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Können wir unsere Welt verteidigen?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Wer die Schweiz wenig verlässt oder vom Rest der Welt nur Sandstrände oder Kletterberge kennt, darf mit recht davon überzeugt sein: Wir leben im schönsten Land der Welt. Es mag für viele, die gerne Ramba-Zamba haben, ein wenig langweilig sein, aber dies hat den Vorteil, dass Langeweile und Sicherheit ein gutes Pärchen bilden.

Wieder für andere ist die Schweiz zu schnell geworden, auf den Strassen, sogar auf der Schiene und, ohnehin, in der Luft. Diese Geschwindigkeit der Abläufe, auch des Sprechens und Handelns, macht viele verrückt, die sich sehnsüchtig an die Goldene Zeit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts erinnern.

Die ernsthafte Frage stellt sich, ob wir unsere schöne schweizerische Welt verteidigen können und wenn ja, wie? Wenn Europa von Ausländern aus aller Welt überrannt wird, die dann noch mehr Ausländer per Handy und Gesetz zu uns locken, dann wird das alte Europa bald wieder jünger, sicher aber auch anders sein.

Um uns entstehen Gegenwelten, sei es in Schlieren bei Zürich, in Täsch vor Zermatt oder in vielen Genfer Gemeinden, wo die Zahl der Ausländer schon grösser ist als die der Einheimischen. Eine echte multikulturelle Vermischung kann ich nicht feststellen: Eriträer bleiben Eriträer und können nicht mit Afghanen und Syrern oder Menschen aus Kamerun. Das ist auch kein Wunder, denn jedes dieser Völker hat eigene Traditionen und Religionen, von denen diejenige des Islam noch eine der harmloseren ist.

Es kommt auf allen Ebenen zu Zusammenstössen. Im Heim geht man mit Eisenstangen aufeinander los, eine Afrikanerin sticht eine Schweizer Betreuerin nieder, kleine Diebstähle sind an der Tagesordnung. Man kann sich, ganz so, wie es heisst, nicht riechen. Wir als Schweizer haben es besonders schwer, denn unsere Kultur ist seit 2000 Jahren christlich geprägt. Das gilt auch dann, wenn wir nicht mehr zur Beichte oder in die Kirche gehen.

Im Bataclan in Paris war man gewarnt, wie vor allem jüdische Publikationen berichten. Dort wurde seit Jahren für die Grenzpolizei in Israel Geld gesammelt: Der jüngste Überfall war sogar angemeldet, aber ohne Datum. In Frankreich haben „Securité“, Polizei und Militär versagt. Wenn Staatspräsident François Hollande, den man „den Pinguin“ nennt, nun den starken Mann markiert, wirkt das eher lachhaft als glaubwürdig.

Wir sind seit einer Generation in Europa gewarnt worden vor dem kommenden „Grossen Marsch nach Norden“, nach Europa. Aber keiner unserer Politiker wollte dies ernst nehmen. Schlimmer noch, die USA und Frankreich haben im Norden Afrikas leichtsinnigerweise jene Staaten zerstört, die für uns ein Bollwerk bildeten. Das gleiche ist im Nahen Osten geschehen, wo die US-Amerikaner in blindem Übermut von George W. Bush den Irak und seinen Nachfolgern Syrien zerstören liessen. Ein Angriff auf den Iran, was zur sicheren Niederlage des Westens geführt hätte, konnte nur mühsam verhindert werden.

Und jetzt? Wenn die von uns gewählten Politiker unsere Welt nicht verteidigen wollen und können, was können wir tun? Wir können aktiv mitmachen überall dort, wo es um unsere Kultur geht. Wir müssen nicht die Faust im Sack machen, sondern sollen uns in den politischen Foren aktiv beteiligen. Sonst werden dies ehrgeizige Politiker für uns tun, die „mehr lafere als lifere“.

Wir müssen entscheiden, ob wir selbstbewusste Schweizer und Europäer sind. Hier geht es nicht um die EU, die Europäische Union, sondern um die Schweizer und die europäische Heimat. Bald sind nur noch acht Prozent der Weltbevölkerung Europäer. Bald wird die FIFA vielleicht von einem Araber oder Afrikaner geführt, weil wir unseren eigenen Leuten, darunter Joseph S. Blatter, nicht mehr trauen wollten. Sind dies nicht Zeichen des Untergangs?

Ich wünsche Ihnen deshalb Selbstvertrauen; Sie müssen aus den Medien auch lernen, was wichtig oder unwichtig ist. Wenn die Schweiz und Europa bestehen wollen, müssen wir alle künftig viel arbeiten und noch mehr lernen.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

„Begrabt mich nicht.“

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Wenn mich irgendein Satz in diesen kriegerischen Tagen erschüttert hat, dann der des sechsjährigen Jungen, den die Rettungsmannschaften in Syrien aus einem zerschossenen Haus zogen: „Begrabt mich nicht.“ flehte er, dessen ganze Familie tot war, die Rettungsmannschaften an.

