Archiv für den Autor: Stephan Wirz

Über Stephan Wirz

Fragen der Wirtschafts-, Unternehmens- und Konsumethik sind das Spezialgebiet von Stephan Wirz. Es gibt zwar eine ganze Reihe von philosophischen und theologischen Ethikern, aber nur wenige von ihnen kennen die Unternehmenswelt von innen. Stephan Wirz ist einer davon. Er arbeitete nach seinen Studien der Theologie, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Völkerrecht fast 10 Jahre in der Privatwirtschaft, bei einem Finanzdienstleistungs- und einem Industrieunternehmen. Seit 2007 leitet er den Bereich Wirtschaft und Arbeit der Paulus-Akademie in Zürich und lehrt als Titularprofessor für Ethik an der Universität Luzern. Die Paulus-Akademie bietet Tagungen, Abendveranstaltungen und Seminare zu gesellschaftspolitischen, ethischen und religiösen Themenbereichen an. Namhafte Referenten aus Wissenschaft und Praxis bieten den Teilnehmenden verschiedene Sichtweisen und Informationen zu Fragen unserer Zeit.

Ausverkauf – Wie mich Xherdan Shaqiris Transfer zum Nachdenken brachte

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

In vielen Ländern war früher der Ausverkauf, der Winter- und Sommerschlussverkauf, streng reglementiert. Nur innerhalb eines bestimmten Zeitfensters konnten die Waren zu einem stark reduzierten Preis verkauft werden, zur Räumung der Lager am Ende einer Saison. Heute, im Zuge der Liberalisierung, sind diese starren Regelungen vielerorts gelockert worden.

Im Fussball gelten noch die alten Bräuche. Das mediale Dezember-Rätselraten, verlässt jetzt Shaqiri den FC Bayern oder nicht, machte auch fussballabstinenten Kreisen klar, dass im Fussball der Arbeitgeber nur innerhalb bestimmter Transferperioden gewechselt werden kann. Und noch eines wurde einem wieder in aller Deutlichkeit bewusst: der Warencharakter des Transfergeschäfts. Da wird nach Herzenslust gefeilscht, wer wann zu welchem Preis gehen darf oder nicht. Bei Abschliessung der Verträge wird die Vertragserfüllung ohnehin nicht mehr erwartet; Verträge spielen nur insofern eine Rolle, dass je nach noch geltender Vertragsdauer die Ablösesumme unterschiedlich hoch ausfallen wird. Am grossen Reibach verdienen viele mit: Vereine, Spieler, Berater usw. Im Fall von Shaqiri offenbar auch der vorletzte Arbeitgeber, der FC Basel.

Ein Sportler ist auch nicht mehr nur ein Mensch, sondern eine Marke. Früher waren nur Waren Markenprodukte, heute ist die Person selbst eine Marke. Das bedeutet, dass er eine genau festgelegte „Corporate Identity“ befolgen muss: sein Kleidungsstil wird festgelegt, die Art und Weise seines öffentlichen Auftritts, die Kommunikationsform in den Social Media. Caritative Engagements stehen dem Spitzenverdiener gut an und müssen entsprechend geplant und publiziert werden. Viele PR-Berater arbeiten an diesem Image mit dem Ziel, diesen Marken-Status für ihren Auftraggeber zu erreichen. Markenprodukte, das wissen wir aus dem Konsumgüter-Marketing, lassen sich zu einem höheren Preis verkaufen.

So ist die Bereitschaft der Sportler (und auch anderer Zeitgenossen aus Politik, Wirtschaft und Kunst) hoch, an diesem Markenprozess mitzuwirken. Doch sie bekommen nicht nur, sie müssen auch einen Preis entrichten. Sie können nicht mehr sich selber sein: Ich muss mein Image sein. Formulieren wir das Ganze in der Sprache der Philosophie, mit Immanuel Kant: Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Wer nur auf den (eigenen Markt-)Preis schaut, dem kostet es letztlich seine Würde.

