Der bevormundete Konsument

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

Sie kaufen noch ein, was Ihnen gefällt und schmeckt? Fürchten Sie nicht, mit einem solchen Verhalten in eine gesellschaftliche Minderheitsposition zu geraten? Was sagen dazu Ihre Freunde?

Heute ist es doch so, dass es beim Kauf eines Kleidungsstücks oder eines Lebensmittels gar nicht mehr um Sie selbst und um Ihr persönliches Glück geht. Die „kritische Öffentlichkeit“ erwartet von Ihnen, dass Sie sich vor dem Kauf darüber informieren, wie das Kleidungsstück produziert oder das Lebensmittel erzeugt wurde. Haben alle Produzenten in der Wertschöpfungskette sozial- und umweltverträglich gehandelt? Sie wissen es nicht? Sie kümmern sich um keine Gütesiegel und Labels, die Ihnen das Nachforschen abnehmen und die Sozial- und Ökologieverträglichkeit „garantieren“? Die Gemeinschaft der Steuer- und Krankenkassenprämienzahler erwartet zudem von Ihnen, dass Sie sich gesund ernähren und auch genügend Sport betreiben. Sie rauchen? Sie sind übergewichtig? Das geht keinesfalls mehr, solche Verhaltensweisen geraten heutzutage in den Geruch, asozial zu sein. Veganer bzw. zumindest Vegetarier zu sein, gilt hingegen als chic.

Diese Auflistung liesse sich beliebig lang fortsetzen. Ich bin auch für ein überlegtes und verantwortungsbewusstes Konsumieren. Was mich aber an dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Konsumdiskurs stört, ist der Trend zur Übermoral und zur Bevormundung.

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren warnten die Konsumkritiker noch vor den Manipulationsversuchen der Hersteller und des Handels. Haben Sie auch Vance Packards „Geheime Verführer“ oder John Kenneth Galbraith’ „Überflussgesellschaft“ gelesen? Sie waren davon überzeugt, dass die Konsumentensouveränität von der Produzentensouveränität abgelöst worden sei und skizzierten eine Wirtschaft als „Perpetuum mobile“ von künstlich geschaffenen Bedürfnissen und Gütern zu deren Befriedigung. Sättigung komme in dieser Gesellschaft nicht mehr vor.

Wir haben in der Zwischenzeit gelernt, mit Marketing und Werbung umzugehen. Heute zeichnen die Konsumkritiker von uns Konsumenten nicht das Bild von einfältigen manipulierten Wesen, sondern sie fordern von uns, dass wir die Moral der Welt retten. Wir treten in der konsumethischen Literatur als Konsumbürger („consumer citizen“) auf, die ökonomisch, ethisch, sozial und ökologisch informiert und aufgeklärt sind. Wir werden als Akteure gesehen, die die Unternehmen zu mehr Moral zwingen können. Durch die neuen Medien können gezielte Kauf- oder Nichtkauf-Entscheidungen kollektiv verstärkt werden: als Aufrufe zum gezielten Kaufen („buycott“) bzw. zum gezielten Nichtkaufen („boycott“). Unternehmen sollen also für ihr moralisches Handeln belohnt bzw. für ihr unmoralisches Verhalten bestraft werden.

Der Charme dieses Ansatzes liegt zweifellos darin, dieses Ziel nicht über staatliche Interventionen, sondern zivilgesellschaftlich, über marktwirtschaftlich konforme Massnahmen, erreichen zu wollen. Aber überfordert uns dieses Konzept nicht? Haben wir für ein solches Handeln ausreichende und verlässliche Informationen? Geraten wir nicht in die Gefahr, dass bestimmte Interessensgruppen uns das „gute Leben“ vorschreiben und uns die Lebensfreude vergällen?

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Über Stephan Wirz

Fragen der Wirtschafts-, Unternehmens- und Konsumethik sind das Spezialgebiet von Stephan Wirz. Es gibt zwar eine ganze Reihe von philosophischen und theologischen Ethikern, aber nur wenige von ihnen kennen die Unternehmenswelt von innen. Stephan Wirz ist einer davon. Er arbeitete nach seinen Studien der Theologie, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Völkerrecht fast 10 Jahre in der Privatwirtschaft, bei einem Finanzdienstleistungs- und einem Industrieunternehmen. Seit 2007 leitet er den Bereich Wirtschaft und Arbeit der Paulus-Akademie in Zürich und lehrt als Titularprofessor für Ethik an der Universität Luzern. Die Paulus-Akademie bietet Tagungen, Abendveranstaltungen und Seminare zu gesellschaftspolitischen, ethischen und religiösen Themenbereichen an. Namhafte Referenten aus Wissenschaft und Praxis bieten den Teilnehmenden verschiedene Sichtweisen und Informationen zu Fragen unserer Zeit.

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