Welcher Lebenswille in diesem kleinen Körper, der schlimm zerfetzt war! Es ist der gleiche Lebenswille, der die flüchtenden Iraker, Syrer, Afghanen und Afrikaner nach Europa treibt. Es sind meist die besten und kräftigsten Männer mit ihren Familien, die keine Zukunft mehr im eigenen Land sehen. Ihr stiller Schrei heisst „Begrabt uns nicht.“ Sie wollen leben.

Wenn viele Deutsche und andere Europäer an dieser Stelle sagen: „Wir haben schon einmal, nach dem Zweiten Weltkrieg, solche Flüchtlingswellen erlebt. Zwölf Millionen Ostdeutsche, die in Westdeutschland aufgenommen wurden“, dann gerät gerne in Vergessenheit, dass es sich dabei mehrheitlich um Menschen handelte, die aus dem gleichen oder mindestens ähnlichen Sprach- und Kulturkreis stammten. Man sprach deutsch und war ein Christ.

Diese Menschen zu integrieren, fiel schon vor siebzig Jahren schwer. Ich habe als junger Mann die Turnhallen besucht, in welche Familien oft Jahre zwischen Zeltplanen leben mussten. Aber sie konnten Deutsch und die meisten wollten auch arbeiten.

Wer jetzt nach Westeuropa will, denn nach Osteuropa will keiner, ist zumeist Moslem, aufgewachsen in einer vorzivilisatorischen Kultur, die mit unserer modern-urbanen Kultur wenig gemein hat. Diese Familien, von denen kaum eine Deutsch oder eine andere europäische Sprache spricht, kennen weder unsere Sitten noch haben sie grosse Lust, nach diesen zu leben. Sie kennen unsere Arbeitswelt nicht, haben meist auch keine nennenswerte Ausbildung.

Natürlich gibt es den berühmten syrischen Arzt, der ebenso gut wie die unsrigen ist, aber es dauert Jahre bis er in unserer überhitzten, von Geschwindigkeit geprägten Spitalstruktur heimisch werden wird. Soll er als Hausarzt in die Provinz gehen? Dort leben gerade jene Einheimischen für die jeder Fremde, auch der aus dem eigenen Land, des Teufels ist.

„Begrabt mich nicht“, der Lebenswille des kleinen Jungen sagt aber noch etwas ganz anderes, eine Botschaft, die wir nicht überhören sollten: „Wir in den jungen Völkern des Ostens und des Südens, wir haben diesen unbedingten Lebenswillen, den ihr im reichen Norden nicht mehr habt. Wir wollen arbeiten und kämpfen und uns einsetzen. Was habt Ihr? Wohlstand, Reichtum, aber keine Kinder mehr.“ Und unsere Alten, unsere Schwächsten, sie gehen zu Firmen, die Selbsttötungsmaschinen für sie bereithalten.

„Begrabt mich nicht“, heisst auch, lasst mich lernen, arbeiten, etwas leisten. Ich sehe viele Menschen jeglichen Alters in Westeuropa, welche diesen Willen nicht mehr haben. Sie sagen nicht „Begrabt mich nicht“, sondern „Lasst mich in Ruhe“. Das ist schon das halbe Begräbnis.

Wir Europäer sind alt geworden, zu Sonderleistungen kaum noch abrufbar. Es riecht nach Alterstod in Europa. Einst waren es die jungen Schweizer, die als Edelsoldaten in ganz Europa die Ritter und Soldaten verprügelten. Einst waren es die jungen Freisinnigen, welche die reiche Schweiz der Neuzeit aufbauten. Heute sind sie alt geworden und verteidigen ihren Wohlstand.
Der Schrei des Kindes wird mich noch lange begleiten. Er soll auch in Ihnen etwas auslösen.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Wollen wir wirklich die Moslems bei uns?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Ein fast 90jähriger Schweizer Unternehmer, der viele Jahre in Ägypten und den Ländern des Nahen Ostens verbrachte, wohin er Schweizer Maschinen verkaufte, schrieb mir: „Nur mein hohes Alter rechtfertigt mein Schweigen in der Öffentlichkeit. Erst nach meinem Tod wird es die geballte Macht moslemischer Protagonisten zu spüren bekommen.“

Am letzten Sonntag hörte ich in der Zürcher Liebfrauenkirche, der ältesten katholischen Kirche Zürichs, sie wurde von einem Mönch des Klosters Einsiedeln herrlich gestaltet, einem 79jährigen Jesuiten zu, ursprünglich Ägypter, der in fliessendem Deutsch zur Lage im Nahen Osten vortrug: „Unsere Christen in Syrien werden verjagt, für den Islam missioniert oder getötet. Die US-Amerikaner sind so dumm, den Alewiten Assad zu bekämpfen.“

Mein Glaube an die klugen Moslems beginnt zu wanken. Hatten sie wirklich zwei Renaissancen, jene im 8.-11. Jahrhundert in Andalusien und im 19. Jahrhundert in Europa? Waren sie es wirklich, die uns das Wissen der alten Griechen übermittelten oder waren es syrische Christen, welche die alten Schriften aus dem Griechischen in das Arabische übersetzten? Sagte nicht einmal Tayyib Erdogan als junger Politiker zu den Europäern: „Wir werden Euch mit der Zahl unserer Kinder besiegen.“

Mit Moslems kann man noch weniger frei sprechen als mit konservativen Juden. Beide leben in sehr engen geistigen Gefängnissen. Während die liberalen Juden in Wirtschaft, Finanzen und Politik eine Weltmacht geworden sind, würden die Moslems in arabischen Staaten ohne Öl wieder in Hütten leben müssen.

