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Erleben wir eine Renaissance der Führungstugenden?

Prof. Dr. Stefan Wirz, Paulus Akademie

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie

„In einem freien Wirtschaftssystem gibt es nur eine einzige Verantwortung für
die Beteiligten: Sie besagt, dass die verfügbaren Mittel möglichst gewinnbringend
eingesetzt und Unternehmungen unter dem Gesichtspunkt der grösstmöglichen
Profitabilität geführt werden müssen, solange dies unter Berücksichtigung der
festgelegten Regeln des Spiels geschieht, d. h. unter Beachtung der Regeln des
offenen und freien Wettbewerbs und ohne Betrugs- und Täuschungsmanöver.“

Milton Friedman, von dem dieses Zitat stammt, ist kein Verächter menschlicher Verantwortung, wie ein erster Eindruck dieses Zitats vielleicht vermuten lässt. Ein solcher Gewinn zeigt nämlich an, so dürfen wir seinen Gedankengang fortführen, dass das Unternehmen den Kundenbedarf effizient und wirksam deckt, also gemeinwohlfördernd arbeitet. Dennoch stösst diese marktwirtschaftliche Logik in manchen Bevölkerungskreisen auf Reserviertheit, ja Ablehnung. Sie wird als zu kühl empfunden; ihr fehle die soziale Wärme. In der Tat ist mit der eher abstrakten wirtschaftswissenschaftlichen Betrachtungsweise noch nicht der unternehmerische Alltag eingefangen, in dem Menschen miteinander interagieren. Sie tun es nicht als rein rationale «homines oeconomici«, sondern sie treten sich gegenüber und treffen Entscheidungen als Menschen mit Emotionen, Sehnsüchten, Interessen, Sorgen und Begrenzungen.

Unternehmen sind nicht abstrakte Kollektive, sondern sie werden belebt durch Menschen. Wie ein Unternehmen seine unternehmerische Verantwortung interpretiert und lebt, hängt davon ab, welches Verständnis von Verantwortung die einzelnen Führungspersonen dieses Unternehmens haben. Wir sollten deshalb in Zukunft unser Augenmerk wieder stärker auf die Führungsqualitäten legen, auf die fachliche, kommunikative und – horribile dictu – moralische Eignung von Führungspersonen. Ich bin mir bewusst, dass die Vorstellung, wie eine ideale Führungspersönlichkeit auszusehen hat, im Lauf der Jahre mäandert: Einmal wird die starke, charismatische Führungsperson gelobt, die über eine klare Vision von der zukünftigen Gestalt der Organisation verfügt und diese auch mit «harter Hand» durchsetzt. Zu einem anderen Zeitpunkt wird der seine Mitarbeiter einbeziehende, empathische Moderator gerühmt. Doch das ist kein Grund, auf den Diskurs über Führungstugenden zu verzichten.
Welches Führungsbild zeichnet sich gegenwärtig ab? Gibt es nach den stark pekuniär motivierten und sich selbst inszenierenden Managern gar eine Renaissance für Demut und Bescheidenheit als Führungstugenden? Ein solcher Eindruck speist sich nach meinem Dafürhalten aus drei Quellen:

  • Erstens erkennen die Führungspersonen in Unternehmen, wirtschaftsnahen Verbänden und Parteien, dass sich Reputationsdefizite nachteilig auswirken. In einer direkten Demokratie werden die abstimmungsmässigen «Kosten» mangelnder Reputation in Form von weniger unternehmensfreundlichen Rahmenbedingungen relativ rasch ersichtlich.
  • Zweitens erfährt das Bild des Patrons heute eine neue Wertschätzung. Dabei steht nicht mehr der absolutistisch regierende Unternehmenschef des 19. Jahrhunderts vor Augen, sondern der Unternehmer, der für den nachhaltigen Erfolg «seines» Unternehmens kämpft, für seine Mitarbeiterschaft eintritt und zugleich auch ein «homme (oder femme) politique» ist, sich also für das Wohlergehen des Gemeinwesens einsetzt.
  • Die dritte Quelle ist die mediale Berichterstattung über die Lebensweise und das Führungsverhalten von Papst Franziskus. Plötzlich sind Bescheidenheit und Demut, über Kirchengrenzen hinweg, chic geworden. Wer kann sich da noch «demonstrativen Konsum» und arrogantes Auftreten leisten?

Der Diskurs über Führungsqualitäten läuft. Stehen wir auch in der Unternehmenswelt vor einem tugendethischen Durchbruch oder ist das alles doch nur geschickte Inszenierung?

Prof. Dr. Stephan Wirz, Leiter Studienbereich Wirtschaft und Arbeit, Paulus Akademie Zürich