There’s no business like show business: Führung und Verantwortung heute

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

Was gibt es nicht alles für schöne Begriffe in der Unternehmenswelt: Corporate Social Responsibility, Corporate Citizenship, ja sogar Corporate Philanthropy. Sie alle wollen mehr oder weniger dasselbe signalisieren: Das Unternehmen nimmt seine Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern, Lieferanten und Kunden ernst und schafft „shared values“, also Werte für das Unternehmen und die Gesellschaft. Damit die guten Taten auch nicht verborgen bleiben, werden sie in umfangreiche Corporate Social Responsibility-Berichte und Imagebroschüren niedergeschrieben.

Bei den Banken wissen wir seit dem Finanzskandal, seit Liborsatz- und Währungsmanipulationen etc., dass diese Begriffe nicht zum Nennwert zu nehmen sind. Hauptsache, es klingt gut und erweckt einen schönen Anschein. Eben: There’s no business like show business!

Bei den ingenieurslastigen Unternehmen vermuteten wir bisher mehr Solidität und PR-Sprödheit. Volkswagen hat uns eines Besseren belehrt: die Kreativität wird nicht dafür eingesetzt, anspruchsvolle gesetzliche Schadstoffnormen zu erfüllen, sondern die Kontrollmassnahmen zu neutralisieren. Manche sagen jetzt, die Normen seien eben unrealistisch tief angesetzt. Um sie erfüllen zu können, bräuchte es einen unverhältnismässigen Aufwand. Selbst wenn das so wäre: Warum hat dann die Automobilindustrie nicht gegen diese Normen interveniert? Eine so mächtige Branche und ein so mächtiges Unternehmen wie Volkswagen hätten es spielend geschafft, „realistischere“ Normen in den Gesetzestext schreiben zu lassen. So aber macht es den Anschein, dass man sich ohne grossen Aufwand mit „grünen Lorbeeren“ schmücken wollte. There’s no business like show business!

In der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ vom 2. Oktober liest man, dass sich die beiden obersten Repräsentanten der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Bedford-Strohm und Kardinal Marx, in Bezug auf die Migrationswelle für eine „Abschiedskultur“ aussprechen. Man reibt sich ungläubig die Augen: Sind beide nicht noch im August in den Medien als vehemente Verfechter einer „Willkommenskultur“ aufgetreten? Erkennen beide, dass die „politische Windrichtung“ inzwischen gedreht hat? Dann gilt auch für die Stellungnahme dieser beiden Herren: There’s no business like show business!

Damit man nicht solche abrupten Wendemanöver vornehmen muss, sollte man eben nicht gesinnungs-, sondern verantwortungsethisch (siehe mein letzter Blog) argumentieren. An Nächstenliebe und Gastfreundschaft zu erinnern, ist sicherlich eine ehrbare Aufgabe der Kirchen, sie sollten aber nicht völlig geopolitisches und ökonomisches Denken vergessen. Blauäugigkeit oder politischer Opportunismus haben der Nächstenliebe noch nie gedient!

Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie

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Über Stephan Wirz

Fragen der Wirtschafts-, Unternehmens- und Konsumethik sind das Spezialgebiet von Stephan Wirz. Es gibt zwar eine ganze Reihe von philosophischen und theologischen Ethikern, aber nur wenige von ihnen kennen die Unternehmenswelt von innen. Stephan Wirz ist einer davon. Er arbeitete nach seinen Studien der Theologie, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Völkerrecht fast 10 Jahre in der Privatwirtschaft, bei einem Finanzdienstleistungs- und einem Industrieunternehmen. Seit 2007 leitet er den Bereich Wirtschaft und Arbeit der Paulus-Akademie in Zürich und lehrt als Titularprofessor für Ethik an der Universität Luzern. Die Paulus-Akademie bietet Tagungen, Abendveranstaltungen und Seminare zu gesellschaftspolitischen, ethischen und religiösen Themenbereichen an. Namhafte Referenten aus Wissenschaft und Praxis bieten den Teilnehmenden verschiedene Sichtweisen und Informationen zu Fragen unserer Zeit.

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