Wir Schweizer, Mitbürger Europas und der Aufklärung, stehen dem fassungslos gegenüber. Unsere liberale Tradition und unser Staatsverständnis verpflichten uns zu helfender Mitwirkung. Wie wenig dies allerdings bringt, zeigt das Beispiel des Kosovo, ein völlig zerstörter Staat („failed country“, wie die Amerikaner gerne sagen), ein Abenteuer, in welches uns alt Bundesrätin Ruth Dreifuss geritten hat. Gut, die Rohstoffe des Kosovo werden in Israel dringend benötigt; das erklärt viel.

Angesichts der externen Wirren sollten wir wenigstens unser Land in Ordnung halten; aber wir sind weit davon entfernt. Bundesrat Didier Burkhalter will uns zusammen mit Staatssekretär Yves Rossier dem Europäischen Gerichtshof unterstellen lassen, womit die Freiheit der Schweiz am Ende wäre. Fremde Richter. Gottseidank war es ein anderer Schweizer, Prof. Dr. Carl Baudenbacher, Präsident des EFTA-Gerichtshofes, ein weltweit renommierter Starjurist, der diesem Plan Widerstand leistete. Der demnächst zu wählende neue Bundesrat wird das Dossier unter Leitung von Staatssekretär de Watteville bereinigen müssen.

Die Zahl der Arbeitslosen in unserem Land nimmt rasch zu, vor allem auch bei der Jugend. Von Wirtschaftsminister Johannes Schneider-Ammann, FDP, der sein Gesicht schon lange verloren hat, ist keine Hilfe zu erwarten. Wenn wir uns damit trösten, dass es auch den tüchtigen Deutschen schlechter als uns geht, sollten wir nicht übersehen, dass deren Lebensstandard bei den uns benachbarten Schwaben und Bayern ebenso hoch ist wie bei uns.

Wir sind im Begriff, in der Schweiz ein Prekariat heranzuziehen, das vom Mittelstand der B-Schweiz bezahlt wird. Wenn ein mit einer Schweizerin verheirateter Afrikaner während mehr als zehn Jahren Sozialleistungen von über 500 000 Franken beziehen kann, ohne je gearbeitet zu haben, läuft etwas falsch bei uns. Es ist an der Zeit, das „laissez faire“ in unserer Politik und den Verwaltungen zu beenden.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Die grosse Atemlosigkeit

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Noch sind wir inmitten der Wahlen. Der Nationalrat ist leicht nach rechts gerutscht, daran sind die Grünen und Grünliberalen, ein wenig auch die BDP von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf selber schuld. Sie haben die letzten vier Jahre kaum genutzt, um stabile Strukturen aufzubauen. Dies wird zur Folge haben, dass soziale Verbesserungen (AHV, IV) aus den Traktanden fallen und der Weg nach Brüssel zügig unter die Beine genommen wird. Die Flugspesen der Chefbeamten nach Brüssel werden steigen.

CVP-Präsident Christophe Darbellay darf ebenso als gescheitert gelten wie Bundesrätin Doris Leuthard, deren grüne Energievision zu einer politischen Halluzination geworden ist. Der Energiepolitikerin kommt das politische Fundament abhanden. Mehr denn je wird es notwendig werden, die SRG oder Teile davon zu privatisieren. Der Medienministerin Doris Leuthard wird dies nicht gefallen, aber die Zeichen der Zeit gehen in diese Richtung.

Christoph Mörgeli, wohl von Panik befallen, hat sich selber gestürzt. Das Zürcher SVP-Volk verweigerte ihm die Gefolgschaft und entschied sich, wie andere Bürgerliche auch, für den SVP-Jungstar Roger Köppel. Dieser, von messianischer Begeisterung angetrieben, die Schweiz vor allem Bösen zu retten, ein Savonarola aus der Zürcher Goldküstengemeinde Küsnacht, ist zum Schrecken aller Linken und Halblinken geworden. Sein Kampfblatt, „Die Weltwoche“, hat nun die Chance, mehr denn je beachtet zu werden.

Tim Guldimann, ein älterer Salonlöwe mit SP-Innenfutter, als Schweizer Botschafter in Berlin residierend, mit mehreren Wohnungen und Häusern in Deutschland wie in der Schweiz, wird künftig auf Steuerzahlers Kosten zu den Sitzungen im Nationalrat anfliegen und den Fluglärm rund um Kloten noch vermehren, dies als sozialen Fortschritt deklarierend.