Und die Fans der Fussballvereine, die das alles mitfinanzieren? Wie der begeisterte Empfang der Fussballstars in ihrer neuen Umgebung zeigt, lassen sich die Fans gerne von den orchestrierten Events verführen. Auch ihnen ist wohl klar, dass Loyalität und Vertragstreue und die an jedem Arbeitsort wiederholten Liebesschwüre, beim besten Verein zu sein, nicht für bare Münze zu nehmen sind, sondern eher gegen bare Münze eingetauscht werden. Ihre moralischen Ansprüche sind bescheiden geworden. Nicht so die monetären Ansprüche der Spieler – frappant wie wenig die hohen Bezüge in der Gesellschaft kritisiert werden, ganz im Gegensatz zur Abzocker-Diskussion bei den Managern. Ob die Vasellas & Co, nicht doch den schwierigeren Job haben und mehr für das Gemeinwohl tun als die Ronaldos & Co?

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie Zürich

Friedliebende Gesellschaft der Langlebigen

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

Wir haben gegenüber früheren Generationen das Privileg, einer „Gesellschaft der Langlebigen“ anzugehören. Nach der Pensionierung können viele Menschen in unserem Land noch zwei, drei Jahrzehnte in finanziell gesicherten Verhältnissen leben – Zeit genug, nach dem Berufsleben noch weitere Projekte zu starten oder sich Lebensträume zu erfüllen.

Auf einen weiteren Aspekt machte kürzlich Peter Gross, emeritierter Soziologieprofessor an der Universität St. Gallen, bei seinem Vortrag in der Paulus-Akademie in Zürich aufmerksam: „Gesellschaften der Langlebigen“ seien friedliebender. Die demographische Entwicklung sei keineswegs negativ zu bewerten. Nach seiner Auffassung bewirke die geringere Kinderzahl eine höhere Wertschätzung gegenüber dem einzelnen Kind und eine Verstärkung der Kommunikation zwischen den häufig nun vier (gegenüber früher drei) lebenden Generationen in einer Familie. Gegenwärtig sei diese Gesellschaftsform noch auf die klassischen Industriestaaten beschränkt, doch in den nächsten 50 Jahren werden die Schwellenländer nachziehen. Dies führe zu einer Pazifizierung des internationalen Zusammenlebens. Die generationelle innere Stabilität und zunehmende Prosperität der Staaten werden nach Peter Gross eine konfliktdämmende Wirkung entfalten.

Der Vortrag von Peter Gross konfrontierte die Zuhörerinnen und Zuhörer immer wieder mit Sinnfragen, die sich der „Gesellschaft der Langlebigen“ in verschiedener Hinsicht stellen. Neu gegenüber früheren Gesellschaften sei die Einteilung der Lebensphasen in drei ungefähr gleich grosse Blöcke Ausbildung – Erwerbsleben – Pensionierung (30-30-30 Jahre). Für die dritte Phase bedeute das nun, dass der gegenüber früher noch viel vitalere Mensch um die 65 sich überlegen müsse, wie er diese ihm zur Verfügung stehende ca. drei Jahrzehnte währende Lebenszeit sinnvoll gestalten kann. Die Pensionierungsphase sei heute nicht mehr ein nur noch einige wenige Jahre dauerndes Ausruhen des durch die Berufstätigkeit körperlich erschöpften Menschen, sondern Potenzial, das es zu nutzen gelte.

Diese vitalen und finanziell gutgestellten 65+ sind schon seit einigen Jahren auch im Fokus der Unternehmen. In der Werbung werden nicht mehr nur Zwanzig- und Dreissigjährige abgebildet, sondern vermehrt auch Frauen und Männer über 60. Sie haben Zeit und Geld zu konsumieren. Wenn heute das Schreckgespenst „Deflation“ und damit ein drohender Konsumaufschub durch die Wirtschaftsgazetten geistert, dann setzt man nicht zuletzt auch auf die Konsumfreudigkeit der „jungen Alten“, um diese Gespenster zu verscheuchen. Schon merkwürdig, wie der Zeitgeist wirbelt: Vor kurzem priesen noch „Experten“ den aufkeimenden gesellschaftlichen Trend nach Suffizienz und Konsum-Entschleunigung (Slow-food usw.), heute fürchtet man die Konsum-Askese wie der Teufel das Weihwasser.

