Aktionärsdemokratie: eine Illusion?!

Prof. Dr. Stefan Wirz, Paulus Akademie

Prof. Dr. Stefan Wirz, Paulus Akademie

Aktien sind wieder gefragt: Angesichts der Tiefzinspolitik der Zentralbanken bringen klassische Sparformen wie Sparbüchlein und Kassenobligationen keinen Ertrag mehr. Die Aktienanlage ist zwar riskanter, doch hofft der Kleinanleger beim Kauf seiner Aktien auf eine gute Dividende und auf steigende Kurse. Bei einigen Unternehmen gibt es bei der Generalversammlung auch einen „free lunch“ oder ein „Schoki-Paket“, was zahlreiche Kleinaktionäre als „Zugabe“ gerne mitnehmen.

Vielleicht träumt der eine oder die andere auch davon, als Aktionärin oder Aktionär die Geschicke des Unternehmens mitbestimmen zu können. Weite Teile der Bevölkerung übertragen ihr Idealbild von der Demokratie auf die Eigentumsverhältnisse eines Unternehmens. Ähnlich einer Landsgemeinde als Versammlungsstätte mündiger Bürger erwartet man an einer Generalversammlung verantwortungsvolle und firmentreue (Klein-)Aktionäre, die um das langfristige Wohl des Unternehmens ringen und nach ihrem besten Wissen und Gewissen abstimmen.

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Statt „one man, one vote“ zählt bei einer Generalversammlung der jeweilige finanzielle Einsatz; nicht die physisch präsenten Kleinaktionäre geben den Ausschlag, sondern die Stimmenpakete grosser institutioneller Investoren. Das langfristige Schicksal des Unternehmens ist dabei für einen Grossteil der Aktionäre von geringem Interesse. Sie halten die Aktien nicht, weil sie sich mit dem Unternehmen identifizieren, sondern weil sie mit ihm bestimmte Rendite-Erwartungen hegen. Alles andere sind romantische Vorstellungen.

Sie sagen, das ist mir egal; ich habe doch keine Aktien? Dann sage ich Ihnen: Über Ihre Pensionskasse sind auch Sie Aktionärin oder Aktionär. Pensionskassen halten gemäss ihrer Anlagestrategie auch Aktien von Unternehmen oder Anteile von Aktienfonds. Nach der Annahme der Minder-Initiative sind Pensionskassen verpflichtet, ihre Aktionärsrechte im Interesse ihrer Versicherten auszuüben und ihre Stimmabgabe offenzulegen.

Doch was sind die Interessen der Pensionskassen-Versicherten? Dass das Unternehmen einen hohen Gewinn erzielt respektive eine hohe Dividende an die Pensionskasse ausbezahlt? Dass das Unternehmen sozial- und umweltverträglich wirtschaftet? Weil insbesondere kleinere Pensionskassen bei diesen Fragestellungen schnell einmal überfordert sein können, entsteht gegenwärtig ein neuer Geschäftszweig: Institutionelle Stimmrechtsberater bieten sich den Pensionskassen an, um ihnen Informationen und Abstimmungsempfehlungen zu geben. Damit üben sie viel Macht aus.

Zwei Veranstaltungen der Paulus-Akademie informieren über diese neuen Entwicklungen rund um die Aktie:
Donnerstag 26. März 19:00 – 20:30 –> hier geht es zum Flyer
Dienstag 14. April 19:00 – 21:00      –>  hier geht es zum Flyer

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Über Stephan Wirz

Fragen der Wirtschafts-, Unternehmens- und Konsumethik sind das Spezialgebiet von Stephan Wirz. Es gibt zwar eine ganze Reihe von philosophischen und theologischen Ethikern, aber nur wenige von ihnen kennen die Unternehmenswelt von innen. Stephan Wirz ist einer davon. Er arbeitete nach seinen Studien der Theologie, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Völkerrecht fast 10 Jahre in der Privatwirtschaft, bei einem Finanzdienstleistungs- und einem Industrieunternehmen. Seit 2007 leitet er den Bereich Wirtschaft und Arbeit der Paulus-Akademie in Zürich und lehrt als Titularprofessor für Ethik an der Universität Luzern. Die Paulus-Akademie bietet Tagungen, Abendveranstaltungen und Seminare zu gesellschaftspolitischen, ethischen und religiösen Themenbereichen an. Namhafte Referenten aus Wissenschaft und Praxis bieten den Teilnehmenden verschiedene Sichtweisen und Informationen zu Fragen unserer Zeit.

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