Magdalena Martullo-Blocher, die politisch begabte Tochter von Dr. Christoph Blocher, wird es als SVP-Nationalrätin in Bern schwer haben. Sie, die nie Widerspruch duldet, muss nun anderen zuhören; ich sehe sie schon als Fraktionschefin die Peitsche schwingen.

…und Marcel Dobler, der 35jährige IT-Wunderknabe aus Rapperswil-Jona, der im Sturmlauf das St. Galler Polit-Establishment in Angst und Schrecken versetzte, als er sich vom St. Galler Stimmvolk für die FDP in den Nationalrat wählen liess. Die St. Galler Politiker, sonst eher der Trägheit verfallen, glaubten sich sicher, auch ohne grossen geistigen wie materiellen Aufwand wieder gewählt zu werden. Gerade am Beispiel dieses seit langem stagnierenden Kantons wird deutlich wie dünn die Säulen sind, auf denen unser politisches System ruht.

Gleichzeitig werden Arbeitsplätze wie nie abgebaut; sogar Peter Spuhler, der Züge und Trams herstellt, muss nun mit Teilen der Produktion ins Ausland ausweichen. Die Schweiz ist definitiv zu teuer geworden, weshalb der Export, auch bei den Uhren, unter die Räder kommt.

Die Einkommen und Renten vieler schmelzen dahin, denn die Lebenshaltungskosten steigen überdurchschnittlich. Schweizer Politiker sind deshalb nicht unglücklich, wenn Familien im nahen Ausland einkaufen; gerade Bezüger von niedrigen Salären können ihren Lebensstandard damit einigermassen erhalten. In Kantonen und Gemeinden steigen die Zuschüsse für Krankenkassen, Mieten und andere Sozialleistungen rascher als früher. Der fleissige Mittelstand zahlt.

Die daraus resultierende grosse Atemlosigkeit wird angeheizt durch die Angst vor Flüchtlingen aus aller Welt, die in grossen Menschenströmen nach Europa ziehen. Wer die Schweiz durchqueren will, zahlt pro Kopf über 8 000.— Franken. Die Schlepper, nicht nur aus der Türkei, Libyen oder dem Kosovo, werden zu Millionären.

Wer seine Ruhe haben will und die meditative Stille vorzieht, muss auf technische Hilfsmittel, wie sie heute üblich sind, mindestens auf Zeit verzichten. Radio und Fernsehen vermitteln häufig tiefere Einblicke, aber es ist schwierig, immer die besten Sendungen zu finden.

So taumeln wir, von Medien beschossen, durch die Gegenwart. Was stimmt, was nicht? Der Eindruck verstärkt sich: Viele kommen nicht mehr mit. Es entstehen grosse Tabuzonen, Themen, die man nur noch einseitig behandeln darf. Dazu melde ich mich demnächst.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Warum reagieren alte Menschen so wenig?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Junge Menschen bis zu einem Alter von vierzig Jahren regen sich gerne auf, geben Stellungnahmen ab, schreiben Leserbriefe. Für sie ist dies eine Form der Aktivität, wo sie sich zu erkennen geben. Sie meinen, sie hätten etwas zu sagen. Ganz anders Menschen über 50 Jahre: Sie reagieren wenig, z.B. auf diesen Blog, sie machen vielleicht die Faust im Sack, aber dann vergessen sie es wieder.

Es gilt, was der einst berühmte Schweizer Politiker Ulrich Bremi einmal sagte: „Jedes Wort ist eine Fehlerquelle.“ Die meisten Menschen wagen es nicht mehr, eine eigene Meinung zu formulieren; sie blicken angstvoll nach links und rechts, um erst einmal festzustellen, wohin die Herde rennt. Dann rennen sie fröhlich hinterher, andere mit sich reissend.

Viele haben auch keine Hoffnung mehr, sie könnten mit ihrem Beitrag etwas verändern. Warum soll ich etwas sagen, wenn ohnehin niemand zuhört? So ist es zu vernehmen, sitzt man in einer Kaffeerunde. Wer es nicht gelernt hat, wie man im Internet seine Meinung einbringt oder seiner Lokalzeitung in zehn Zeilen mitteilen kann, dass ein bestimmter Beitrag einfach falsch sei, der gibt den Gedanken an eine eigene Stellungnahme sofort wieder auf.

Alte Menschen haben zu viel gesehen und gehört, um noch den Glauben zu haben, sie könnten die Welt verändern, geschweige denn die Politik in ihrer Gemeinde. Ihr Leben ist von vielerlei kleinen Demütigungen gekennzeichnet, die sie müde werden liessen. Es genügen ihnen das kleine Glück, die Enkel, die Katze, der Hund, die alte Freundin aus der Primar- oder der Handelsschule.

Natürlich gibt es Ausnahmen, jene maximal zehn Prozent von Menschen, die sich gerne zu Wort melden, in Versammlungen eine Meinung äussern, öffentlich auftreten und auch die TV-Bildschirme nicht meiden. Sie haben eine Stufe erreicht, wo man sie, oben angelangt, oft Meinungsführer nennt. Diesen zu widersprechen, wagt schon gar niemand mehr, ist damit doch die Angst verbunden, mit seiner Wortmeldung nicht ernstgenommen  zu werden.

Die schweigenden Alten sind ein wachsender Faktor unserer alternden Gesellschaft. Blicken wir in die Schweizer Medien, sehen wir dort jeden Tag ausländische Fachleute, welche die nicht selten abstrusesten Thesen veröffentlichen dürfen. Das ist globaler Meinungsabfall, der von unseren Verlagshäusern schon aus Kostengründen gerne vermarktet wird.

Noch viel schlimmer und für unsere gesellschaftliche Entwicklung gefährlicher ist die zunehmende Schreibunfähigkeit unserer jungen Generationen. Mir begegnen laufend 30-40jährige, die keinen geraden Satz mehr formulieren können. Sie sind mit Computer und Internet aufgewachsen, drücken sich mit Twitter und anderen Schnelldiensten aus. Ihnen fehlt die Grammatik, eine elegante Ausdrucksweise, die vor einer Generation noch die Regel war. Man ist geneigt anzunehmen, es fehle ihnen nicht nur an Ausdrucks-, sondern sogar an Denkvermögen.

Wer den halben Tag am Tisch sitzt und Kreuzworträtsel löst, um die dann verbleibende Tageshälfte am TV-Gerät Krimis und heillos dumme TV-Serien zu sehen, sollte lieber 30-60 Minuten ein kluges Buch lesen, was für Ungeübte eine Anstrengung sein kann, oder einen Brief schreiben, vielleicht sogar gegen den Inhalt dieses Meinungsblogs protestieren.

Ich warte.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

There’s no business like show business: Führung und Verantwortung heute

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

Was gibt es nicht alles für schöne Begriffe in der Unternehmenswelt: Corporate Social Responsibility, Corporate Citizenship, ja sogar Corporate Philanthropy. Sie alle wollen mehr oder weniger dasselbe signalisieren: Das Unternehmen nimmt seine Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern, Lieferanten und Kunden ernst und schafft „shared values“, also Werte für das Unternehmen und die Gesellschaft. Damit die guten Taten auch nicht verborgen bleiben, werden sie in umfangreiche Corporate Social Responsibility-Berichte und Imagebroschüren niedergeschrieben.

Bei den Banken wissen wir seit dem Finanzskandal, seit Liborsatz- und Währungsmanipulationen etc., dass diese Begriffe nicht zum Nennwert zu nehmen sind. Hauptsache, es klingt gut und erweckt einen schönen Anschein. Eben: There’s no business like show business!

Bei den ingenieurslastigen Unternehmen vermuteten wir bisher mehr Solidität und PR-Sprödheit. Volkswagen hat uns eines Besseren belehrt: die Kreativität wird nicht dafür eingesetzt, anspruchsvolle gesetzliche Schadstoffnormen zu erfüllen, sondern die Kontrollmassnahmen zu neutralisieren. Manche sagen jetzt, die Normen seien eben unrealistisch tief angesetzt. Um sie erfüllen zu können, bräuchte es einen unverhältnismässigen Aufwand. Selbst wenn das so wäre: Warum hat dann die Automobilindustrie nicht gegen diese Normen interveniert? Eine so mächtige Branche und ein so mächtiges Unternehmen wie Volkswagen hätten es spielend geschafft, „realistischere“ Normen in den Gesetzestext schreiben zu lassen. So aber macht es den Anschein, dass man sich ohne grossen Aufwand mit „grünen Lorbeeren“ schmücken wollte. There’s no business like show business!

In der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ vom 2. Oktober liest man, dass sich die beiden obersten Repräsentanten der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Bedford-Strohm und Kardinal Marx, in Bezug auf die Migrationswelle für eine „Abschiedskultur“ aussprechen. Man reibt sich ungläubig die Augen: Sind beide nicht noch im August in den Medien als vehemente Verfechter einer „Willkommenskultur“ aufgetreten? Erkennen beide, dass die „politische Windrichtung“ inzwischen gedreht hat? Dann gilt auch für die Stellungnahme dieser beiden Herren: There’s no business like show business!

Damit man nicht solche abrupten Wendemanöver vornehmen muss, sollte man eben nicht gesinnungs-, sondern verantwortungsethisch (siehe mein letzter Blog) argumentieren. An Nächstenliebe und Gastfreundschaft zu erinnern, ist sicherlich eine ehrbare Aufgabe der Kirchen, sie sollten aber nicht völlig geopolitisches und ökonomisches Denken vergessen. Blauäugigkeit oder politischer Opportunismus haben der Nächstenliebe noch nie gedient!

Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie

Warum ist die Schweiz ein Verlierer?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Wir sind das teuerste Land der Erde und auch das Land mit den besten Voraussetzungen für die freie Entfaltung der Unternehmen. Unsere Bundesbeamten verdienen, einschl. Putzfrauen, im Jahr durchschnittlich 127 000.— Franken. Der Präsident einer mittelgrossen Stadt, wie Baden oder Romanshorn es sind, verdient rasch einmal über 200 000 Franken im Jahr. Kann es sein, dass etwas nicht stimmt bei uns?

Wir haben in Sachen Bankgeheimnis nach knapp hundert Jahren die Schlacht gegen amerikanische und deutsche Justizbehörden verloren. Die besten eigenen und US-amerikanischen Anwälte konnten diese Jahrhundertniederlage nicht verhindern. „We are doing our best“, war nach Millionenhonoraren die wenig befriedigende Antwort der Anwälte für den Finanzplatz.

EDA-Chef Didier Burkhalter wollte die Schweiz dem Europäischen Gerichtshof unterstellen lassen, was in Bern wenig Beifall fand. Fremde Richter im eigenen Haus? Staatssekretär Yves Rossier, aus dessen Stall dieser Vorschlag stammte, wurde zurückgebunden. Seine Karriere hat seither einen deutlichen Rückschlag erlitten. Indirekter Sieger war ein anderer Schweizer: Prof. Dr. Carl Baudenbacher, Präsident des EFTA-Gerichtshofes in Luxemburg, der vor einer solchen Lösung stets gewarnt hat. Der politisch-juristische Ausverkauf der Schweiz konnte im letzten Augenblick noch gestoppt werden.

In Verkehrsfragen verhandelt die Schweiz gegen deutsche und italienische Interessen wie ein Primarschüler gegen Hochschulprofessoren. Nicht nur nehmen wir es hin, dass der Flughafen Zürich-Kloten vor allem von deutschen Fluggesellschaften benutzt wird, sondern wir tragen es auch mit Fassung, dass Kloten zu einem Heimatflughafen der Süddeutschen Bevölkerung geworden ist. Fracht aus Württemberg und Bayern fliegt über Kloten in alle Welt. Während die Deutschen die Ruhe über ihren Schwarzwaldtannen für maximal 5000 Einwohner eisern verteidigen, leiden bei uns 300 000 Menschen unter Fluglärm und giftigen Kerosin-Abfällen, die unsere Wohngebiete wie Erholungslandschaften verdrecken.

Weil wir in der Luft schlecht verhandeln, muss dies auch für die Schiene gelten. Wir finanzieren den Deutschen im Norden der Schweiz an der Grenze auf Schweizer Boden eine Bahnlinie Ost-West und weil die Italiener kein Geld haben, finanzieren wir im Süden deren Bahnstrecke, die den Anschluss in die Schweiz sicherstellen soll. Wieso sind wir nie die Gewinner in solchen bilateralen Verhandlungen?

Schuld ist der Kompromiss. Von früher Kindheit an wird jeder Schweizer im Sinne einer liberalen Kompromiss-Haltung erzogen. Später, in den Gemeinden, Kantonen und im Bund heisst es immer: „Nicht streiten, wir suchen den Kompromiss.“ Damit kommt man im Ausland nicht weit. Wer gegen ausländische Spitzendiplomaten in Verhandlungen gewinnen will, braucht eine grosse Hutnummer. Dort will man nicht den Kompromiss, sondern den Sieg.

Wie die Mitte dort ist, wo nichts ist, wie bald auch der Wahltag am 18. Oktober zeigen wird, ist der Kompromiss nach Meinung von Margret Thatcher, die von älteren Schweizern immer noch hoch verehrt wird, wie folgt zu verstehen: „To me, consensus seems to be the process if abandoning all beliefs, principles, values and policies. It is something in which no one believes and to which no one objects.“ So ist es, der Kompromiss ist für uns oft die schlechteste Lösung, vor allem bei internationalen Verhandlungen.

Der Kompromiss hält unser Land zusammen und hat viele wohlhabend und reich gemacht. Unsere Politiker, seien sie von links oder rechts, sind Kompromisspolitiker auf Lebenszeit. Macht einer nicht mit, wie Peter Bodenmann und Christoph Blocher dies tun, gelten sie sofort als bunte Vögel.

Erstmals habe ich im Vorfeld der Herbstwahlen, die vor der Tür stehen, neue Kandidaten erlebt, die nicht den Kompromiss wollen. Einer von ihnen ist der 35jährige Marcel Dobler aus Rapperswil-Kemprathen, der für die St. Galler FDP in die Hosen gestiegen ist. Dobler, Gründer der Digitec AG, will in Bern etwas erreichen, den Beamtenapparat abbauen, die Lasten für KMU- und Gewerbebetriebe verringern und weniger Ausländer hereinlassen.

Die junge Generation wird ungeduldig. Sie sieht sich im Alter gefährdet und lehnt daher unnötige Kompromisse ab.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Migrationswelle: Reicht guter Wille allein?