Was bei all der Reklame und den Prognosen zur guten, heilen Alterswelt nicht vergessen werden darf: Jedes „young old“-Dasein mündet in eine mehr oder länger dauernde Lebensphase des „old-old“-Seins. Sie bedeutet Zunahme der Hinfälligkeit, Schwinden der Lebenskräfte. Ob man auch dieser Phase einen tieferen Sinn abringen kann? Darüber lohnt es sich auch, in den Weihnachts- und Neujahrstagen nachzudenken.

Altersgerechte Wirtschaft

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

Sind Sie vor einigen Monaten auch über die Werbeplakate im Aargau gestolpert? Nein, es bestand keine Sturzgefahr; aber visuell und gedanklich waren sie schon eine Herausforderung. Man sah Porträtfotos von „mittelalterlichen“ Frauen und Männern, die jeweils mit einem Vornamen und einer Ziffer unterschrieben waren. Zum Beispiel Urs, 30 Jahre, oder Margret, 35 Jahre. Das Alter war kaum zu glauben, die abgebildeten Personen sahen deutlich älter aus. Erst beim näheren Hinsehen entschlüsselte sich die Werbebotschaft. Die Ziffern waren keine Altersangabe, sondern drückten die Anzahl Berufsjahre aus. Und der Betrachter der Plakate erkannte, dass diese Personen auf Stellensuche waren, aber wegen ihres „hohen“ Alters über Fünfzig keine Stelle fanden.

Man kann über die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative denken, was man mag. Unbestritten ist, dass seitdem Unternehmer und auch der Arbeitgeberverband über die bessere Ausschöpfung des Arbeitskräftepotentials in der Schweiz medial laut nachdenken. Zwar schneidet die Schweiz in Statistiken über den Beschäftigungsgrad der Fünfzig- bis 65-jährigen relativ gut ab, doch kennt nicht jeder von uns ältere Personen im Verwandten- und Bekanntenkreis, die eine Beschäftigung suchen?

Wir leben in einem Zeitalter der Individualisierung. Unsere Gesellschaft bietet aufgrund des ökonomischen Wohlstands, der Vielzahl an Ausbildungs- und Berufswegen sowie der Pluralisierung der Werte und Normen mannigfaltige Möglichkeiten, seinen eigenen Lebensstil zu gestalten. Umso mehr erstaunt es, dass dieser Individualisierungstrend irgendwann in den Vierzig abbricht und „Schema F“ häufig den Berufsalltag der 50 + überschattet. Da beginnt zum Beispiel beim älteren Arbeitnehmer die „Schere“ im Kopf zu wachsen: „Zählt mich meine Vorgesetzte, mein Vorgesetzter nicht schon zum „alten Eisen“? Darf ich noch meine eigene Meinung deutlich kundtun oder muss ich nicht negative Konsequenzen befürchten? Finde ich dann in meinem Alter noch eine Stelle?“ Auf Seiten des Unternehmens überprüft man vielleicht eingehender das Leistungsvermögen des älteren Mitarbeiters und wägt es mit dem Salär ab, das in der Regel üppiger ausfällt als beim zwanzig oder dreissig Jahre Jüngeren. Und die staatlichen Rahmenbedingungen erweisen sich als ausgesprochen rigide: In der alten Industriegesellschaft mit den vielen körperlich anstrengenden Berufen und der viel kürzeren Lebenserwartung mag die starre Pensionierungsgrenze von 65 Sinn gemacht haben. Aber heute? Warum findet man nicht flexiblere Übergangszeiten vom Erwerbsleben in den erwerbsfreien Ruhestand? Der Gesundheitszustand und die Bedürfnisse der Menschen sind individuell verschieden. Deshalb würde es einer liberalen Gesellschaft gut anstehen, dass sie ihren Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht, auch diese Lebensphase möglichst individuell gestalten zu können.

Zum Potenzial und den Berufs- und Karrieremöglichkeiten der Ü 50 sowie zur Rolle der Ü 65 als Konsumenten organisiert die Paulus-Akademie am Dienstag, 2. Dezember 2014, 19.00-21.00 Uhr, eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung im Hotel Glockenhof in Zürich. Weitere Informationen und Anmeldung hier.

