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Gratuliere zum Geburtstag, Dr. Christoph Blocher

 

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Am kommenden Sonntag, dem 11. Oktober, wird Dr. Christoph Blocher 75 Jahre alt. Keiner hat so wie er seit über einer Generation die Schweizer Politik geprägt, keiner hat so viel verändert. Jetzt liefert er, wieder einmal, den Wahlkampf seines Lebens, denn mit 79 Jahren, in vier Jahren, lebt er in der gleichen biologischen Gefahrenzone wie derzeit FIFA-Präsident Joseph S. Blatter. Hat Christoph Blocher, den man nicht Jubilar nennen mag, sein politisches Lebensziel erreicht? Ist das Schweizer Volk seinen Rufen gefolgt, die Unabhängigkeit des Landes zu bewahren? Man ist geneigt zu sagen, dies ist nicht ausreichend der Fall. Erst der 18. Oktober, das kommende Wahlwochenende, wird zeigen, ob der Schweizerischen Volkspartei der lange ersehnte Durchbruch und damit auch der zweite Bundesrat gelingt.

Es ist nur die Flüchtlings- oder die Zuwanderungsfrage, die Christoph Blocher wieder auf den Thron bringen kann, den er als Bundesrat schon einmal bestiegen hatte. Jene 27% der Wählerinnen und Wähler, die er sicher in der Tasche hat, werden überlagert von weiteren mindestens 30% der Bevölkerung, die Angst vor zu viel Ausländern haben, weil sie – nicht ganz zu Unrecht – befürchten, ihre Traumschweiz des 20. Jahrhunderts werde im neuen 21. Jahrhundert zu Trümmern.

Blocher kommt an seinem Geburtstag zugute, dass Konkurrent Philippe Müller, Präsident der FDP Schweiz und Erbe vieler Niederlagen seiner Partei, nicht wirklich einen durchgreifenden Wahlkampf führte. Der Wind des Wandels treibt ihm offensichtlich enttäuschte Wähler der grünen Mittelinks-Parteien zu. Ob dies für einen dauerhaften Aufschwung der Freisinnigen genug ist, wird sich bald zeigen. Christoph Darbellays schmelzender Gletscher, der sich CVP nennt, lebt wohl nur noch von der Nostalgie, nicht unähnlich der SP Schweiz, die unter Christian Lévrat in eine merkwürdige Starre verfallen ist.

Christoph Blocher, Anarchist, der ausser seiner Herrschaft nie eine andere geduldet hat, ist einer der bedeutendsten Unternehmer unseres Landes geworden. Mit grosszügigen Stiftungen hat er etwas von dem Geld zurück erstattet, das er als durchaus raffinierter Investor mit gewagten Manövern gewonnen hat. Wie er die Emser Werke übernommen hat, ist legendär. Schon jung hat er damals seinen Instinkt für den kühnen Zugriff bewiesen.

War Christoph Blocher gut für unser Land? Ich denke ja, denn gerade der Abstand zur Europäischen Union (EU) hat unser Land attraktiv gemacht für viele. Wenn unser jetziger Bundesrat vieles von dem verschenkt, was die Eigenart der Schweiz ausmacht, ist dies eine Tragödie für alle. Blocher marschiert immer in die gleiche Richtung, während gleichzeitig der Boden unter ihm wegrutscht.

Ist für den jetzt 75jährigen ein gutes Ende vorstellbar? Wirtschaftlich müssen wir uns keine Sorge um ihn machen. Innenpolitisch hat er eine neue Mannschaft aufgebaut; die alte SVP-Garde hat, teilweise unter sanftem Zwang, die Ränge verlassen. Albert Rösti in Bern, der Wahlkampfleiter der schweizerischen SVP, der einen ausgezeichneten Job macht, darf mit Aufstieg rechnen. Der intellektuelle Roger Köppel, seit zwanzig Jahren in einem Steigerungslauf, wird am 18. Oktober beweisen müssen, ob er auch „das Volk“ überzeugen konnte.

Wohin aber geht die Schweiz wirklich? Längst haben die grossen Banken und Konzerne im Land das Sagen, ausgedrückt durch den Machtanspruch der économiesuisse. Wer an ihnen vorbei politisieren will, hat kaum eine Chance. Das gilt auch für den Schweizerischen Gewerbeverband mit Hans-Ulrich Bigler, der in der politischen Kampagnenführung zu den Talenten zählt und koordiniert mit der économiesuisse vorgeht.

Christoph Blocher, zur Elite der Schweiz zählend, ist immer ein wenig Aussenseiter geblieben. Sein harter Schwabenschädel duldet keine Unterwerfung, war es doch das Volk seines Urgrossvaters, das in den USA, in Russland und in Siebenbürgen grosse Kulturen aufgebaut hat.

