Migrationswelle: Reicht guter Wille allein?

Portrait_ProfWirzDer Beschluss Deutschlands, wieder Grenzkontrollen einzuführen, beendet das wenige Tage dauernde politische Sommermärchen in München. Wer hat die Bilder nicht vor Augen: Bürger, die den am Bahnhof eintreffenden Flüchtlingen Schilder mit „Welcome“ entgegenhalten; Bürger, die in grossen Mengen Kleider und Nahrungsmittel vorbeibringen; eine Kanzlerin, die vor die Kameras tritt und energisch unterstreicht, das Grundrecht auf Asyl kenne keine Obergrenzen. Für einen Moment schienen die Gesetze der politischen Schwerkraft aufgehoben zu sein. Existierte das ökonomische Gesetz der Knappheit an Ressourcen und Arbeitskraft nicht mehr?

Jetzt weiss auch die Politik, was viele „Normalbürger“ auch in den Zeiten der Euphorie nicht vergassen: Es gibt sie, die Grenzen unserer Möglichkeit. Der deutsche Soziologe Max Weber hat Ende der 1910er Jahre in seinem berühmten Vortrag „Politik als Beruf“ zwischen Gesinnungsethikern und Verantwortungsethikern unterschieden. Zu den Gesinnungsethikern zählte Max Weber jene Politiker, die die Welt, wie sie wirklich ist, nicht akzeptieren können; die ihre Ideale durchsetzen wollen und nicht die Folgen ihres Tuns bedenken. Verantwortungsethisch handelt ein Politiker dann, wenn er zu seiner Gesinnung auch Distanz einnehmen kann und weiss, dass er für die Folgen seines Handelns aufzukommen hat. Er muss sich also überlegen, wie er seine Grundsätze unter den gegebenen realen Bedingungen am besten einlösen kann. Deshalb braucht er nach Max Weber Leidenschaft (Hingabe an eine Aufgabe), Verantwortungsgefühl und Augenmass.

Für die bevorstehenden Verhandlungen über die europäische Flüchtlingspolitik ist diese Trias allen Beteiligten zu wünschen. Empathie, Betroffenheit vor dem Leid der Menschen sind auch bei Politikern löbliche Eigenschaften. Aber um alle Fakten und Folgen richtig beurteilen zu können, braucht es auch die „Distanz zu den Dingen und Menschen“. Max Weber gibt den Politikern einen auch heute noch gültigen Rat mit auf den Weg: „Jene starke Bändigung der Seele aber, die den leidenschaftlichen Politiker auszeichnet und ihn von dem blossen „steril aufgeregten“ politischen Dilettanten unterscheidet, ist nur durch Gewöhnung an Distanz möglich. Die Stärke einer politischen Persönlichkeit bedeutet in allererster Linie den Besitz dieser Qualitäten.“ Guter Wille allein reicht nicht für eine gute Politik.

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie

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Über Stephan Wirz

Fragen der Wirtschafts-, Unternehmens- und Konsumethik sind das Spezialgebiet von Stephan Wirz. Es gibt zwar eine ganze Reihe von philosophischen und theologischen Ethikern, aber nur wenige von ihnen kennen die Unternehmenswelt von innen. Stephan Wirz ist einer davon. Er arbeitete nach seinen Studien der Theologie, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Völkerrecht fast 10 Jahre in der Privatwirtschaft, bei einem Finanzdienstleistungs- und einem Industrieunternehmen. Seit 2007 leitet er den Bereich Wirtschaft und Arbeit der Paulus-Akademie in Zürich und lehrt als Titularprofessor für Ethik an der Universität Luzern. Die Paulus-Akademie bietet Tagungen, Abendveranstaltungen und Seminare zu gesellschaftspolitischen, ethischen und religiösen Themenbereichen an. Namhafte Referenten aus Wissenschaft und Praxis bieten den Teilnehmenden verschiedene Sichtweisen und Informationen zu Fragen unserer Zeit.

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