Geld – Gier – Lebenssinn

Mit Geld sind hohe Erwartungen verknüpft: Unabhängigkeit, Sicherheit, Macht, Einfluss, Attraktivität, Prestige, Lebensglück. Geld hat deshalb Suchtpotential. Gegen die Fixierung auf das Geld und übersteigerte Hoffnungen in seine Wirkkraft kämpfen traditionell philosophische und religiöse Denkansätze an. Probieren wir es einmal anders, schauen wir bei den Comics nach, was sie uns lehren können.

Haben Sie in Ihrer Kinder- und Jugendzeit auch Mickey Mouse gelesen? Sicher haben Sie dann auch Dagobert Duck bei seinem täglichen Bad in seinem Geldspeicher begleitet. Je nach Betrachtungsweise haben Sie sich über die lästige Anbettelei seiner Verwandtschaft oder über den Geizkragen Dagobert geärgert. Sie haben mitgefiebert, ob es Dagobert gelingt, die nimmermüden Panzerknacker abzuwehren, die ihm das riesige Vermögen „abknöpfen“ wollen. Welchen Kontrast liefert ein solches Bild: Das scheinbar so sorgenfreie Baden im Geld, das doch immer nur einen kurzen Augenblick währt, und das stete Abwehren von Schnorrern und Kriminellen, das mit der Zeit vielleicht auch den eigenen Charakter verändert: zunehmendes Misstrauen, Geiz, ein sich Zurückziehen auf sich selbst.

In Entenhausen kommt der Tod nicht vor; Dagobert Duck scheint unsterblich zu sein. Wir aber sind Sterbliche, und das bedeutet, dass die individuelle Vermögenssicherung über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt sein wird. „Das letzte Hemd hat keine Taschen“, sagt der Volksmund. Eine ähnliche Aussage findet sich auch im Neuen Testament: Von einem fleissigen Bauern wird dort erzählt, der kräftig in die Erweiterung seiner Aufbewahrungskapazitäten für einen grossen Ernteertrag investiert hat. Bald darauf kann er tatsächlich eine grosse Ernte einfahren; er nützt die stark erweiterte Infrastruktur seines Hofes aus. Damit wähnt er sich in Sicherheit. Er ist überzeugt davon, ausgesorgt zu haben. Nun kann ein geruhsames Leben beginnen. Doch seine Sicherheit ist trügerisch. Die Erzählung endet mit der Ankündigung: „Du Narr, noch heute wird Dein Leben von Dir zurückgefordert werden.“ Nichts wird ihm von seinem Reichtum bleiben.

Vielleicht hat er testamentarisch gut vorgesorgt. Sein landwirtschaftlicher Besitz wird auf beruflich geeignete Familienmitglieder übertragen. Doch die Buddenbrooks in der Literatur und manche Adels- und Industriellendynastien, ja selbst Staaten lehren uns, dass es in der Geschichte keine Besitzstandsgarantie gibt, sondern fortwährende Auf- und Abstiege. Nachfolgende Generationen können das Erbe verprassen, oder politische und wirtschaftliche Umstände vernichten es. Wir leben also nicht einmal geldmässig in unseren Nachkommen dauerhaft weiter. Wenn wir so über „Zeit und Ewigkeit“ nachdenken, welche Bedeutung messen wir dem Geld und seinem Erwerb bei?

Muss es nicht Bereiche in unserem Leben und im Leben unserer Gesellschaft geben, die dem Verrechenbaren und Käuflichen entzogen sind? Zeigt sich der Reichtum menschlichen Lebens nicht gerade dort, wo etwas nicht um des Verdienstes oder des Prestiges wegen, sondern aus der Grosszügigkeit des Herzens, aus selbstloser Liebe getan wird? Eine solche Haltung und ein kritisches Nachdenken über die Bedeutung des Geldes stärken die „Abwehrkräfte“ dafür, damit Geld im eigenen Leben nicht zum Selbstzweck wird, sondern zu einem Mittel, das Sinnvolles ermöglichen kann.

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie, Zürich

Erleben wir eine Renaissance der Führungstugenden?

