Wider die Jammerei in der Schweizer Wirtschaft

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie

Nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank waren die Klagen der Export- und Tourismus-wirtschaft und der Gewerkschaften nicht zu überhören. Unterstützt wurden sie durch Konjunkturforschungs- und Prognoseinstitute, die auf wissenschaftlicher Grundlage – und damit wohl sakrosankt – erklärten, dass die Schweiz nun unweigerlich in die Rezession schlittern wird mit höchst negativen Folgen für die Beschäftigung und die Lohnentwicklung. Für verschiedene Branchen schien angesichts dieser bedrohlichen volkswirtschaftlichen Situation der richtige Zeitpunkt gekommen, um ihre Interessen mit Nachdruck zu vertreten: „Jetzt müssen die Rahmenbedingungen branchenfreundlich angepasst werden, sonst droht der Wegzug oder die Auslagerung von Arbeitsplätzen aus der Schweiz.“ Einige Unternehmen konnten nun ihre schon länger geplante Verschiebung von Arbeitsplätzen mit dem „hohen Frankenkurs“ rechtfertigen und damit die Verantwortung der Nationalbank zuschanzen. Diese geriet auch von Politikern und Parteien unter Druck, die die Chance für gekommen sahen, die Unabhängigkeit der Nationalbank „ein wenig“ einzuschränken. Kann sich denn die Schweiz den Sonderfall einer unabhängigen Nationalbank leisten, in einer Zeit, wo wichtige andere Zentralbanken in den Sog politischer Entscheidungen geraten sind?

„Yes, we can“, sollten wir diesen Politikern sagen. Die Stabilität unserer Währung und unserer Wirtschaft verdanken wir zu einem erheblichen Teil dieser Unabhängigkeit. Die Geldpolitik ist damit kurzfristigen Überlegungen der Politiker entzogen, die dem Stimmvolk allzu gerne Wahlgeschenke angedeihen lassen wollen.

Die letzten Tage zeigten, dass das Jammern der Unternehmen und Gewerkschaften zwar Methode hat, aber die wirtschaftliche Realität nicht gar so trist aussieht, wie sie interessehalber gemalt wird. Die Konjunktur- und Prognoseinstitute stellen nun – auch wiederum wissenschaftlich – fest, dass die Schweiz 2015 sogar wachsen wird, trotz hohem Frankenkurs. Die Arbeitslosenquote wird sich kaum verändern. Die Unternehmen haben in der Regel volle Auftragsbücher. Sie profitieren aufgrund des hohen Frankenkurses von tieferen Preisen bei der Beschaffung von Vorprodukten und Dienstleistungen im Euro-Raum – ein Vorteil, den die Unternehmen nur verschämt andeuten. International tätige Firmen wickeln schon seit längerer Zeit Einkauf und Verkauf von Produkten möglichst in annähernd gleicher Höhe im jeweiligen Währungsraum ab, um die Transaktionskosten möglichst gering zu halten.

Und die Moral bzw. Philosophie an der Geschichte? Die Zukunft ist für uns Menschen eben nicht vorhersehbar, wissenschaftliche Forschungsinstitute hin oder her. Wir Bürger sollten uns deshalb von denen, die das Geschäft mit der Angst betreiben, nicht ins Bockshorn jagen und zu politisch unüberlegten Entscheidungen verleiten lassen.

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Über Stephan Wirz

Fragen der Wirtschafts-, Unternehmens- und Konsumethik sind das Spezialgebiet von Stephan Wirz. Es gibt zwar eine ganze Reihe von philosophischen und theologischen Ethikern, aber nur wenige von ihnen kennen die Unternehmenswelt von innen. Stephan Wirz ist einer davon. Er arbeitete nach seinen Studien der Theologie, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Völkerrecht fast 10 Jahre in der Privatwirtschaft, bei einem Finanzdienstleistungs- und einem Industrieunternehmen. Seit 2007 leitet er den Bereich Wirtschaft und Arbeit der Paulus-Akademie in Zürich und lehrt als Titularprofessor für Ethik an der Universität Luzern. Die Paulus-Akademie bietet Tagungen, Abendveranstaltungen und Seminare zu gesellschaftspolitischen, ethischen und religiösen Themenbereichen an. Namhafte Referenten aus Wissenschaft und Praxis bieten den Teilnehmenden verschiedene Sichtweisen und Informationen zu Fragen unserer Zeit.

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