Wir leben auf Kosten unserer Kinder

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

Der Beginn des Schuljahres lädt uns ein, darüber nachzudenken, was uns unsere Kinder wert sind. Finden Sie das eine seltsame Aufforderung? Sagen uns politische Parteien nicht dauernd, die Kinder seien das höchste Gut einer Gesellschaft? Und doch: Bei unserer Altersversorgung ist es offensichtlich, dass die gegenwärtige Generation auf Kosten der Jungen lebt. Mindestzins und Umwandlungssatz der Pensionskassen sind nicht nachhaltig. Die Jungen subventionieren die Alten.

Weniger offensichtlich ist das Auf-Kosten-unserer-Kinder-leben beim Lebensstil der Erwachsenen. Es gibt Gesellschaftskritiker, die argumentieren, Kinder würden in unserer Gesellschaft immer mehr zu Accessoires werden. Man holt sie wie Schmuck zur passenden Gelegenheit hervor. Es gibt Lebensphasen, da passen sie einem nicht; da werden sie gezeugt, aber nicht geboren. Im Berufsalltag sind sie eher hinderlich. Die Arbeitsverhältnisse, so wird geklagt, ermöglichen noch immer zu wenig Teilzeitarbeit für Mann und Frau. Und wer Emanzipation an der Partizipation am Berufsleben misst, kann einem Kind zuliebe auch beruflich nicht kürzer treten. Zum Glück gibt es ja die Kinderkrippen und Kitas. Früher hat man sie eher als „sozialistische Errungenschaften“ des Ostens gesehen, heute rühmt man die Professionalität der Betreuung und das kindgerechte Umfeld, das viel besser sei als in den Ein-Kind-Familien.

Da wir zur Zeit in einer Phase leben, wo es ein starkes Bestreben gibt, politische, wirtschaftliche, soziale und anthropologische Unterschiede nach Möglichkeiten einzuebnen, kann es nicht überraschen, dass Betreuung und Erziehung inhaltlich gleichgesetzt werden. Erziehung ist jedoch mehr als Windeln zu wechseln, das Kind zu waschen, ihm Essen zu geben, mit ihm Spaziergänge zu unternehmen. Erziehung ist eigentlich für Kinder ein Grundkurs in Philosophie:

  • sie aufmerksam zu machen für das Wahre, Schöne und Gute;
  • sie einzuführen und zu begleiten in ein Wertesystem, das einem selbst wichtig ist;
  • Nächstenliebe und Empathie vorzuleben gegenüber den Mitmenschen, vor allem auch gegenüber den kranken, alten und schwachen Menschen;
  • Auskunft zu geben über Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem Woher und Wohin.

Können diese Aufgaben noch so professionell ausgebildete Betreuerinnen und Betreuer leisten? Dürfen sie das überhaupt in einem weltanschaulich neutralen Staat? Wollen Sie als Eltern und Grosseltern die Beantwortung solch entscheidender Lebensfragen an Ihnen relativ unbekannte Personen delegieren?

Kinder wollen nicht nur ausgebildet, sondern gebildet werden. Ersteres hängt mit der heute so wichtigen Arbeitsmarktfähigkeit zusammen. Bildung aber ist mehr: Aus ihr gewinnen wir Menschen eine Einstellung, wie wir zum Leben stehen: zu unserem eigenen Leben, zum Leben unserer Mitmenschen und Gesellschaft, zur Natur. Durch Bildung gewinnen wir ein tieferes Verständnis für unser Leben. Es genügt uns nicht mehr, einfach nur so dahin zu leben.

Unsere Kinder (und die zukünftige Gesellschaft) sollten es uns wert sein, uns Zeit zu nehmen für ihre Bildung.

Stephan Wirz, Paulus Akademie Zürich

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Über Stephan Wirz

Fragen der Wirtschafts-, Unternehmens- und Konsumethik sind das Spezialgebiet von Stephan Wirz. Es gibt zwar eine ganze Reihe von philosophischen und theologischen Ethikern, aber nur wenige von ihnen kennen die Unternehmenswelt von innen. Stephan Wirz ist einer davon. Er arbeitete nach seinen Studien der Theologie, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Völkerrecht fast 10 Jahre in der Privatwirtschaft, bei einem Finanzdienstleistungs- und einem Industrieunternehmen. Seit 2007 leitet er den Bereich Wirtschaft und Arbeit der Paulus-Akademie in Zürich und lehrt als Titularprofessor für Ethik an der Universität Luzern. Die Paulus-Akademie bietet Tagungen, Abendveranstaltungen und Seminare zu gesellschaftspolitischen, ethischen und religiösen Themenbereichen an. Namhafte Referenten aus Wissenschaft und Praxis bieten den Teilnehmenden verschiedene Sichtweisen und Informationen zu Fragen unserer Zeit.

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