Portrait_ProfWirzDer Beschluss Deutschlands, wieder Grenzkontrollen einzuführen, beendet das wenige Tage dauernde politische Sommermärchen in München. Wer hat die Bilder nicht vor Augen: Bürger, die den am Bahnhof eintreffenden Flüchtlingen Schilder mit „Welcome“ entgegenhalten; Bürger, die in grossen Mengen Kleider und Nahrungsmittel vorbeibringen; eine Kanzlerin, die vor die Kameras tritt und energisch unterstreicht, das Grundrecht auf Asyl kenne keine Obergrenzen. Für einen Moment schienen die Gesetze der politischen Schwerkraft aufgehoben zu sein. Existierte das ökonomische Gesetz der Knappheit an Ressourcen und Arbeitskraft nicht mehr?

Jetzt weiss auch die Politik, was viele „Normalbürger“ auch in den Zeiten der Euphorie nicht vergassen: Es gibt sie, die Grenzen unserer Möglichkeit. Der deutsche Soziologe Max Weber hat Ende der 1910er Jahre in seinem berühmten Vortrag „Politik als Beruf“ zwischen Gesinnungsethikern und Verantwortungsethikern unterschieden. Zu den Gesinnungsethikern zählte Max Weber jene Politiker, die die Welt, wie sie wirklich ist, nicht akzeptieren können; die ihre Ideale durchsetzen wollen und nicht die Folgen ihres Tuns bedenken. Verantwortungsethisch handelt ein Politiker dann, wenn er zu seiner Gesinnung auch Distanz einnehmen kann und weiss, dass er für die Folgen seines Handelns aufzukommen hat. Er muss sich also überlegen, wie er seine Grundsätze unter den gegebenen realen Bedingungen am besten einlösen kann. Deshalb braucht er nach Max Weber Leidenschaft (Hingabe an eine Aufgabe), Verantwortungsgefühl und Augenmass.

Für die bevorstehenden Verhandlungen über die europäische Flüchtlingspolitik ist diese Trias allen Beteiligten zu wünschen. Empathie, Betroffenheit vor dem Leid der Menschen sind auch bei Politikern löbliche Eigenschaften. Aber um alle Fakten und Folgen richtig beurteilen zu können, braucht es auch die „Distanz zu den Dingen und Menschen“. Max Weber gibt den Politikern einen auch heute noch gültigen Rat mit auf den Weg: „Jene starke Bändigung der Seele aber, die den leidenschaftlichen Politiker auszeichnet und ihn von dem blossen „steril aufgeregten“ politischen Dilettanten unterscheidet, ist nur durch Gewöhnung an Distanz möglich. Die Stärke einer politischen Persönlichkeit bedeutet in allererster Linie den Besitz dieser Qualitäten.“ Guter Wille allein reicht nicht für eine gute Politik.

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie

Wer stellt die Welt auf den Kopf?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Als Schweizer haben wir es gerne senkrecht, sehr gerade, immer aufrecht und, bitte, ohne Unklarheiten, ohne Wischiwaschi. Wer eine eigene Meinung hat, was ohnehin als Luxus gelten darf, möge diese auch be- und festhalten. Abweichler gelten als unzuverlässig, ja fast als Landesverräter.

Weil die Zeiten unruhig sind und des öfteren Ereignisse eintreten, die mit unserem Wissenstand wenig vereinbar sind, halten sich die grossen Verlage der Schweiz luxuriöse Vordenker. Sie haben in ihren Kommentaren des Recht, die Welt auf den Kopf zu stellen. Ich meine, diese Herren sollten wir kennen:

Da wäre einmal Frank A. Meyer, Freund des Verlegers Michael Ringier und graue Eminenz der Ringier-Gruppe. Meyer, der schon beim misslungenen EWR-Beitritt und Zusammenbruch der Swissair eine nicht sehr rühmliche Rolle spielte, sieht sich als späten „bourgeois“ europäischen Kalibers. Als nach Berlin ausgelagerter Dauerkritiker hochkapitalistischen Fehlverhaltens sieht er sich nunmehr gezwungen, den mehrheitlich bildungsfernen Lesern des „SonntagsBlick“ die Idee nahe zu bringen, „es könnte doch sein, dass das ….kapitalistische System das einzige ist, das Freiheit garantiert.“ Tusch, die Gedanken sind frei….

Was linkspolitische Kurventechnik angeht, ist Daniel Binswanger, der für den „Tagesanzeiger“ und dessen “Magazin“ die Welt vom Standort Paris aus beleuchtet, eine Autorität. Von dort gewinnt er jene Klarheit des Geistes, die er bei den Schweizer Eliten des Öfteren vermisst. Die Winde des liberalen Weltgeistes lassen ihn wie einen Albatros über die Untiefen Schweizer Befindlichkeiten segeln. Mit Tief- und Weitblick ausgestattet, ist er zum Antipoden von Frank A. Meyer geworden.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ hat mit Urs Schoettli einen freien Mitarbeiter, der uns wie kein anderer gekonnt die Welt Chinas und Asiens interpretiert. Mit festen Sitzen in Tokio, Hongkong und Mumbai ausgestattet, lebt er seit Jahrzehnten in einer fernen Welt, die immer noch voller Geheimnisse für uns geblieben ist. Schoettli ist ein grossbürgerlicher Liberaler, der sein heimisches Solothurn häufig besucht. Sein Selbstbewusstsein war nicht immer NZZ-kompatibel, aber journalistische Qualität, wie sie heute dort versprochen wird, verlangt seine Präsenz.

