Leben wir nicht sorglos?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Das jüngste Sorgenbarometer der Schweiz sagt eigentlich nur eines aus: Wir haben keine ernsthaften Sorgen. Natürlich sind wir besorgt, haben diffuse Ängste und manchmal sogar echten Ärger, aber Sorgen, echte Sorgen, haben nur die wenigsten.

Vor zehn Tagen war ich drei Tage im Goetheanum in Dornach, um mir dort den neuen „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe anzusehen. Dieser „faustische Wille“, alles, aber auch alles in seinen tiefsten Gründen zu erfahren, hat uns seit 250 Jahren weit gebracht. Die Welt ist zusammen gerückt, die Europäer sind sich näher gekommen, die Atombombe hat einen Weltkrieg verhindert und dem genetisch optimierten Menschen kommen steht vor der Tür. Die naturnahe Menschenproduktion wird zunehmend abgelöst von der kulturell gesteuerten Menschenproduktion. Wer im Uterus ungenügende Leistungen zeigt, wird früh abgetrieben. Wer vorzeitig aus dem Leben aussteigen möchte, kann dies in der Schweiz ohne Schwierigkeiten verwirklichen.

Die Walpurgisnacht, wo Frauen sich als Hexen selbst verwirklichen, erleben wir an jedem freundlichen Wochenende in Lausanne, wenn dort die Jugend sich trifft. Es gilt aber auch für jedes öffentliche und private Fest, „wo jeder sich selbst spüren will“ und sein Da-Sein sucht.

Was den Frauen recht ist, gilt auch für die Männer. Wer einst in „Auerbachs Keller“ tobte, sucht heute die Disco auf. „Niedrige Astralität“ wird dies in Dornach genannt; dem kann kaum widersprochen werden.

Plutus, der Gott des Reichtums, herrscht in der Schweiz. „Tatendurst und Schöpferdrang“ stellen wir allerdings kaum noch fest; vielmehr ist Ausverkauf angesagt: Holcim an Lafarge, Sika an Saint-Gobain, die Hotels an die Chinesen. Viele werden diesen Weg noch gehen.

„Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehen“, hätte auch mancher Schweizer Bankier des 20. Jahrhunderts gerne gesagt. Schon nach einer Generation sind sie abgelöst worden durch Deutsche (UBS), Afrikaner (CS Group) oder Amerikaner und Holländer.

Gerade deshalb empfehle ich den Besuch in Dornach. Dort sind mir nur Menschen, jeglichen Alters und aus aller Welt begegnet, die lächeln. Kein falsches Lächeln auf den Stockzähnen, sondern jene warme Herzlichkeit, die sonst in unseren Theatern und Opernhäusern fast ausgestorben ist.

Das Ziel der Schüler Rudolf Steiners ist es, durch Selbsterkenntnis zur Welterkenntnis durchzustossen. Die Begegnung mit dem „luziferischen“ Sein ist ein möglicher Weg hinauf auf den „mons philosophicus“, dessen Ersteigung im 21. Jahrhundert noch vor uns liegt.

Die grösste Gefahr, welcher wir ausgesetzt sind, wird von vielen nicht erkannt: Sind wir doch eingeschlossen wie Homunculus in der Phiole, glauben viel zu wissen und frei zu atmen, während wir isoliert sind im „containment“, das unseren Horizont beschränkt.

Ausbrüche sind nur dann möglich, durchbrechen und erweitern wir das landesübliche Medienangebot. Ganz offensichtlich kommt das Wissen von weit aussen, nicht von innen. Damit sind wir zurück in der Schweizer Wirklichkeit, wie sie sich seit 700 Jahren präsentiert: Es sind die fremden Geister, welche unser Land fortwährend erneuern.

Das ist die gute Botschaft.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Dieser Beitrag wurde am von in Allgemein, K. J. Stöhlker veröffentlicht. Schlagworte: , , , , , , .

Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *