Sind wir Schweizer mutlos?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Samstag, der 31. Oktober 2015, war ein ganz besonderer Tag. Während draussen eine warme Herbstsonne schien und die Menschen, durchaus vergnügt, ihre Einkäufe machten oder in die Berge flohen, schrieb NZZ-Chefredaktor Eric Gujer auf der Titelseite „Die Republik der Mutlosen“. Er meinte uns Schweizer. Wir erschöpften uns in Negativszenarios, sei es vor dem Monster EU oder einem Rechtsrutsch.

Gujer, der die NZZ-Leitartikel zehn Tage im Voraus planen lässt, damit sie an Substanz gewinnen, hatte an diesem Tag einen Mitdenker im linksliberalen „Tagesanzeiger“, den Reporter Constantin Seibt, einen originellen Kopf, der seine Sporen bei der „WoZ“ verdient hatte. Seibt schrieb ebenfalls von der Mutlosigkeit der Schweiz, wie sie sich in der SVP ausdrückt. Die Schweiz beschäftige sich zu viel mit der eigenen Geschichte, während die kalifornischen Ingenieure von Google und Facebook unsere Welt und die Schweiz verändern.

Diese ebenso merkwürdige wie bemerkenswerte Koalition zwischen NZZ-Chefredaktor und Tagi-Reporter, welche die Schläfrigkeit unserer Politik, Wirtschafsführer und Menschen, ganz allgemein, ins Scheinwerferlicht der Medienöffentlichkeit stellt, zeigt: Wir haben tatsächlich ein Problem.

Am gleichen Samstag, diesmal im „St. Galler Tagblatt“, das zur NZZ-Gruppe gehört, aber deren politisches Niveau bei weitem nicht erreicht, wird auf das Stück einer einheimischen Autorin, Rebecca C. Schnyder hingewiesen, das im dortigen Stadttheater zur Aufführung kommt. Am Beispiel der untergegangenen Stickereiindustrie, die St. Gallen einst prägte, fordert die Jungautorin Ihre Landsleute auf: „St. Galler, seid mutiger.“

Wir haben ganz offensichtlich in der Schweiz ein Mut-Problem; überall zeigt sich die Welt als fortschrittlich, aber uns gelingen keine grossen Sprünge mehr, sondern nur noch Hopser. Der Fortschritt findet nur noch dort statt, wo Ausländer das Ruder übernommen haben.

Ist die Schweiz, sind wir Schweizer eingeschlafen? Ganz stimmt dies nicht, denn viele unserer Besten zügeln seit über zwanzig Jahren in die Bastionen des Fortschritts: Silicon Valley, MIT/Boston oder direkt an die Wall Street. In Londons City finden sich Hunderte junger Schweizer, die dort in den Finanzinstituten Karriere gemacht haben, nicht viel weniger in Singapur und Hongkong.

Für sie alle ist es offensichtlich wenig reizvoll, in unser Land zurück zu kehren. Die Grossbanken bauen Arbeitsplätze ab und die Industrie eifert den Banken nach. Nach Prof. Lässer von der Universität St. Gallen soll unser Land wieder zum „Spielplatz der Welt“ werden, wie es dies im 19. und 20. Jahrhundert für die jungen Engländer schon einmal war.

Jedes dieser Projekte heisst mehr Armut für den Normalschweizer. In einer bis zwei Generationen werden die meisten Erben ihr Spielgeld, welches sie von ihren Familien erhalten haben, wieder vertan haben. Weder in Bern noch in den Parteien noch an den Hochschulen hat irgendjemand eine Idee, wie das zu verhindern ist.

Derweil kaufen sich arabische Fürsten mit grossem Tempo in der Schweiz ein. Von diesen Renten werden wir nicht ewig leben können.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Offentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

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