Brauchen wir den Kanton Glarus noch?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Wer mit politischen Schwergewichten zusammen sitzt, hört immer häufiger den Satz „In einer Generation werden wir nur noch 5-7 selbständige Kantone haben.“ Der Abfluss von Steuerkraft, der Auszug der talentierten jungen Menschen und der steigende Verwaltungsaufwand sind die Damoklesschwerter, welche den Untergang vieler Kantone zur Folge haben werden.

Wer sich dagegen wehrt, sind kantonale Parteien und Politiker, die auf Kosten ihrer mittelständischen Steuerzahler sehr attraktive und bequeme Jobs haben. Ich kenne Staats- und Regierungsräte, die schon seit zehn Jahren und mehr im Amt sind und nie etwas Nennenswertes geleistet haben. Andere haben das Schul- und Sozialwesen mehr ruiniert als optimiert. Weil sie die Deckung ihrer Parteifreunde und der Verwaltung haben, fällt das nicht weiter auf.

Die kantonalen Medien, an Qualität laufend verlierend, haben auch keinen Grund, ihre politische Scheinautonomie leichtfertig infrage zu stellen. Sie werden vom Bund und der SRG immer höher subventioniert, was den Verlegern kein sorgenfreies, aber ein erträgliches Leben gestattet.

Es stellt sich, stellvertretend für andere, die Frage: Brauchen wir den Kanton Glarus noch? Er hat ohnehin nur zwei Gemeinden, dazu einen Tourismus, der sich auf wenige Standorte (Braunwald) beschränkt, und eine Industrie, die langsam abwandert. Der einst progressive Kanton hat die Moderne weitgehend verschlafen. Es fehlt ihm das Geld, um eine nennenswerte Modernisierung zu verwirklichen; es fehlen ihm auch die Menschen, welche die Globalisierung und deren Konsequenzen verstehen.

Ergo, wir brauchen den Kanton Glarus als selbständigen Kanton eigentlich nicht mehr. Der „Zigerschlitz“, schon sein alter Name drückt dies aus, ist zum zugewandten Ort für das aufstrebende Rapperswil-Jona und die finanzstarken Innerschweizer Kantone geworden. Sie werden getragen vom expandierenden Grossraum Zürich, der in den kommenden zehn Jahren mit mindestens 200 000 Zuwanderern rechnet. Das ist es, was zählt.

Dem ebenso einwohnerschwachen Kanton Uri geht es nicht besser. Wenn die zweite Gotthard-Röhre kommt, woran nicht gezweifelt werden kann, bleibt von Uri nur ein Schlauch übrig, durch den Europas PKW und LKW von Nord nach Süd und zurück fahren werden. Ob die wenigen industriellen Säulen dann wirklich vor Ort überleben werden, wird sich erst in einer Generation zeigen. Wie die Burkhalter die Sika und Thomas Schmidheiny die Holcim aufgegeben hat, die Kaba sich einem deutschen Konzern angeschlossen hat, werden weitere Schweizer Firmen ähnliche Wege suchen, sei es für den Erhalt der Firma in einer Scheinselbständigkeit oder zur Sicherung des Familienkapitals. Der Urner Talboden wird dann europäisiert; aus Urner Tradition wird dann Folklore.

Im Westen nicht anders: Viele Oberwalliser, die in diesen Tagen im französischsprachigen Sion das 200jährige Jubiläum des Beitritts des Kantons Wallis zur Schweiz feiern müssen, nennen sich heute schon „Bernwalliser“. Von der Berner Regierung wird dies mit Wohlwollen aufgenommen. Die deutschsprachigen Oberwalliser, die sich selber nur „Walliser“ nennen, gelten als fleissig und zuverlässig. Da es nur noch 67 000 von ihnen gibt und das Französisch sprechende Unterwallis stärker wächst, fühlen sich die Vor-napoléonischen einstigen Herren des Wallis heute unterdrückt. Wie üblich, sind es die Besten, die den Fluchtweg über Bern, Basel und Zürich in die Deutsche Schweiz suchen.

Ein Kanton, der sich nicht selber finanzieren kann, hat, dauert dies an, seine Selbständigkeit verspielt. Wie das Unterwallis zu Recht als lémanischer Landesteil gilt, kann man den Kanton Fribourg der Waadt zuschlagen. Der Kanton Jura, eine politische Fehlgeburt, wird den gleichen Weg Richtung Genf gehen wollen, nachdem die Berner Regierung nie das Vertrauen der Béliers gefunden hat.

Sind dies nur Gedankenspiele oder ist dies baldige Realität? Die Schweiz tritt jetzt in eine wirtschaftliche Periode ein, wo nur hoch spezialisierte KMU- und Gewerbebetriebe und global tätige Unternehmen der A-Schweiz eine dauerhafte Überlebenschance haben. Die wirtschaftlich sich öffnenden Landesgrenzen werden, wie dies jetzt schon der Fall ist, zum Niedergang aller Betriebe führen, die Standardprodukte, und diese oft zu teuer, auf den Markt bringen.

Die Steuerleistungen werden eher rückläufig sein. Bund, Kantone und Gemeinden haben dann die Wahl, sich erneut tief zu verschulden oder Sozial- wie Transferleistungen abzubauen.
Wie der Kanton Glarus eine historische Reminiszenz ist, ein Bote aus der Schweizer Vorzeit der Pässe und der Industrialisierung, wo man derlei noch brauchte, sind heute die grossen Schweizer Städte die bestimmenden Faktoren. Der Widerstand der Kantone gegen diese Entwicklung kommt den Steuerzahler immer teurer zu stehen.

Es muss gelten: Wer sich nicht selbst finanzieren kann und seine überzogenen Ansprüche durch Dritte finanzieren lassen muss, hat die volle Autonomie bereits verloren.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

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