin ich weniger optimistisch. Erkennen wir überhaupt noch den Wert einer persönlichen Begegnung? Welche Einstellung haben wir zum Kernwort der Dienstleistungsgesellschaft, nämlich anderen Menschen einen Dienst erweisen?

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie Zürich

Der bevormundete Konsument

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

Sie kaufen noch ein, was Ihnen gefällt und schmeckt? Fürchten Sie nicht, mit einem solchen Verhalten in eine gesellschaftliche Minderheitsposition zu geraten? Was sagen dazu Ihre Freunde?

Heute ist es doch so, dass es beim Kauf eines Kleidungsstücks oder eines Lebensmittels gar nicht mehr um Sie selbst und um Ihr persönliches Glück geht. Die „kritische Öffentlichkeit“ erwartet von Ihnen, dass Sie sich vor dem Kauf darüber informieren, wie das Kleidungsstück produziert oder das Lebensmittel erzeugt wurde. Haben alle Produzenten in der Wertschöpfungskette sozial- und umweltverträglich gehandelt? Sie wissen es nicht? Sie kümmern sich um keine Gütesiegel und Labels, die Ihnen das Nachforschen abnehmen und die Sozial- und Ökologieverträglichkeit „garantieren“? Die Gemeinschaft der Steuer- und Krankenkassenprämienzahler erwartet zudem von Ihnen, dass Sie sich gesund ernähren und auch genügend Sport betreiben. Sie rauchen? Sie sind übergewichtig? Das geht keinesfalls mehr, solche Verhaltensweisen geraten heutzutage in den Geruch, asozial zu sein. Veganer bzw. zumindest Vegetarier zu sein, gilt hingegen als chic.

Diese Auflistung liesse sich beliebig lang fortsetzen. Ich bin auch für ein überlegtes und verantwortungsbewusstes Konsumieren. Was mich aber an dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Konsumdiskurs stört, ist der Trend zur Übermoral und zur Bevormundung.

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren warnten die Konsumkritiker noch vor den Manipulationsversuchen der Hersteller und des Handels. Haben Sie auch Vance Packards „Geheime Verführer“ oder John Kenneth Galbraith’ „Überflussgesellschaft“ gelesen? Sie waren davon überzeugt, dass die Konsumentensouveränität von der Produzentensouveränität abgelöst worden sei und skizzierten eine Wirtschaft als „Perpetuum mobile“ von künstlich geschaffenen Bedürfnissen und Gütern zu deren Befriedigung. Sättigung komme in dieser Gesellschaft nicht mehr vor.

Wir haben in der Zwischenzeit gelernt, mit Marketing und Werbung umzugehen. Heute zeichnen die Konsumkritiker von uns Konsumenten nicht das Bild von einfältigen manipulierten Wesen, sondern sie fordern von uns, dass wir die Moral der Welt retten. Wir treten in der konsumethischen Literatur als Konsumbürger („consumer citizen“) auf, die ökonomisch, ethisch, sozial und ökologisch informiert und aufgeklärt sind. Wir werden als Akteure gesehen, die die Unternehmen zu mehr Moral zwingen können. Durch die neuen Medien können gezielte Kauf- oder Nichtkauf-Entscheidungen kollektiv verstärkt werden: als Aufrufe zum gezielten Kaufen („buycott“) bzw. zum gezielten Nichtkaufen („boycott“). Unternehmen sollen also für ihr moralisches Handeln belohnt bzw. für ihr unmoralisches Verhalten bestraft werden.

Der Charme dieses Ansatzes liegt zweifellos darin, dieses Ziel nicht über staatliche Interventionen, sondern zivilgesellschaftlich, über marktwirtschaftlich konforme Massnahmen, erreichen zu wollen. Aber überfordert uns dieses Konzept nicht? Haben wir für ein solches Handeln ausreichende und verlässliche Informationen? Geraten wir nicht in die Gefahr, dass bestimmte Interessensgruppen uns das „gute Leben“ vorschreiben und uns die Lebensfreude vergällen?

Was zählt beim Geldanlegen?

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

Bei den heutigen niedrigen Zinsen überlegt sich mancher, ob sich das Sparen überhaupt noch lohnt. Vor dem Komma steht schon seit längerer Zeit eine Null, hinter dem Komma sieht es auch nicht viel besser aus. Mehr Zins- bzw. Dividendenertrag bringen riskantere Anlageformen. Beispielsweise Aktien.

Will man dieses Risiko eingehen? Wem gibt man da seinen Sparbatzen? Neben Abklärungen über die finanzielle Solidität des Unternehmens zerbrechen sich immer mehr Anleger auch den Kopf darüber, ob das Unternehmen „ethisch“ wirtschaftet. Das Schlagwort des „ethischen Investierens“ ist seit einigen Jahren in Mode. Es geht darum, dass Gelder von privaten und juristischen Personen in jene Branchen und Firmen fliessen, die sozial- und ökologieverträglich handeln. Doch was heisst „sozial- und ökologieverträglich“?

„Ist doch klar“, werden einige sagen, „das sind jene Unternehmen, die keine Kinderarbeit zulassen, nicht im Rüstungssektor tätig sind und Wasser und Luft nicht verschmutzen“. Aber kann man Unternehmen wirklich so klar in „gute“ und „schlechte“ Unternehmen trennen? Wie erkennt man, ob Unternehmen in der Praxis das einhalten, was sie nach aussen kommunizieren? Wer stellt das fest aufgrund welchen Wertekanons?

In den letzten Jahren sind eine Reihe von Finanzdienstleistern entstanden, die im Bereich des „ethischen Investments“ ihre Expertise und Beratung sowie entsprechende Anlagevehikel anbieten. Sie greifen dabei auf unterschiedliche ethische Bewertungsmassstäbe und Anlage-Strategien zurück. Für den potentiellen Anleger ist nicht immer ganz leicht zu erkennen, welche Vor- und Nachteile diese verschiedenen Ansätze bieten.

Hier möchte die Paulus-Akademie Orientierungshilfe bieten: Mit der Veranstaltung vom 19. Mai sollen den Teilnehmenden zusätzliche Informationen über die verschiedenen Konzepte des ethischen Anlegens gegeben werden. Und wie es sich für die Paulus-Akademie gehört, setzt sie die Frage nach dem ethischen Investment noch eine Ebene früher an: Führt das ethische Investment wirklich zu einer sozial- und ökologieverträglicheren Wirtschaft? Was ist daran bloss eine Modeerscheinung, ein kluger Marketing-Schachzug von Teilen der Finanzdienstleistungsindustrie? Es geht an dieser Veranstaltung letztlich über Sinn und Unsinn des ethischen Investments.

Wider die Jammerei in der Schweizer Wirtschaft

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie

Nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank waren die Klagen der Export- und Tourismus-wirtschaft und der Gewerkschaften nicht zu überhören. Unterstützt wurden sie durch Konjunkturforschungs- und Prognoseinstitute, die auf wissenschaftlicher Grundlage – und damit wohl sakrosankt – erklärten, dass die Schweiz nun unweigerlich in die Rezession schlittern wird mit höchst negativen Folgen für die Beschäftigung und die Lohnentwicklung. Für verschiedene Branchen schien angesichts dieser bedrohlichen volkswirtschaftlichen Situation der richtige Zeitpunkt gekommen, um ihre Interessen mit Nachdruck zu vertreten: „Jetzt müssen die Rahmenbedingungen branchenfreundlich angepasst werden, sonst droht der Wegzug oder die Auslagerung von Arbeitsplätzen aus der Schweiz.“ Einige Unternehmen konnten nun ihre schon länger geplante Verschiebung von Arbeitsplätzen mit dem „hohen Frankenkurs“ rechtfertigen und damit die Verantwortung der Nationalbank zuschanzen. Diese geriet auch von Politikern und Parteien unter Druck, die die Chance für gekommen sahen, die Unabhängigkeit der Nationalbank „ein wenig“ einzuschränken. Kann sich denn die Schweiz den Sonderfall einer unabhängigen Nationalbank leisten, in einer Zeit, wo wichtige andere Zentralbanken in den Sog politischer Entscheidungen geraten sind?

„Yes, we can“, sollten wir diesen Politikern sagen. Die Stabilität unserer Währung und unserer Wirtschaft verdanken wir zu einem erheblichen Teil dieser Unabhängigkeit. Die Geldpolitik ist damit kurzfristigen Überlegungen der Politiker entzogen, die dem Stimmvolk allzu gerne Wahlgeschenke angedeihen lassen wollen.

Die letzten Tage zeigten, dass das Jammern der Unternehmen und Gewerkschaften zwar Methode hat, aber die wirtschaftliche Realität nicht gar so trist aussieht, wie sie interessehalber gemalt wird. Die Konjunktur- und Prognoseinstitute stellen nun – auch wiederum wissenschaftlich – fest, dass die Schweiz 2015 sogar wachsen wird, trotz hohem Frankenkurs. Die Arbeitslosenquote wird sich kaum verändern. Die Unternehmen haben in der Regel volle Auftragsbücher. Sie profitieren aufgrund des hohen Frankenkurses von tieferen Preisen bei der Beschaffung von Vorprodukten und Dienstleistungen im Euro-Raum – ein Vorteil, den die Unternehmen nur verschämt andeuten. International tätige Firmen wickeln schon seit längerer Zeit Einkauf und Verkauf von Produkten möglichst in annähernd gleicher Höhe im jeweiligen Währungsraum ab, um die Transaktionskosten möglichst gering zu halten.

Und die Moral bzw. Philosophie an der Geschichte? Die Zukunft ist für uns Menschen eben nicht vorhersehbar, wissenschaftliche Forschungsinstitute hin oder her. Wir Bürger sollten uns deshalb von denen, die das Geschäft mit der Angst betreiben, nicht ins Bockshorn jagen und zu politisch unüberlegten Entscheidungen verleiten lassen.

Aktionärsdemokratie: eine Illusion?!

Prof. Dr. Stefan Wirz, Paulus Akademie

Prof. Dr. Stefan Wirz, Paulus Akademie

Aktien sind wieder gefragt: Angesichts der Tiefzinspolitik der Zentralbanken bringen klassische Sparformen wie Sparbüchlein und Kassenobligationen keinen Ertrag mehr. Die Aktienanlage ist zwar riskanter, doch hofft der Kleinanleger beim Kauf seiner Aktien auf eine gute Dividende und auf steigende Kurse. Bei einigen Unternehmen gibt es bei der Generalversammlung auch einen „free lunch“ oder ein „Schoki-Paket“, was zahlreiche Kleinaktionäre als „Zugabe“ gerne mitnehmen.

Vielleicht träumt der eine oder die andere auch davon, als Aktionärin oder Aktionär die Geschicke des Unternehmens mitbestimmen zu können. Weite Teile der Bevölkerung übertragen ihr Idealbild von der Demokratie auf die Eigentumsverhältnisse eines Unternehmens. Ähnlich einer Landsgemeinde als Versammlungsstätte mündiger Bürger erwartet man an einer Generalversammlung verantwortungsvolle und firmentreue (Klein-)Aktionäre, die um das langfristige Wohl des Unternehmens ringen und nach ihrem besten Wissen und Gewissen abstimmen.

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Statt „one man, one vote“ zählt bei einer Generalversammlung der jeweilige finanzielle Einsatz; nicht die physisch präsenten Kleinaktionäre geben den Ausschlag, sondern die Stimmenpakete grosser institutioneller Investoren. Das langfristige Schicksal des Unternehmens ist dabei für einen Grossteil der Aktionäre von geringem Interesse. Sie halten die Aktien nicht, weil sie sich mit dem Unternehmen identifizieren, sondern weil sie mit ihm bestimmte Rendite-Erwartungen hegen. Alles andere sind romantische Vorstellungen.

Sie sagen, das ist mir egal; ich habe doch keine Aktien? Dann sage ich Ihnen: Über Ihre Pensionskasse sind auch Sie Aktionärin oder Aktionär. Pensionskassen halten gemäss ihrer Anlagestrategie auch Aktien von Unternehmen oder Anteile von Aktienfonds. Nach der Annahme der Minder-Initiative sind Pensionskassen verpflichtet, ihre Aktionärsrechte im Interesse ihrer Versicherten auszuüben und ihre Stimmabgabe offenzulegen.

Doch was sind die Interessen der Pensionskassen-Versicherten? Dass das Unternehmen einen hohen Gewinn erzielt respektive eine hohe Dividende an die Pensionskasse ausbezahlt? Dass das Unternehmen sozial- und umweltverträglich wirtschaftet? Weil insbesondere kleinere Pensionskassen bei diesen Fragestellungen schnell einmal überfordert sein können, entsteht gegenwärtig ein neuer Geschäftszweig: Institutionelle Stimmrechtsberater bieten sich den Pensionskassen an, um ihnen Informationen und Abstimmungsempfehlungen zu geben. Damit üben sie viel Macht aus.

