„Begrabt mich nicht.“

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Wenn mich irgendein Satz in diesen kriegerischen Tagen erschüttert hat, dann der des sechsjährigen Jungen, den die Rettungsmannschaften in Syrien aus einem zerschossenen Haus zogen: „Begrabt mich nicht.“ flehte er, dessen ganze Familie tot war, die Rettungsmannschaften an.

Welcher Lebenswille in diesem kleinen Körper, der schlimm zerfetzt war! Es ist der gleiche Lebenswille, der die flüchtenden Iraker, Syrer, Afghanen und Afrikaner nach Europa treibt. Es sind meist die besten und kräftigsten Männer mit ihren Familien, die keine Zukunft mehr im eigenen Land sehen. Ihr stiller Schrei heisst „Begrabt uns nicht.“ Sie wollen leben.

Wenn viele Deutsche und andere Europäer an dieser Stelle sagen: „Wir haben schon einmal, nach dem Zweiten Weltkrieg, solche Flüchtlingswellen erlebt. Zwölf Millionen Ostdeutsche, die in Westdeutschland aufgenommen wurden“, dann gerät gerne in Vergessenheit, dass es sich dabei mehrheitlich um Menschen handelte, die aus dem gleichen oder mindestens ähnlichen Sprach- und Kulturkreis stammten. Man sprach deutsch und war ein Christ.

Diese Menschen zu integrieren, fiel schon vor siebzig Jahren schwer. Ich habe als junger Mann die Turnhallen besucht, in welche Familien oft Jahre zwischen Zeltplanen leben mussten. Aber sie konnten Deutsch und die meisten wollten auch arbeiten.

Wer jetzt nach Westeuropa will, denn nach Osteuropa will keiner, ist zumeist Moslem, aufgewachsen in einer vorzivilisatorischen Kultur, die mit unserer modern-urbanen Kultur wenig gemein hat. Diese Familien, von denen kaum eine Deutsch oder eine andere europäische Sprache spricht, kennen weder unsere Sitten noch haben sie grosse Lust, nach diesen zu leben. Sie kennen unsere Arbeitswelt nicht, haben meist auch keine nennenswerte Ausbildung.

Natürlich gibt es den berühmten syrischen Arzt, der ebenso gut wie die unsrigen ist, aber es dauert Jahre bis er in unserer überhitzten, von Geschwindigkeit geprägten Spitalstruktur heimisch werden wird. Soll er als Hausarzt in die Provinz gehen? Dort leben gerade jene Einheimischen für die jeder Fremde, auch der aus dem eigenen Land, des Teufels ist.

„Begrabt mich nicht“, der Lebenswille des kleinen Jungen sagt aber noch etwas ganz anderes, eine Botschaft, die wir nicht überhören sollten: „Wir in den jungen Völkern des Ostens und des Südens, wir haben diesen unbedingten Lebenswillen, den ihr im reichen Norden nicht mehr habt. Wir wollen arbeiten und kämpfen und uns einsetzen. Was habt Ihr? Wohlstand, Reichtum, aber keine Kinder mehr.“ Und unsere Alten, unsere Schwächsten, sie gehen zu Firmen, die Selbsttötungsmaschinen für sie bereithalten.

„Begrabt mich nicht“, heisst auch, lasst mich lernen, arbeiten, etwas leisten. Ich sehe viele Menschen jeglichen Alters in Westeuropa, welche diesen Willen nicht mehr haben. Sie sagen nicht „Begrabt mich nicht“, sondern „Lasst mich in Ruhe“. Das ist schon das halbe Begräbnis.

Wir Europäer sind alt geworden, zu Sonderleistungen kaum noch abrufbar. Es riecht nach Alterstod in Europa. Einst waren es die jungen Schweizer, die als Edelsoldaten in ganz Europa die Ritter und Soldaten verprügelten. Einst waren es die jungen Freisinnigen, welche die reiche Schweiz der Neuzeit aufbauten. Heute sind sie alt geworden und verteidigen ihren Wohlstand.
Der Schrei des Kindes wird mich noch lange begleiten. Er soll auch in Ihnen etwas auslösen.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

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