Prof. Dr. Stefan Wirz, Paulus Akademie

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie

„In einem freien Wirtschaftssystem gibt es nur eine einzige Verantwortung für
die Beteiligten: Sie besagt, dass die verfügbaren Mittel möglichst gewinnbringend
eingesetzt und Unternehmungen unter dem Gesichtspunkt der grösstmöglichen
Profitabilität geführt werden müssen, solange dies unter Berücksichtigung der
festgelegten Regeln des Spiels geschieht, d. h. unter Beachtung der Regeln des
offenen und freien Wettbewerbs und ohne Betrugs- und Täuschungsmanöver.“

Milton Friedman, von dem dieses Zitat stammt, ist kein Verächter menschlicher Verantwortung, wie ein erster Eindruck dieses Zitats vielleicht vermuten lässt. Ein solcher Gewinn zeigt nämlich an, so dürfen wir seinen Gedankengang fortführen, dass das Unternehmen den Kundenbedarf effizient und wirksam deckt, also gemeinwohlfördernd arbeitet. Dennoch stösst diese marktwirtschaftliche Logik in manchen Bevölkerungskreisen auf Reserviertheit, ja Ablehnung. Sie wird als zu kühl empfunden; ihr fehle die soziale Wärme. In der Tat ist mit der eher abstrakten wirtschaftswissenschaftlichen Betrachtungsweise noch nicht der unternehmerische Alltag eingefangen, in dem Menschen miteinander interagieren. Sie tun es nicht als rein rationale «homines oeconomici«, sondern sie treten sich gegenüber und treffen Entscheidungen als Menschen mit Emotionen, Sehnsüchten, Interessen, Sorgen und Begrenzungen.

Unternehmen sind nicht abstrakte Kollektive, sondern sie werden belebt durch Menschen. Wie ein Unternehmen seine unternehmerische Verantwortung interpretiert und lebt, hängt davon ab, welches Verständnis von Verantwortung die einzelnen Führungspersonen dieses Unternehmens haben. Wir sollten deshalb in Zukunft unser Augenmerk wieder stärker auf die Führungsqualitäten legen, auf die fachliche, kommunikative und – horribile dictu – moralische Eignung von Führungspersonen. Ich bin mir bewusst, dass die Vorstellung, wie eine ideale Führungspersönlichkeit auszusehen hat, im Lauf der Jahre mäandert: Einmal wird die starke, charismatische Führungsperson gelobt, die über eine klare Vision von der zukünftigen Gestalt der Organisation verfügt und diese auch mit «harter Hand» durchsetzt. Zu einem anderen Zeitpunkt wird der seine Mitarbeiter einbeziehende, empathische Moderator gerühmt. Doch das ist kein Grund, auf den Diskurs über Führungstugenden zu verzichten.
Welches Führungsbild zeichnet sich gegenwärtig ab? Gibt es nach den stark pekuniär motivierten und sich selbst inszenierenden Managern gar eine Renaissance für Demut und Bescheidenheit als Führungstugenden? Ein solcher Eindruck speist sich nach meinem Dafürhalten aus drei Quellen:

  • Erstens erkennen die Führungspersonen in Unternehmen, wirtschaftsnahen Verbänden und Parteien, dass sich Reputationsdefizite nachteilig auswirken. In einer direkten Demokratie werden die abstimmungsmässigen «Kosten» mangelnder Reputation in Form von weniger unternehmensfreundlichen Rahmenbedingungen relativ rasch ersichtlich.
  • Zweitens erfährt das Bild des Patrons heute eine neue Wertschätzung. Dabei steht nicht mehr der absolutistisch regierende Unternehmenschef des 19. Jahrhunderts vor Augen, sondern der Unternehmer, der für den nachhaltigen Erfolg «seines» Unternehmens kämpft, für seine Mitarbeiterschaft eintritt und zugleich auch ein «homme (oder femme) politique» ist, sich also für das Wohlergehen des Gemeinwesens einsetzt.
  • Die dritte Quelle ist die mediale Berichterstattung über die Lebensweise und das Führungsverhalten von Papst Franziskus. Plötzlich sind Bescheidenheit und Demut, über Kirchengrenzen hinweg, chic geworden. Wer kann sich da noch «demonstrativen Konsum» und arrogantes Auftreten leisten?

Der Diskurs über Führungsqualitäten läuft. Stehen wir auch in der Unternehmenswelt vor einem tugendethischen Durchbruch oder ist das alles doch nur geschickte Inszenierung?

Prof. Dr. Stephan Wirz, Leiter Studienbereich Wirtschaft und Arbeit, Paulus Akademie Zürich