Warum ist die Schweiz ein Verlierer?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Wir sind das teuerste Land der Erde und auch das Land mit den besten Voraussetzungen für die freie Entfaltung der Unternehmen. Unsere Bundesbeamten verdienen, einschl. Putzfrauen, im Jahr durchschnittlich 127 000.— Franken. Der Präsident einer mittelgrossen Stadt, wie Baden oder Romanshorn es sind, verdient rasch einmal über 200 000 Franken im Jahr. Kann es sein, dass etwas nicht stimmt bei uns?

Wir haben in Sachen Bankgeheimnis nach knapp hundert Jahren die Schlacht gegen amerikanische und deutsche Justizbehörden verloren. Die besten eigenen und US-amerikanischen Anwälte konnten diese Jahrhundertniederlage nicht verhindern. „We are doing our best“, war nach Millionenhonoraren die wenig befriedigende Antwort der Anwälte für den Finanzplatz.

EDA-Chef Didier Burkhalter wollte die Schweiz dem Europäischen Gerichtshof unterstellen lassen, was in Bern wenig Beifall fand. Fremde Richter im eigenen Haus? Staatssekretär Yves Rossier, aus dessen Stall dieser Vorschlag stammte, wurde zurückgebunden. Seine Karriere hat seither einen deutlichen Rückschlag erlitten. Indirekter Sieger war ein anderer Schweizer: Prof. Dr. Carl Baudenbacher, Präsident des EFTA-Gerichtshofes in Luxemburg, der vor einer solchen Lösung stets gewarnt hat. Der politisch-juristische Ausverkauf der Schweiz konnte im letzten Augenblick noch gestoppt werden.

In Verkehrsfragen verhandelt die Schweiz gegen deutsche und italienische Interessen wie ein Primarschüler gegen Hochschulprofessoren. Nicht nur nehmen wir es hin, dass der Flughafen Zürich-Kloten vor allem von deutschen Fluggesellschaften benutzt wird, sondern wir tragen es auch mit Fassung, dass Kloten zu einem Heimatflughafen der Süddeutschen Bevölkerung geworden ist. Fracht aus Württemberg und Bayern fliegt über Kloten in alle Welt. Während die Deutschen die Ruhe über ihren Schwarzwaldtannen für maximal 5000 Einwohner eisern verteidigen, leiden bei uns 300 000 Menschen unter Fluglärm und giftigen Kerosin-Abfällen, die unsere Wohngebiete wie Erholungslandschaften verdrecken.

Weil wir in der Luft schlecht verhandeln, muss dies auch für die Schiene gelten. Wir finanzieren den Deutschen im Norden der Schweiz an der Grenze auf Schweizer Boden eine Bahnlinie Ost-West und weil die Italiener kein Geld haben, finanzieren wir im Süden deren Bahnstrecke, die den Anschluss in die Schweiz sicherstellen soll. Wieso sind wir nie die Gewinner in solchen bilateralen Verhandlungen?

Schuld ist der Kompromiss. Von früher Kindheit an wird jeder Schweizer im Sinne einer liberalen Kompromiss-Haltung erzogen. Später, in den Gemeinden, Kantonen und im Bund heisst es immer: „Nicht streiten, wir suchen den Kompromiss.“ Damit kommt man im Ausland nicht weit. Wer gegen ausländische Spitzendiplomaten in Verhandlungen gewinnen will, braucht eine grosse Hutnummer. Dort will man nicht den Kompromiss, sondern den Sieg.

Wie die Mitte dort ist, wo nichts ist, wie bald auch der Wahltag am 18. Oktober zeigen wird, ist der Kompromiss nach Meinung von Margret Thatcher, die von älteren Schweizern immer noch hoch verehrt wird, wie folgt zu verstehen: „To me, consensus seems to be the process if abandoning all beliefs, principles, values and policies. It is something in which no one believes and to which no one objects.“ So ist es, der Kompromiss ist für uns oft die schlechteste Lösung, vor allem bei internationalen Verhandlungen.

Der Kompromiss hält unser Land zusammen und hat viele wohlhabend und reich gemacht. Unsere Politiker, seien sie von links oder rechts, sind Kompromisspolitiker auf Lebenszeit. Macht einer nicht mit, wie Peter Bodenmann und Christoph Blocher dies tun, gelten sie sofort als bunte Vögel.

Erstmals habe ich im Vorfeld der Herbstwahlen, die vor der Tür stehen, neue Kandidaten erlebt, die nicht den Kompromiss wollen. Einer von ihnen ist der 35jährige Marcel Dobler aus Rapperswil-Kemprathen, der für die St. Galler FDP in die Hosen gestiegen ist. Dobler, Gründer der Digitec AG, will in Bern etwas erreichen, den Beamtenapparat abbauen, die Lasten für KMU- und Gewerbebetriebe verringern und weniger Ausländer hereinlassen.

Die junge Generation wird ungeduldig. Sie sieht sich im Alter gefährdet und lehnt daher unnötige Kompromisse ab.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

Ein Gedanke zu „Warum ist die Schweiz ein Verlierer?

  1. Frey Rita

    Unsere Politiker wollen nicht nur den Kompromiss, sie haben schlicht Angst sich durch zu setzen. Zeigt jemand aus Bundesbern oder in einer Gemeinde einmal Rückgrat wird er gleich in der Luft zerrissen. Nicht nur beim Verkehr oder Bankgeheimnis. Auch die Einwanderungs- und Ausschaffungsinitiative dümpelt vor sich hin. Natürlich sind die Bilateral Verträge wichtig, aber nur für uns? Es ist an der Zeit dass wird das ausspielen das die Bevölkerung hat und den Politikern fehlt: Mut zum Widerstand und zum Neuen!

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