Drei grosse Journalisten, jeder in seiner Art, dürfen die Welt auf den Kopf stellen. Marcel Ospel hat dies als Chef des alten UBS-Konzerns getan und ist auf die Nase gefallen. Matthäus Schiner wollte für die Schweiz Norditalien erobern und bescherte uns Marignano. Sepp Blatter baute den Weltkonzern FIFA auf und kämpft nun gegen die Verleumder aus dem eigenen Lager.

Es wird immer Männer (und vielleicht auch Frauen) geben, die unser Weltbild verändern können. Wir sollten aber auch den Mut haben, sich ihrem Urteil zu stellen. Das bleibt unbequem.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Mein Entsetzen hält sich in Grenzen

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Wenn viele Zeitungen jetzt schreiben „Die Welt blickt mit Entsetzen…..“, dann sehe ich stets meine Nachbarn an und horche in mich selber hinein: Niemand ist entsetzt. Viele sind traurig, ganz wie ich auch, wenn Kinder im Mittelmeer ertrinken, Väter sich auf Eisen-bahnschienen werfen, um nicht samt Familie in ein ungarisches Lager eingeliefert zu werden oder schreiende Mädchen von ihren Familien getrennt und wieder ins Ausland abgeschoben werden. Das sind keine guten Zeiten.

Anderseits finde ich, die Ertrinkenden im Mittelmeer sind oft Opfer ihrer eigenen Familien, die nach Europa eindringen wollen, um dort Geld zu verdienen, das sie dann wieder in eigene Häuser in einem afrikanischen Land investieren. Wer zuhause bleibt, hat diese Chance nur selten.

Wenn die Syrer oder Afghanen aus ihren Ländern nach Europa fliehen, sind sie späte Opfer europäischer Anmassung und Unfähigkeit. Das jetzt zusammen brechende Syrien wurde von Frankreich und England gemeinsam geschaffen. Die Afghanen hatten nie eine Chance: Erst wurden sie von den Engländern überfallen, dann von den Russen, zwischendurch von den Taliban, die von den US-Amerikanern gegen die Russen aufgerüstet wurden, schliesslich fielen sie ganz den NATO-Truppen zum Opfer. Generationen voller Schmerz und Unglück waren das Ergebnis westlicher Aggressionen.

In meiner Jugend hatten wir in Deutschland einen Satz: „Es wird nicht ausgewandert.“ Wir ärgerten uns schrecklich über die konservativen Parteien, aber nur wenige flüchteten nach Australien oder Kanada. Es wurde der Versuch gemacht, das eigene Land zum Besseren zu verändern.

Den Afrikanern wie den Asiaten wird es nicht erspart bleiben, selber ihre Staaten zum Besseren hin zu verändern. Vom den reichen Staaten des Westens sollten sie nicht zu viel Unterstützung erhoffen. Unsere Eliten, wie wir selber es auch tun, sorgen zuerst einmal für die eigene Tasche. Was wir während nunmehr drei Generationen an Entwicklungshilfe geliefert haben, war zumeist Wirtschaftsförderung und Kampf um politischen Einfluss. Das ist auch heute noch so.

Nein, entsetzt sind wir nicht wirklich. Wir haben die Schrecken der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki erlebt, die Konzentrationslager der Deutschen, die Morde der französischen Armee in Nordafrika und Indochina, den Vietnamkrieg, die blutigen Aufstände in Indonesien, die Völkermorde in Afrika. Vulkane haben Zehntausende vernichtet, tropische Stürme und Erdbeben Hunderttausende. Wieso sollten wir entsetzt sein?

Der Mensch, überschätzen wir ihn nicht, sichert zuerst einmal sein eigenes Leben und das seiner Familie. Auch die Zuwanderung der Flüchtlinge wird nach dieser Regel beurteilt. Wenn UBS-Präsident Axel Weber uns sagt, wir würden künftig länger arbeiten müssen, denn eine Rente allein werde nicht mehr genügen, um das Leben zu finanzieren, dann werden sich viele fragen, warum die Sozialkosten dennoch steigen.

Nein, wir sind nicht entsetzt, aber wir sehen mit Entsetzen, wie sich unsere einst ordentlich-saubere Umwelt zunehmend chaotisch verändert. Viele unserer Kinder müssen künftig in Hochhäusern leben, wo sie verdichtet gestapelt werden ganz wie in New York City, HongKong oder Frankfurt schon heute. Unser altes Europa, unsere bürgerliche Welt zerfallen; kein Politiker hat den Mut, uns dies zu sagen.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH