Stirbt die katholische Kirche in der Schweiz?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Einverstanden, die Reformierte Kirche in der Schweiz ist längst in die letzte Phase ihres Überlebenskampfes eingetreten. Sie schliesst ihre Kirchen, widmet sich der Sozialarbeit und sichert die Pensionen ihrer überalterten Geistlichkeit. Sie ist reich, aber ohne Geist. Die Schweiz mit Genf und Lausanne, Basel und Zürich, ist längst kein Staat der Reformierten mehr, sondern eine Konsumgemeinschaft, die der Globalisierung ausgeliefert wurde.

Die römisch-katholische Kirche, der ich angehöre, bietet nur deshalb ein weniger trauriges Bild, weil die Zuwanderer aus katholischen Ländern, Italien, ex-Jugoslawien, Portugal, derart zahlreich sind, dass sie die Abgänge übertreffen. Von einer glaubensstarken Kirche kann aber nicht mehr die Rede sein. Nur noch in einigen Zentralkirchen predigen überzeugungsstarke Geistliche. Was sonst an geistlicher Führung angeboten wird, ist angesichts der Herausforderungen, welchen sich die Gläubigen gegenübersehen, selten mehr als Schrott. Es gibt intelligente Katholiken, sei es der volksnahe Mönch Martin, vormals Abt des Klosters Einsiedeln, oder Monsignore Martin Grichting aus der Bistumsleitung in Chur, der die römische Orthodoxie mit einer Intelligenz vorträgt und verteidigt, die man der Kirche in ihrer Ganzheit wünscht.

Die Regel ist aber die Sprachlosigkeit, das langsame Absterben, der Tod ohne Aussicht auf Erneuerung. Ein gutes Beispiel dafür ist Peter von Sury, der Benediktinerabt des Wallfahrtortes Mariastein, wo ich vor 47 Jahren getraut wurde. Von Jahr zu Jahr sieht der einst sportliche Mann schmaler und kränker aus. Der Mönchsnachwuchs will sich nicht einstellen.

Jetzt sagt er: „Gott wird das schon regeln.“ Das bedeutet nicht weniger als die Aufgabe des irdischen Wirkens. Er legt seine Verantwortung als Vorsteher des Klosters in die Hände Gottes; besser wäre es, er würde sie selber gebrauchen. Was hat er geleistet, um die Kloster- und Kirchenkrise zu bekämpfen? Seine Antwort: „Man kann nicht sagen, wir haben zu wenig gebetet für den Nachwuchs.“

Wo lebt dieser Mann? In welcher Welt? Abt Peter ist, gemessen am Durchschnitt anderer Schweizer Geistlicher, stets überdurchschnittlich präsent gewesen. Doch nun sieht man, wie die Kraft ihn verlassen hat. Offensichtlich sind die bösen Mächte Sieger geblieben, nicht über ihn und seine Gemeinschaft, wohl aber über unsere Gesellschaft.

Wie jetzt die Kirchen und Klöster absterben oder nur deshalb am Leben bleiben, weil europäische und aussereuropäische Christen sie noch beleben, ist auch die Schweizerische Bischofskonferenz dem Niedergang geweiht. Was hat sie in den letzten 20 Jahren getan, ausser die eigenen Posten zu sichern? Es ist dünnes Holz, das nachgewachsen ist.

Was tut der gläubige Christ? Hans-Ulrich Bigler, der tatkräftige Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes, ein aufrechter Mann, ist zu den Freikirchen übergelaufen. Ich verstehe ihn, dass ihm die sonntäglichen Rituale ohne wirkliches Leben zur Qual geworden sind. Und die anderen? Sie ziehen sich in ein Christentum zurück, das einen direkten Weg zu Gott sucht. Ganz wie Sepp Blatter, der aus dem Oberwallis stammende, sehr gläubige Präsident des Weltfussballverbandes.

Die meisten Christen, denen ich begegne, sitzen versunken in ihren Kirchenbänken, singen mit zittriger Stimme die alten heiligen Lieder, die neueren nicht mehr kennend. Christliche Aktivisten, ja, die gibt es, sind entweder jüngere Menschen, welche die Kirchengeschichte und Kirchengegenwart nicht wirklich kennen, oder Kirchenfunktionäre, die angesichts der weiterhin hohen Einnahmen gut von Spesen und anderen Entschädigungen leben.

Stirbt die Kirche in der Schweiz? Ja, wenn wir die Kirche der „weissen Altschweizer Christen“ meinen, nein, angesichts der Zuwanderung aus aller Welt. Es entsteht ein neues Amalgam, vielleicht sogar eine neue Christenheit. Unten wird die Kirche immer jünger und anspruchsvoller, oben, in der Hierarchie, verteidigt man seine Paläste.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

Ein Gedanke zu „Stirbt die katholische Kirche in der Schweiz?

  1. Werner Stauffer

    Mich würde interessieren, was Herr Stöhlker über die politische Philosophie unserer Gesellschaft, in der ein unablässiges Wirtschaftswachstum erforderlich sei, zu bemerken hat.

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