Wer alt ist, soll sich Zeit lassen.

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Im Augenblick experimentiere ich, wie ich meine Zeit verwende und wem ich sie zur Verfügung stelle. Das gilt für alle älteren Menschen, denn sie haben die einmalige Chance, über sich selber verfügen zu können. „Ich gehöre mir und niemandem sonst.“ Ist das nicht ein perfekter Standpunkt?

Die Welt der Arbeit ist etwas ganz anderes. Heute früh sah der 30jährige Leiter meiner Autogarage schlecht aus. Er hat 30 Mitarbeiter, einige hundert sehr anspruchsvolle Kunden, dazu einen Eigentümer der Garage über sich, der mit ihm Geld verdienen will. Mein Garagist hat es jetzt mit dem Magen; das macht der Stress.

Im Norden der Schweiz beobachte ich einen Vierzigjährigen, der seit Jahren Tag und Nacht für einen ausländischen Konzern mit Sitz in der Schweiz chrampft. Weil er verheiratet ist, zwei reizende Kinder und ein eigenes Haus hat, ist seine Karriere vorbei, denn er müsste längst Aufforderungen folgen, in die Londoner oder Amsterdamer Niederlassung zu kommen. Das kann er nicht mehr.

Wer 65 Jahre alt geworden ist und den Belastungen von 4-5 Jahrzehnten Arbeit körperlich und geistig gesund entkommen ist, darf sich glücklich schätzen. Ist das Vermögen einigermassen vernünftig aufgebaut, lebt es sich wie im freien Raum, wie in einer Raumkapsel: Die Belastungen sind abgefallen.

Obwohl ich noch täglich arbeite, tue ich dies fast schwerefrei. Nehme ich Termindruck an, wie in dieser wöchentlichen Kolumne, kann mich dies dennoch nicht erschöpfen. Unsere kleine Schweizer Welt ist voller dramatischer Ereignisse. Sie beschäftigen uns, aber sie dürfen uns nicht mitreissen. Wir dürfen uns nicht mitreissen lassen.

Ein langer Blick aus dem Fenster, in die verschneiten Landschaften, das Bild des nächtlichen Vollmendes zwischen den aus dem Westen heran treibenden Wolken, können die Seele eines in sich ruhenden Menschen mehr erfrischen als die Belehrungen jugendlicher Professoren, die daraus ihre Karriere aufbauen. Natürlich können wir über den Quai Montblanc in Genf, durch die Freie Strasse in Basel oder über die Bahnhofstrasse in Zürich spazieren. Aber ist es nicht erfrischender dort in die grossen englischen Gärten, in den Basler Zolli und in den Park des Zürcher Rietberg-Museums auszuweichen?

Diese Möglichkeiten stehen uns älteren Menschen zur Verfügung, wenn wir uns nicht verführen lassen: zu viel fern zu sehen, zu viele Kreuzworträtsel lösen zu wollen, zu viel im Internet zu spielen oder uns in Gesellschaftsspielen zu verlieren, die trotz aller Spannung nur die Wiederholung des immer Gleichen bedeuten.

Unser Geist muss lernen, Neues aufzunehmen, frisch zu bleiben. Das erfordert Training, ganz wie bei den Muskeln auch. Wie Sie nach zweimal wöchentlichem leichtem Sport besser gehen und der Wahrscheinlichkeit eines Sturzes entgehen, bedeutet Geistestraining die Chance, die Welt besser und intensiver wahrzunehmen.

Viele alte Menschen sind Vorstellungen verfallen, an denen sie nicht mehr rütteln lassen: Für Blocher, was immer er sagt, gegen Ausländer, was immer sie tun, für den eigenen Kirchturm, gegen die Moschee, ohne von beiden viel mehr zu wissen als die Gewohnheit vermittelt hat.
Ältere Menschen können frei sein, aber Freiheit heisst für viele auch Angst vor der Ungewissheit. Ich empfehle: Tasten Sie sich voran, versuchen sie es! Gehen Sie an neue Orte, sprechen Sie mit anderen Menschen. Geniessen Sie Ihre neue Unsicherheit, die damit verbunden ist. Sie werden sehen, wie Sie rasch sicherer werden. Versuchen Sie es einfach, nicht einmal, sondern öfter.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

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