Solidarität mit Griechenland?

Prof. Dr. S. Wirz, Paulus Akademie

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Vor einer Woche hat in der Schweiz eine Gruppe linker Politiker um Josef Lang und Cédric Wermuth einen Verein „Solidarität mit Griechenland“ gegründet. Ähnlich tönt es aus der SED-Nachfolgepartei „Die Linke“ in Deutschland. Sie steht nach eigenem Bekunden solidarisch an der Seite der griechischen Regierungspartei Syriza.

„Solidarität“, „solidarisch sein“, diese Ausdrücke werden heute in unserer Gesellschaft gerne verwendet. Sie sind positiv besetzt, sie drücken das Mitgefühl der Bürgerinnen und Bürger gegenüber den Schwachen aus. Mir scheint aber, sie werden politisch auch dazu missbraucht, eine Diskussion nicht zu Ende führen zu müssen. Denn wer nicht der gleichen Ansicht ist wie diejenigen, die Solidarität einfordern, gilt dann eben als unsolidarisch. So wird aus dem Begriff der „Solidarität“ ein Totschlagargument.

Solidarität ist ein schillernder Begriff. Er ist seit den Anfängen der Gewerkschaftsbewegung ein Kampfbegriff, sich für die Sache der Arbeiter („ausgebeutete Klasse“) auch mit Mitteln des Konflikts (z. B. Streik) einzusetzen. Weniger martialisch und klassenorientiert finden wir den Gedanken der Solidarität im Inneren der Bundeshauskuppel niedergeschrieben: „Einer für alle, alle für einen.“ Dieser Satz zeigt sehr schön, dass Solidarität keine Einbahnstrasse ist. Die Gemeinschaft hat für diejenigen Personen oder Personengruppen zu sorgen, die das aus eigener Kraft zur Zeit oder dauerhaft nicht mehr vermögen. Aber es gehört auch zur Solidarität, dass der einzelne alles in seinen Kräften Stehende unternimmt, um die Gemeinschaft zu stärken, der er angehört.

Was heisst das nun für Griechenland? Die Euro-Gruppe bzw. die EU als politische Gemeinschaft, der Griechenland angehört, hat eine moralische Verpflichtung mitzuhelfen, dass Griechenland ein Neustart gelingt. D’accord. Aber die andere Seite der Solidaritäts-Medaille gilt genauso: Griechenland hat seinerseits eine moralische Verpflichtung, Schaden für die Euro-Gruppe bzw. EU abzuwenden bzw. zu minimieren. Dieser Aspekt der Solidarität scheint mir weder in den Köpfen der griechischen Regierung noch der Sympathisanten hier und in Deutschland angekommen zu sein. Sollte es dereinst einen Schuldenschnitt geben, braucht es dennoch – nebst vielem anderen – eine Änderung der Mentalität und der politischen Kultur Griechenlands. Nicht zuletzt eine Solidarität mit den Geberstaaten und mit der EU, um nicht von Neuem über die Verhältnisse zu leben und damit die politische Gemeinschaft Europas zu destabilisieren.

Prof. Dr. S. Wirz, Paulus Akademie

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Über Stephan Wirz

Fragen der Wirtschafts-, Unternehmens- und Konsumethik sind das Spezialgebiet von Stephan Wirz. Es gibt zwar eine ganze Reihe von philosophischen und theologischen Ethikern, aber nur wenige von ihnen kennen die Unternehmenswelt von innen. Stephan Wirz ist einer davon. Er arbeitete nach seinen Studien der Theologie, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Völkerrecht fast 10 Jahre in der Privatwirtschaft, bei einem Finanzdienstleistungs- und einem Industrieunternehmen. Seit 2007 leitet er den Bereich Wirtschaft und Arbeit der Paulus-Akademie in Zürich und lehrt als Titularprofessor für Ethik an der Universität Luzern. Die Paulus-Akademie bietet Tagungen, Abendveranstaltungen und Seminare zu gesellschaftspolitischen, ethischen und religiösen Themenbereichen an. Namhafte Referenten aus Wissenschaft und Praxis bieten den Teilnehmenden verschiedene Sichtweisen und Informationen zu Fragen unserer Zeit.

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