Er ist bereits in eine spielende Phase eingetreten, wo man das Leben nicht mehr ganz so ernst nimmt, wie zu Beginn. Wenn die Freisinnigen mit linker Unterstützung den Weg nach Brüssel antreten, um dort die Freiheit der Schweiz stückweise zu verkaufen, wird er als „Alter vom Berge“ in seiner Burg in Bünden sitzen und jene Schweiz suchen, die seinen Vorfahren so teuer gewesen ist.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Vom Wandel zur Apotheose?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Weil sich in unserem Land vor den Herbstwahlen ohnehin alles überschlägt und viele nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht, tut es gut, sich den untergründigen Strömungen hinzuwenden, die mehr bestimmen, als es die öffentlichen Medien wahrnehmen wollen.

Womit niemand gerechnet hat: Das „Magazin“ des „Tagesanzeiger“, geführt vom sensiblen Bündner Finn Canonica, hat in der Ausgabe 35/2015 einen längeren Artikel des Berner Schriftstellers E.Y. Meyer publiziert, worin er ein Gemälde Albert Ankers und ein Foto von Friedrich Dürrenmatt analysiert. E.Y. Meyer ist der volle Kontrast zu den vier Kandidatinnen für den Schweizer Buchpreis 2015, der in Kürze wieder vergeben wird; am ehesten nähert sich die Langsam-Schreiberin Ruth Schweikert sprachlich dem 2011 für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagenen Schweizer Grossschriftsteller.

Noch erstaunlicher: Meyers „Magazin“-Artikel löst eine Fülle positiver Reaktionen im ganzen Land aus. Es melden sich aus allen Landesteilen sonst schweigsame Menschen zu Wort, die sich in ihm besser erkennen als in der Neu-Literatur des 21. Jahrhunderts.

Was bietet E.Y. Meyer? Seine beiden letzten Bücher sind bei Stämpfli in Bern erschienen. Sie heissen „Wandlung“ und „Apotheose“ und müssen, um verständlich zu werden, hintereinander gelesen werden. Meyer zeigt, wie die Schweiz sich wandelt und die Menschen den Aufstieg zur Apotheose suchen. Damit ist der Autor hoch aktuell.

Die Schweiz erlebt einen von vielen als dramatisch empfundenen Wandel, aber gelingt auch die Apotheose, die uneinholbare Vergöttlichung von Menschen, die alles erreicht haben?

Soeben wurde im Nationalrat die Initiative für ein Grundeinkommen für jeden Schweizer abgeschmettert. Für die Antrag stellenden Basler wäre es die perfekte Apotheose, wenn jeder Schweizer, ohne zu arbeiten, gut 2000 Franken netto im Monat vom Staat und Steuerzahler beziehen könnte. Reizvoll ist es, dass hinter der Initiative eine Basler Milliardärin steht, Beatrice Oeri, deren Urgrossvater den Weltkonzern Hoffmann-LaRoche gegründet hat. Sie unterstützt auch die in Dornach bei Basel ansässigen Anthroposophen der Rudolf Steiner-Bewegung, die eine Apotheose eigener Art betreiben.

Der Traum der Schweiz, dem Himmel nahe zu sein, wird von Eindringlingen jäh gestört. Nahe beim Volk sind es die Zuwanderer aus dem Nahen Osten und Afrika, welche die Schweizer Apotheose miterleben möchten. „Sie klopfen nicht an, sondern schlagen die Tür ein“, sagt Victor Orban, der sich belagert fühlende Präsident Ungarns. Weiter oben ist es US-Justizministerin Loretta Lynch, die ein Jahr vor ihrer sicheren Abwahl den in Zürich ansässigen Weltfussballverband FIFA in die Knie zwingen will, wo als Präsident der Walliser Joseph („Sepp“) Blatter die Festung verteidigt. Lynch, ob der knochentrockenen Schweizer Verteidigung leicht unzufrieden, hat sich nun auf den deutschen Volkswagen-Konzern gestürzt.

Vom Wandel zur Apotheose – ob unserem Land das Kunststück gelingt? Wer sich nicht festlegen will, kann mindestens bestätigen: „Wir sind unterwegs.“

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Der Aufbruch findet nicht statt.

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Es sind sublime Entscheidungsfaktoren, die Karrieren begünstigen oder hemmen können. Im jetzt seinen Höhepunkt erreichenden Wahlkampf vor dem Entscheidungstag vom 18. Oktober sind die Wählerinnen und Wähler auf viele sachlich-neutrale Informationen angewiesen. Wer glaubt, diese würden angeboten, der irrt.

1. Die Prominenz der Parteien darf in der „Arena“ des Schweizer Fernsehens auftreten und in anderen öffentlichkeitswirksamen Sendungen. Wer als Politiker dort angelangt ist, dem ist die Wahl fast sicher. Die gleiche Rolle spielt der „SonnTalk“ im Peter Wanner’schen Medienverbund, wo Markus Gilli die politischen Karrieren bestimmt. Wer ausgeschlossen wird, weil er zu wenig medienwirksam ist, braucht die starke Hilfe seiner Partei oder befreundeter Organisationen.

2. Wie die „Schweizer Illustrierte“ sich die Namen tüchtiger Jungpolitiker von den Parteien nennen lässt, ohne sich selbst ein Urteil zu bilden, beschränken sich die meisten Regionalredaktionen darauf, nur die bereits im Amt befindlichen Spitzenkandidaten ausführlich vorzustellen. Mit Sicherheit befinden sich unter den hundert weiteren Kandidaten in einem Kanton ebenso begabte Nachwuchstalente. Sie haben nur selten eine Chance, von den Medien „entdeckt“ zu werden. Auch damit werden die Platzhalter begünstigt. Die Redaktionen erklären dieses Verhalten mit eigener Überforderung, da sie weder Zeit noch Personal haben, derlei zu leisten.

Kein Wunder, dass der immer wieder verlangte oder erhoffte Aufbruch damit nicht stattfinden kann. Weil politische Erfolge viel mit Macht zu tun haben, sind politische Neueinsteiger immer ein Risiko, das zu mindern oder mindestens berechenbar zu machen die Aufgabe der Parteizentralen ist.

Die politisch erfahrenen Kandidaten wissen dies und benutzen jeden Wahlkampf dazu, den nächsten vorzubereiten. Wer den Fuss einmal auf die rotierende Karriereleiter gesetzt hat, wird sie, je nach Talent, rascher oder langsamer hinauf klettern. Das Ziel, in seinem Kanton oder auf nationaler Ebene in Bern, etwas durchsetzen zu dürfen, ist zu verlockend.

Weil diese Selektion mühsam ist, dazu viel Zeit und Geld verschlingt, ist ein echter Aufbruch in Bern eher unwahrscheinlich. Die Fraktionsdisziplin ist strenger geworden; wer sich dieser entzieht, gilt bald einmal als bunter Vogel.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Brauchen wir den Kanton Glarus noch?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Wer mit politischen Schwergewichten zusammen sitzt, hört immer häufiger den Satz „In einer Generation werden wir nur noch 5-7 selbständige Kantone haben.“ Der Abfluss von Steuerkraft, der Auszug der talentierten jungen Menschen und der steigende Verwaltungsaufwand sind die Damoklesschwerter, welche den Untergang vieler Kantone zur Folge haben werden.

Wer sich dagegen wehrt, sind kantonale Parteien und Politiker, die auf Kosten ihrer mittelständischen Steuerzahler sehr attraktive und bequeme Jobs haben. Ich kenne Staats- und Regierungsräte, die schon seit zehn Jahren und mehr im Amt sind und nie etwas Nennenswertes geleistet haben. Andere haben das Schul- und Sozialwesen mehr ruiniert als optimiert. Weil sie die Deckung ihrer Parteifreunde und der Verwaltung haben, fällt das nicht weiter auf.

Die kantonalen Medien, an Qualität laufend verlierend, haben auch keinen Grund, ihre politische Scheinautonomie leichtfertig infrage zu stellen. Sie werden vom Bund und der SRG immer höher subventioniert, was den Verlegern kein sorgenfreies, aber ein erträgliches Leben gestattet.

Es stellt sich, stellvertretend für andere, die Frage: Brauchen wir den Kanton Glarus noch? Er hat ohnehin nur zwei Gemeinden, dazu einen Tourismus, der sich auf wenige Standorte (Braunwald) beschränkt, und eine Industrie, die langsam abwandert. Der einst progressive Kanton hat die Moderne weitgehend verschlafen. Es fehlt ihm das Geld, um eine nennenswerte Modernisierung zu verwirklichen; es fehlen ihm auch die Menschen, welche die Globalisierung und deren Konsequenzen verstehen.

Ergo, wir brauchen den Kanton Glarus als selbständigen Kanton eigentlich nicht mehr. Der „Zigerschlitz“, schon sein alter Name drückt dies aus, ist zum zugewandten Ort für das aufstrebende Rapperswil-Jona und die finanzstarken Innerschweizer Kantone geworden. Sie werden getragen vom expandierenden Grossraum Zürich, der in den kommenden zehn Jahren mit mindestens 200 000 Zuwanderern rechnet. Das ist es, was zählt.

Dem ebenso einwohnerschwachen Kanton Uri geht es nicht besser. Wenn die zweite Gotthard-Röhre kommt, woran nicht gezweifelt werden kann, bleibt von Uri nur ein Schlauch übrig, durch den Europas PKW und LKW von Nord nach Süd und zurück fahren werden. Ob die wenigen industriellen Säulen dann wirklich vor Ort überleben werden, wird sich erst in einer Generation zeigen. Wie die Burkhalter die Sika und Thomas Schmidheiny die Holcim aufgegeben hat, die Kaba sich einem deutschen Konzern angeschlossen hat, werden weitere Schweizer Firmen ähnliche Wege suchen, sei es für den Erhalt der Firma in einer Scheinselbständigkeit oder zur Sicherung des Familienkapitals. Der Urner Talboden wird dann europäisiert; aus Urner Tradition wird dann Folklore.