Zwei Veranstaltungen der Paulus-Akademie informieren über diese neuen Entwicklungen rund um die Aktie:
Donnerstag 26. März 19:00 – 20:30 –> hier geht es zum Flyer
Dienstag 14. April 19:00 – 21:00      –>  hier geht es zum Flyer

Ausverkauf – Wie mich Xherdan Shaqiris Transfer zum Nachdenken brachte

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

In vielen Ländern war früher der Ausverkauf, der Winter- und Sommerschlussverkauf, streng reglementiert. Nur innerhalb eines bestimmten Zeitfensters konnten die Waren zu einem stark reduzierten Preis verkauft werden, zur Räumung der Lager am Ende einer Saison. Heute, im Zuge der Liberalisierung, sind diese starren Regelungen vielerorts gelockert worden.

Im Fussball gelten noch die alten Bräuche. Das mediale Dezember-Rätselraten, verlässt jetzt Shaqiri den FC Bayern oder nicht, machte auch fussballabstinenten Kreisen klar, dass im Fussball der Arbeitgeber nur innerhalb bestimmter Transferperioden gewechselt werden kann. Und noch eines wurde einem wieder in aller Deutlichkeit bewusst: der Warencharakter des Transfergeschäfts. Da wird nach Herzenslust gefeilscht, wer wann zu welchem Preis gehen darf oder nicht. Bei Abschliessung der Verträge wird die Vertragserfüllung ohnehin nicht mehr erwartet; Verträge spielen nur insofern eine Rolle, dass je nach noch geltender Vertragsdauer die Ablösesumme unterschiedlich hoch ausfallen wird. Am grossen Reibach verdienen viele mit: Vereine, Spieler, Berater usw. Im Fall von Shaqiri offenbar auch der vorletzte Arbeitgeber, der FC Basel.

Ein Sportler ist auch nicht mehr nur ein Mensch, sondern eine Marke. Früher waren nur Waren Markenprodukte, heute ist die Person selbst eine Marke. Das bedeutet, dass er eine genau festgelegte „Corporate Identity“ befolgen muss: sein Kleidungsstil wird festgelegt, die Art und Weise seines öffentlichen Auftritts, die Kommunikationsform in den Social Media. Caritative Engagements stehen dem Spitzenverdiener gut an und müssen entsprechend geplant und publiziert werden. Viele PR-Berater arbeiten an diesem Image mit dem Ziel, diesen Marken-Status für ihren Auftraggeber zu erreichen. Markenprodukte, das wissen wir aus dem Konsumgüter-Marketing, lassen sich zu einem höheren Preis verkaufen.

So ist die Bereitschaft der Sportler (und auch anderer Zeitgenossen aus Politik, Wirtschaft und Kunst) hoch, an diesem Markenprozess mitzuwirken. Doch sie bekommen nicht nur, sie müssen auch einen Preis entrichten. Sie können nicht mehr sich selber sein: Ich muss mein Image sein. Formulieren wir das Ganze in der Sprache der Philosophie, mit Immanuel Kant: Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Wer nur auf den (eigenen Markt-)Preis schaut, dem kostet es letztlich seine Würde.

Und die Fans der Fussballvereine, die das alles mitfinanzieren? Wie der begeisterte Empfang der Fussballstars in ihrer neuen Umgebung zeigt, lassen sich die Fans gerne von den orchestrierten Events verführen. Auch ihnen ist wohl klar, dass Loyalität und Vertragstreue und die an jedem Arbeitsort wiederholten Liebesschwüre, beim besten Verein zu sein, nicht für bare Münze zu nehmen sind, sondern eher gegen bare Münze eingetauscht werden. Ihre moralischen Ansprüche sind bescheiden geworden. Nicht so die monetären Ansprüche der Spieler – frappant wie wenig die hohen Bezüge in der Gesellschaft kritisiert werden, ganz im Gegensatz zur Abzocker-Diskussion bei den Managern. Ob die Vasellas & Co, nicht doch den schwierigeren Job haben und mehr für das Gemeinwohl tun als die Ronaldos & Co?

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie Zürich