Im Westen nicht anders: Viele Oberwalliser, die in diesen Tagen im französischsprachigen Sion das 200jährige Jubiläum des Beitritts des Kantons Wallis zur Schweiz feiern müssen, nennen sich heute schon „Bernwalliser“. Von der Berner Regierung wird dies mit Wohlwollen aufgenommen. Die deutschsprachigen Oberwalliser, die sich selber nur „Walliser“ nennen, gelten als fleissig und zuverlässig. Da es nur noch 67 000 von ihnen gibt und das Französisch sprechende Unterwallis stärker wächst, fühlen sich die Vor-napoléonischen einstigen Herren des Wallis heute unterdrückt. Wie üblich, sind es die Besten, die den Fluchtweg über Bern, Basel und Zürich in die Deutsche Schweiz suchen.

Ein Kanton, der sich nicht selber finanzieren kann, hat, dauert dies an, seine Selbständigkeit verspielt. Wie das Unterwallis zu Recht als lémanischer Landesteil gilt, kann man den Kanton Fribourg der Waadt zuschlagen. Der Kanton Jura, eine politische Fehlgeburt, wird den gleichen Weg Richtung Genf gehen wollen, nachdem die Berner Regierung nie das Vertrauen der Béliers gefunden hat.

Sind dies nur Gedankenspiele oder ist dies baldige Realität? Die Schweiz tritt jetzt in eine wirtschaftliche Periode ein, wo nur hoch spezialisierte KMU- und Gewerbebetriebe und global tätige Unternehmen der A-Schweiz eine dauerhafte Überlebenschance haben. Die wirtschaftlich sich öffnenden Landesgrenzen werden, wie dies jetzt schon der Fall ist, zum Niedergang aller Betriebe führen, die Standardprodukte, und diese oft zu teuer, auf den Markt bringen.

Die Steuerleistungen werden eher rückläufig sein. Bund, Kantone und Gemeinden haben dann die Wahl, sich erneut tief zu verschulden oder Sozial- wie Transferleistungen abzubauen.
Wie der Kanton Glarus eine historische Reminiszenz ist, ein Bote aus der Schweizer Vorzeit der Pässe und der Industrialisierung, wo man derlei noch brauchte, sind heute die grossen Schweizer Städte die bestimmenden Faktoren. Der Widerstand der Kantone gegen diese Entwicklung kommt den Steuerzahler immer teurer zu stehen.

Es muss gelten: Wer sich nicht selbst finanzieren kann und seine überzogenen Ansprüche durch Dritte finanzieren lassen muss, hat die volle Autonomie bereits verloren.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Leben wir nicht sorglos?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Das jüngste Sorgenbarometer der Schweiz sagt eigentlich nur eines aus: Wir haben keine ernsthaften Sorgen. Natürlich sind wir besorgt, haben diffuse Ängste und manchmal sogar echten Ärger, aber Sorgen, echte Sorgen, haben nur die wenigsten.

Vor zehn Tagen war ich drei Tage im Goetheanum in Dornach, um mir dort den neuen „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe anzusehen. Dieser „faustische Wille“, alles, aber auch alles in seinen tiefsten Gründen zu erfahren, hat uns seit 250 Jahren weit gebracht. Die Welt ist zusammen gerückt, die Europäer sind sich näher gekommen, die Atombombe hat einen Weltkrieg verhindert und dem genetisch optimierten Menschen kommen steht vor der Tür. Die naturnahe Menschenproduktion wird zunehmend abgelöst von der kulturell gesteuerten Menschenproduktion. Wer im Uterus ungenügende Leistungen zeigt, wird früh abgetrieben. Wer vorzeitig aus dem Leben aussteigen möchte, kann dies in der Schweiz ohne Schwierigkeiten verwirklichen.

Die Walpurgisnacht, wo Frauen sich als Hexen selbst verwirklichen, erleben wir an jedem freundlichen Wochenende in Lausanne, wenn dort die Jugend sich trifft. Es gilt aber auch für jedes öffentliche und private Fest, „wo jeder sich selbst spüren will“ und sein Da-Sein sucht.

Was den Frauen recht ist, gilt auch für die Männer. Wer einst in „Auerbachs Keller“ tobte, sucht heute die Disco auf. „Niedrige Astralität“ wird dies in Dornach genannt; dem kann kaum widersprochen werden.

Plutus, der Gott des Reichtums, herrscht in der Schweiz. „Tatendurst und Schöpferdrang“ stellen wir allerdings kaum noch fest; vielmehr ist Ausverkauf angesagt: Holcim an Lafarge, Sika an Saint-Gobain, die Hotels an die Chinesen. Viele werden diesen Weg noch gehen.

„Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehen“, hätte auch mancher Schweizer Bankier des 20. Jahrhunderts gerne gesagt. Schon nach einer Generation sind sie abgelöst worden durch Deutsche (UBS), Afrikaner (CS Group) oder Amerikaner und Holländer.

Gerade deshalb empfehle ich den Besuch in Dornach. Dort sind mir nur Menschen, jeglichen Alters und aus aller Welt begegnet, die lächeln. Kein falsches Lächeln auf den Stockzähnen, sondern jene warme Herzlichkeit, die sonst in unseren Theatern und Opernhäusern fast ausgestorben ist.

Das Ziel der Schüler Rudolf Steiners ist es, durch Selbsterkenntnis zur Welterkenntnis durchzustossen. Die Begegnung mit dem „luziferischen“ Sein ist ein möglicher Weg hinauf auf den „mons philosophicus“, dessen Ersteigung im 21. Jahrhundert noch vor uns liegt.

Die grösste Gefahr, welcher wir ausgesetzt sind, wird von vielen nicht erkannt: Sind wir doch eingeschlossen wie Homunculus in der Phiole, glauben viel zu wissen und frei zu atmen, während wir isoliert sind im „containment“, das unseren Horizont beschränkt.

Ausbrüche sind nur dann möglich, durchbrechen und erweitern wir das landesübliche Medienangebot. Ganz offensichtlich kommt das Wissen von weit aussen, nicht von innen. Damit sind wir zurück in der Schweizer Wirklichkeit, wie sie sich seit 700 Jahren präsentiert: Es sind die fremden Geister, welche unser Land fortwährend erneuern.

Das ist die gute Botschaft.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Tierischer 5-Tagesabriss in beinahe lautloser Manier

Ilse Oehler

Ilse Oehler

Mitten in der Stadt lebt es sich in den Ferien in diesen Monaten in sich selber ruhend. Nur drei Meter entfernt von meinem Fenster sichte ich einen der drei oft genüsslich an der Sonne liegenden Fuchsmitbewohner in unserem Park. Diesem einen kann ich sogar durch das geschlossene Fenster zu pfeifen. Direkt schaut er mir seelenruhig in die Augen, ohne Angst, spitzt die grossen Ohren, dann diese kratzend. Wegen ungewohnter Tonlage? Im Wechsel über das festgetretene Weglein nutzten auch Katzen diesen Pfad. Seit die jungen Füchse flügge geworden sind, haben jene das Sagen. Nur noch eine mutige Katze ist scheinbar tagsüber da unterwegs.

Am 2. Tag auf dem Balkon. Über meinem Kopf, hautnah, es sah aus, als wirft jemand eine Mütze in die Höhe, in Sekundenschnelle, gleichzeitig ein harter Knall. Es versuchte die Kurve zu kriegen und am Zwischenpfeiler fand es seinen Tod. Traurig, da lag es am Boden und rang noch zweimal nach Luft. Eigenartig, dass dieser Platz dem Amselweibchen mit schwarzem Schnabel sein Todesurteil wurde, da nie in all den Jahren sowas passierte.

Anderntags entdecke ich in einem Zwischengang an der kühlen Decke einen eigenartigen runden Bollen. Sanft stupfe ich nach oben. Ein knalliger Widerhall wie von einer runterfallenden Nussschale. Am Boden lag ein Marienkäferchen. Ihm konnte ich das Grün auf meinem Balkon anbieten.

Wie überraschten mich am 4. Tag kleinste Ameisen im Duschraum. Tonlos krochen sie im Wechsel. Schnell war die Ursache entdeckt. Ein Handwerker war im Haus und konnte die Ursache unmittelbar beheben. Wie sagte er, mit einer Fugenspritze. Ein Löchlein hat er zugekittet, die winzigen Ameisen irritiert und in die Flucht getrieben. Ob er weiss, dass Fuge, die Musikform, in lateinisch „Flucht“ bedeutet.

Am 5. Tag wird es nicht bunt, sondern schwarz-weiss. Ein aus dem Revier von Amtswegen fachmännisch vertriebener Frechdachs hat sich wieder auf den Weg begeben. Es grüsst das Raubtier in seinem dicken rauen Dachshaar am helllichten Vormittag auf diesem Trampelpfad. Eine Erinnerung? Vaters Rasierpinsel aus Dachshaaren, auch mitten in der Nacht das Erlebnis mit einem Stinktier.

Und wenn wir gerade bei erlebter Tiervielfalt sind. Stammen wir vom Affen ab? Dabei sei in der Hitze des Gefechts ein Schwenker erlaubt, zurück zu meinem natürlichen Urstamm. Meine Mutter musste meinen Bruder in seiner pubertierenden Zeitphase des Öftern zähmen. Denn er rief uns Schwestern eines Tages übermütig zu: „Du Aff Du!“ So nahm unsere Mamma ihn in die Pflicht. Ab diesem Moment bündelte er still und leise all seine jungen Hirnzellen, wagte erneut einen Angriff, indem er uns zurief: „166, 166, 166“. Spitzbübisch gefiel er sich in seiner Rolle. Ich aber wollte nicht sein Alphabet Affe sein. Eine unzumutbare Gugelfuhr für unsere Eltern.

Ein Kontrapunkt dagegen sehr?
Diese Sommerhitze 2015 macht Tier und Mensch Unternehmens-/Reiselustig. Komplexe Sachverhalte durchdringen die Welt und unsere Wahrnehmung. Ferienzeit, frei verfügbare Zeit für Gedankensprünge/ Einschnitte wie Fugen zur Fuge: «Toccata und Fuge d-Moll (BWV 565)», von Bach.

https://de.wikipedia.org/wiki/Toccata_und_Fuge_d-Moll_BWV_565
https://www.youtube.com/watch?v=ipzR9bhei_o

Ilse Oehler

Wie gefährlich ist eine Völkerwanderung?

 

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Kein Zweifel, die Zahl der Zuwanderer nach Europa hat in den letzten zwanzig Jahren dramatisch zugenommen. Wir stehen am Beginn einer neuen Völkerwanderung, die vom Süden nach Norden führt. Am Beispiel unserer germanischen Vorfahren, die vor 1 600 Jahren aus dem Norden nach Süden zogen, wird deutlich, welche Gefahren Europa und den Europäern drohen.

Meine Frau ist kimbrischer Herkunft. Aus dem heutigen nördlichen Dänemark zogen die Kimbern vor gut 2000 Jahren bis nach Südfrankreich, wo sie erstmals die Römer vernichtend schlugen. Ihre blauäugigen, rothaarigen und sommersprossigen Nachfahren leben noch heute in den Alpen; sie werden Walser genannt. Meine Walliser Schwiegermutter hatte noch die Walser-Merkmale. Sie wurden bei ihren Kindern genetisch überdeckt vom Luzerner Vater, einem Alemannen.

Die germanische Völkerwanderung führte über 500 Jahre zu grausamen Kriegen, Raubzügen und Überfällen, worunter die damaligen Völker, auch die Römer, sehr litten. Die Germanen wurden von den Römern Barbaren genannt, „Fremde“, und mit hohen Erdwällen abgehalten, ganz wie wir heute in Nordafrika, Spanien und Ungarn elektrisch geladene Zäune bauen, um die Barbaren aus Afrika, dem Mittleren Osten und Afghanistan abzuhalten.

Das half nichts, Rom brach zusammen. Germanenführer wurden zu römischen Kriegsherren ernannt, sogar zu Cäsaren. Die Macht ging, langsam und mit Rückfällen, auf sie über. Es dauerte tausend Jahre bis daraus das neue Europa entstand, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das von Napoléon I. vernichtet wurde.

Wenn Völker wandern, bilden sie, früher wie heute, in den Gastländern kleine Kolonien. Dies ist in Südfrankreich, Südschweden. London und Paris, aber auch in Kreuzberg in Berlin gut zu beobachten. Die Besten von ihnen werden Unternehmer und bald auch Chefs grosser Unternehmen. Der FC Wil wird von einer türkischen Familie geführt, das neue Andermatt von einem begabten Ägypter, die Crédit Suisse Group von einem talentierten Afrikaner von der Elfenbeinküste. Sie ziehen andere Verbündete nach, oft der gleichen Herkunft.

Die finanzielle Belastung, welche durch die von den eigenen Eliten geförderte Zuwanderung entsteht, trägt das Volk, soweit es über nennenswerte Mittel verfügt. Die Eliten, so war es schon im alten Rom, gingen Verträge mit den Zuwanderern ein, um ihre eigene Macht zu sichern.

Europa und die Schweiz werden deshalb nicht verschwinden, sondern in variablen Formen erhalten bleiben. Die Zuwanderer übernehmen einen Teil unserer Sitten, z.Bsp. den technischen Fortschritt (Handys, Autos, moderne Wohnungen), werden aber auf Bestandteile ihrer eigenen Kultur nicht leichtfertig verzichten.

„Old Europe“ sagen die Amerikaner über uns. Ja, wir sind alt und kinderlos geworden, ganz wie die Römer in ihrer Schlussphase, die 400 Jahre währte, auch.

Ich wünsche Ihnen einen frohen 1. August.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Unsere Jungen sind herzig wie Schäfchen

 

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Tatsächlich, wie die Polizeirapporte zeigen und die Universitäten mit Studien belegen, unsere heutigen Teenager sind ruhiger und herziger als jemals zuvor. Sie lernen fleissig und gehen früher zu Bett als ihre Vorgänger vor gut zehn Jahren. „Unsere Jungen sind herzig wie Schäfchen“, sagen welsche Soziologen.

Wenn ich mich umsehe, kann ich dies nur bestätigen. Diese jungen Menschen schauen um sich, meist mit einem Stöpsel im Ohr, als seien sie nicht von dieser Welt. Sie sitzen vor und neben mir, befinden sich aber geistig irgendwo auf dem Globus in einem Nirwana, das in diesem Augenblick nur ihnen gehört.

Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren einem frechen oder aggressiven Jugendlichen begegnet zu sein. Sie rauchen weniger, nehmen weniger Cannabis und sind weniger rauflustig, bestätigen mir die Fachleute.

Es ist eine neue Romantik, welche die Seelen unserer Enkel besetzt hat. Soweit ihre Eltern Geld haben, leben sie ein seliges Leben in einem Konsumtraum, wo knappe oder wenig Kleidung, schicke Handtaschen und viel Unterhaltungstechnik eine grosse Rolle spielen. Manchmal beobachte ich, dass sie keinerlei Ehrgeiz haben. Sie tun, was man ihnen sagt, sie lächeln sogar ein wenig, aber sie machen keinen Schritt mehr, als man sie zu tun hiess.

Besteht man auf eine rasche Umsetzung, wird man erstaunt angeblickt: Wirklich? Jetzt?

Wir, die Generation ihrer Eltern und Grosseltern, waren viel aggressiver. Im Schulhof gingen wir aufeinander los, kämpften um unsere Stellung im Rudel. Wer besser war, wurde automatisch zum Gegner. Es gab Freundschaften, aber auch viele Feindschaften.

Wir wussten noch, was Armut und Krieg bedeuteten. Später vergassen die meisten, dass die Welt kein Friedenslager am lauschigen Flussufer ist. Wir lernten noch, uns zu holen, was wir brauchten oder wollten. Heute haben fast alle eine Kreditkarte und nutzen sie am Kiosk für Kleineinkäufe. Viele der heute Jungen sind schon pleite, ehe sie etwas gelernt haben. Wir haben für das Velo gespart und es abbezahlt mit zehn Franken im Monat.

Wir waren nicht nur nett; wir konnten auch böse werden.

Herzig wie ein Schäfchen wollte in unserer Generation niemand sein. Es gab auch damals sicher Böcke und Schafe, aber „‘s Schäfli“, nein, das war niemandes Ziel.

Ich mache mir ein wenig Sorgen um unsere heutige Jugend. Sie lernt fleissiger als früher, berichten mir die Leiter der Privatschulen, wo die eher besser Gestellten ihre Kinder unterbringen. Sie lassen sich an ihren Leistungen messen.

Ist die Zeit der Anarchie vorbei? Haben wir nur noch Alte und wohl Angepasste? Vor unseren Türen stehen die radikalen und aggressiven Zuwanderer. Es geht ihnen heute schlechter als uns vor fünfzig Jahren. Ob unsere Schäfchen diesem Druck gewachsen sind?

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Wer ist noch völlig loyal?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Schon als ich vor dreissig Jahren für Dr. Gustav Däniker arbeitete, den letzten grossen Generalstäbler der Schweizer Armee im Range eines Generals, verlangte er von seinen Vertrauten vor allem eines: „Völlige Loyalität.“
Als ich später mit den Chefs vieler grosser Schweizer Firmen Kontakt hatte, war die erste Frage: „Sind Sie loyal?“

Dieser Tage konnte ich die Geschichte der Familie Safra studieren, die in Basel die Bank Sarasin übernommen hat. Weil ich schon Edmond Safra kannte, der seine Bank in Genf der American Express Bank verkaufte, war mit sofort klar, was der überlebende Joseph Safra, ein Brasilianer, verlangte: „Totale Loyalität“.

In nahöstlichen Kreisen, seien sie jüdisch oder arabisch, gilt die Familie noch mehr als bei uns. Anders als bei Bundesrätin Simonetta Sommaruga, gibt es dort keine „family light“, sondern es gilt nur die strengste Disziplin. Ich gestehe, dass mir dies ganz gut gefällt, denn unsere zusammen brechenden Familienverhältnisse, wie sie von sozialdemokratisch-liberalen Politikern gefördert werden, schaffen ein Chaos, das mehr Aufwand als Ertrag mit sich bringt.

Loyalität ist ein grosses Wort, das bekanntlich bei unseren nördlichen Nachbarn bis zur Nibelungentreue gedehnt wird, wo der Tod dem Verrat vorzuziehen ist. Wem soll man heute in der Schweiz gegenüber noch loyal sein? Die Armee ist ein einbrechendes Gebäude mit einem schwachen Bundesrat und nicht besseren Armeechef. Ich glaube nicht, dass diese höchsten Vertreter der Schweizer Armee jenen Respekt verdienen, den ein Soldat haben muss.

Soll man seinem Arbeitgeber gegenüber loyal sein? Das ist auch nicht einfach angesichts einer Situation, wo man schneller gefeuert, zu längeren Arbeitszeiten ohne Salärausgleich und sogar Salärsenkungen verdonnert wird. Zudem, ob Nestlè, Unilever, UBS, Clariant oder CS-Group: Man arbeitet für ausländische Aktionäre oder Kreditgeber, die finanziell glänzend bedient werden, während der einfache Schweizer um sein Einkommen und den Klassenerhalt kämpfen muss.

Soll man der Kirche gegenüber loyal sein? Dio mio, ob reformiert oder römisch-katholisch, die Spitzenvertreter der christlichen Kirchen wollen alle nur eines: Ihre Pfründen erhalten und, sofern jünger, eine Karriere in der Kirche machen. Damit sind Ansehen und Einkommen verbunden. Soll ich als Schweizer Christ einem afrikanischen, indischen oder polnischen Pfarrer gegenüber loyal sein? Wohl kaum. Da die Schweizer Christen sich abwenden, fördern
vor allem die reformierten Geistlichen jetzt den interreligiösen Dialog. Sie müssen ihre gewaltigen Saläre rechtfertigen, indem sie den Muslimen und Hindus predigen. Predigen und beten dürfen sie dort allerdings nicht, um nicht deren religiösen Gefühle zu verletzten.

Die Loyalität zerbricht mit der Autorität. Wer in der Schweiz noch standfeste Autoritäten zu erkennen vermag, ist höchstens ungebildet. Unser Land treibt wie das Floss der Medusa in eine ungewisse Zukunft. Noch sind viele von uns reich bis sehr wohlhabend, aber ohne Familien, ohne Erben, macht das auf Dauer keinen Sinn.

Die Safras kämen nie auf den Gedanken, ihren Familiennamen zu ändern. Bei uns darf sich jeder Hund oder Katz‘ nennen – und die liberalen Geister im Land nennen das Fortschritt.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Ausverkauf – Wie mich Xherdan Shaqiris Transfer zum Nachdenken brachte

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

In vielen Ländern war früher der Ausverkauf, der Winter- und Sommerschlussverkauf, streng reglementiert. Nur innerhalb eines bestimmten Zeitfensters konnten die Waren zu einem stark reduzierten Preis verkauft werden, zur Räumung der Lager am Ende einer Saison. Heute, im Zuge der Liberalisierung, sind diese starren Regelungen vielerorts gelockert worden.

Im Fussball gelten noch die alten Bräuche. Das mediale Dezember-Rätselraten, verlässt jetzt Shaqiri den FC Bayern oder nicht, machte auch fussballabstinenten Kreisen klar, dass im Fussball der Arbeitgeber nur innerhalb bestimmter Transferperioden gewechselt werden kann. Und noch eines wurde einem wieder in aller Deutlichkeit bewusst: der Warencharakter des Transfergeschäfts. Da wird nach Herzenslust gefeilscht, wer wann zu welchem Preis gehen darf oder nicht. Bei Abschliessung der Verträge wird die Vertragserfüllung ohnehin nicht mehr erwartet; Verträge spielen nur insofern eine Rolle, dass je nach noch geltender Vertragsdauer die Ablösesumme unterschiedlich hoch ausfallen wird. Am grossen Reibach verdienen viele mit: Vereine, Spieler, Berater usw. Im Fall von Shaqiri offenbar auch der vorletzte Arbeitgeber, der FC Basel.

Ein Sportler ist auch nicht mehr nur ein Mensch, sondern eine Marke. Früher waren nur Waren Markenprodukte, heute ist die Person selbst eine Marke. Das bedeutet, dass er eine genau festgelegte „Corporate Identity“ befolgen muss: sein Kleidungsstil wird festgelegt, die Art und Weise seines öffentlichen Auftritts, die Kommunikationsform in den Social Media. Caritative Engagements stehen dem Spitzenverdiener gut an und müssen entsprechend geplant und publiziert werden. Viele PR-Berater arbeiten an diesem Image mit dem Ziel, diesen Marken-Status für ihren Auftraggeber zu erreichen. Markenprodukte, das wissen wir aus dem Konsumgüter-Marketing, lassen sich zu einem höheren Preis verkaufen.

So ist die Bereitschaft der Sportler (und auch anderer Zeitgenossen aus Politik, Wirtschaft und Kunst) hoch, an diesem Markenprozess mitzuwirken. Doch sie bekommen nicht nur, sie müssen auch einen Preis entrichten. Sie können nicht mehr sich selber sein: Ich muss mein Image sein. Formulieren wir das Ganze in der Sprache der Philosophie, mit Immanuel Kant: Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Wer nur auf den (eigenen Markt-)Preis schaut, dem kostet es letztlich seine Würde.

Und die Fans der Fussballvereine, die das alles mitfinanzieren? Wie der begeisterte Empfang der Fussballstars in ihrer neuen Umgebung zeigt, lassen sich die Fans gerne von den orchestrierten Events verführen. Auch ihnen ist wohl klar, dass Loyalität und Vertragstreue und die an jedem Arbeitsort wiederholten Liebesschwüre, beim besten Verein zu sein, nicht für bare Münze zu nehmen sind, sondern eher gegen bare Münze eingetauscht werden. Ihre moralischen Ansprüche sind bescheiden geworden. Nicht so die monetären Ansprüche der Spieler – frappant wie wenig die hohen Bezüge in der Gesellschaft kritisiert werden, ganz im Gegensatz zur Abzocker-Diskussion bei den Managern. Ob die Vasellas & Co, nicht doch den schwierigeren Job haben und mehr für das Gemeinwohl tun als die Ronaldos & Co?

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie Zürich