Archiv für den Monat: Februar 2015

Aktionärsdemokratie: eine Illusion?!

Prof. Dr. Stefan Wirz, Paulus Akademie

Prof. Dr. Stefan Wirz, Paulus Akademie

Aktien sind wieder gefragt: Angesichts der Tiefzinspolitik der Zentralbanken bringen klassische Sparformen wie Sparbüchlein und Kassenobligationen keinen Ertrag mehr. Die Aktienanlage ist zwar riskanter, doch hofft der Kleinanleger beim Kauf seiner Aktien auf eine gute Dividende und auf steigende Kurse. Bei einigen Unternehmen gibt es bei der Generalversammlung auch einen „free lunch“ oder ein „Schoki-Paket“, was zahlreiche Kleinaktionäre als „Zugabe“ gerne mitnehmen.

Vielleicht träumt der eine oder die andere auch davon, als Aktionärin oder Aktionär die Geschicke des Unternehmens mitbestimmen zu können. Weite Teile der Bevölkerung übertragen ihr Idealbild von der Demokratie auf die Eigentumsverhältnisse eines Unternehmens. Ähnlich einer Landsgemeinde als Versammlungsstätte mündiger Bürger erwartet man an einer Generalversammlung verantwortungsvolle und firmentreue (Klein-)Aktionäre, die um das langfristige Wohl des Unternehmens ringen und nach ihrem besten Wissen und Gewissen abstimmen.

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Statt „one man, one vote“ zählt bei einer Generalversammlung der jeweilige finanzielle Einsatz; nicht die physisch präsenten Kleinaktionäre geben den Ausschlag, sondern die Stimmenpakete grosser institutioneller Investoren. Das langfristige Schicksal des Unternehmens ist dabei für einen Grossteil der Aktionäre von geringem Interesse. Sie halten die Aktien nicht, weil sie sich mit dem Unternehmen identifizieren, sondern weil sie mit ihm bestimmte Rendite-Erwartungen hegen. Alles andere sind romantische Vorstellungen.

Sie sagen, das ist mir egal; ich habe doch keine Aktien? Dann sage ich Ihnen: Über Ihre Pensionskasse sind auch Sie Aktionärin oder Aktionär. Pensionskassen halten gemäss ihrer Anlagestrategie auch Aktien von Unternehmen oder Anteile von Aktienfonds. Nach der Annahme der Minder-Initiative sind Pensionskassen verpflichtet, ihre Aktionärsrechte im Interesse ihrer Versicherten auszuüben und ihre Stimmabgabe offenzulegen.

Doch was sind die Interessen der Pensionskassen-Versicherten? Dass das Unternehmen einen hohen Gewinn erzielt respektive eine hohe Dividende an die Pensionskasse ausbezahlt? Dass das Unternehmen sozial- und umweltverträglich wirtschaftet? Weil insbesondere kleinere Pensionskassen bei diesen Fragestellungen schnell einmal überfordert sein können, entsteht gegenwärtig ein neuer Geschäftszweig: Institutionelle Stimmrechtsberater bieten sich den Pensionskassen an, um ihnen Informationen und Abstimmungsempfehlungen zu geben. Damit üben sie viel Macht aus.

Zwei Veranstaltungen der Paulus-Akademie informieren über diese neuen Entwicklungen rund um die Aktie:
Donnerstag 26. März 19:00 – 20:30 –> hier geht es zum Flyer
Dienstag 14. April 19:00 – 21:00      –>  hier geht es zum Flyer

Fussballer ohne Schiri und Spielmacher

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Ist Ihnen manchmal auch schwindlig? Unser Land kommt mir vor wie eine Fussball-mannschaft ohne Schiri und Spielmacher. Wir schiessen uns gegenseitig zwischen die Beine, vorwärts und rückwärts gleichzeitig. Meistens kommt dann ein Spieler, der mit einer neuen Idee den Ball ganz aus dem Spielfeld schlägt. Keiner pfeift. Das Chaos zu Jahresbeginn ist gewaltig. Sergio Ermotti, der CEO des UBS-Konzerns, will die Schweiz retten, aber die „Neue Zürcher Zeitung“ verweigert den Abdruck seines Artikels. Nick Hayek, der Tradition seines genialen Vaters folgend, will als „Pirat in eigener Sache“ mehr „laissez-faire“.

Doris Leuthard will die Schweiz mit einer Energiepolitik retten, die niemand versteht ausser jenen, die hohe Subventionen erhalten. Urs Burkhard will mit anderen Sika-Erben seine Firma deshalb nach Frankreich verkaufen, damit er das Geld „nachhaltig“ investieren kann, d.h., für seine Erben.

Kommen Sie noch mit? Im Basler Stadtzentrum, am Roten Rathaus, darf kein Bus vorfahren; es sei denn unter strenger Strafe. Die Stadtregierung, begleitet von Bundesrat Johann Schneider-Ammann, darf das, weil sie zum Spiel des FC Basel gegen Porto fahren will. „Dörf der das?“

Heizpilze, die wir alle gerne haben, weil sie uns wärmen, wurden verboten, aber der Chef des Bundesamtes für Energie stört sich dann nicht daran, wenn er seinen Kollegen, den Direktor des Bundesamtes für Strassen, verabschiedet. Es ist ja nur ein Apéro.

Der Schweizerische Gewerbeverband will verhindern, dass wir mit den Billag-Gebühren eine neue Radio- und Fernsehsteuer erhalten; unsere Familie muss sie gleich viermal bezahlen. Die staatstragende économiesuisse macht nicht mit, auch nicht die FDP und CVP, die so oft „weniger Staat“ verlangen.

Die Linksparteien wollen mehr Naturschutzpärke aus unseren Berggebieten machen. Dort können Wolf, Luchs und Bär in Freiheit jagen. Die letzten Dörfer werden zusammen gelegt, damit die überlebenden Alten, die nicht ins Flachland abwandern wollen, nicht ganz alleine im Bergwald stehen.

Das alles wäre zu ertragen, würden wir wenigstens einen rechten Zins auf unsere Vermögen erhalten. Sollen wir nun wirklich Bank- oder Versicherungsaktien kaufen? Das wäre spekulativ. Nicht wenige sagen, dass die Börsen wieder krachen werden, mindestens 20%, dann wäre es schade um das liebe Geld. Deshalb schreiben uns die Banken in netten Briefen, wir sollten besser in amerikanischem Dollar oder in den Euro gehen? Wie bitte? Die USA sind pleite, sollen wir sie retten? Und die EU-„ropäer“ sollen erst zeigen, wie sie mit Griechenland fertig werden oder die Ukraine vor den Russen retten. Das wird alles sehr, sehr teuer.

Schlafen wir lieber eine Stunde länger im warmen Bett; dann sparen wir auch Kalorien. Draussen wird es langsam heller. Es wird auch Zeit.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Die erschöpfte Ritalin-Schweiz

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Nun hat auch eine UNO-Kommission die Schweiz verwarnt: Wir geben unseren Kindern im weltweiten Vergleich zu viel Ritalin. Das bekannte Beruhigungsmittel soll aus kindlichen Störenfrieden sanfte Mitbürger und Mitbürgerinnen machen, die weder ihre Eltern noch die Lehrer stören. Sind die Kinder das Problem? Auf keinen Fall!

Unsere Lehrer sind überlastet, zu zwei Dritteln kaum motiviert für ihre Aufgabe und zu einem Drittel vom „burn out“ bedroht. Sie können es sich als weltweit bestverdienende Lehrer nicht leisten, von kleinen Raufbolden von der nächsten Ferienplanung abgelenkt zu werden. Es muss Ruhe herrschen in den Bänken. Ärzte, darunter speziell die Hausärzte, jammern trotz Berset’scher Unterstützung, mit Jahreseinkommen von Fr. 170 000.—könne man nicht auskommen. Sie verschreiben Lieblingsmedikamente, darunter Ritalin und Concerta, wie wild, um ihren Umsatz zu steigern. Gibt es eigentlich auch Kickbacks von Apotheken?

Die Eltern, soweit man unsere zeitgenössischen Familien noch so einordnen darf, sind völlig überlastet, weil Mann wie Frau dem Ruf von économiesuisse und Arbeitgeberverband gefolgt sind, um mit Zweit- und Drittjobs, meist mässig bezahlt, ihren Beitrag zur nationalen Wertschöpfung zu leisten. Sie schleppen ihre Kinder morgens um halb acht in die Kita, Eltern wie Kinder noch halb schlafend, um keinen Termin zu verpassen. Bleiben die Grosseltern, sofern sie noch in leicht erreichbarer Nähe wohnen. Diese sind stolz auf ihre Enkel und können sich nur wundern, wie lieb sie sind, den ganzen Tag mit dem Smartphone beschäftigt sind, und kaum gestört werden wollen.

Vorerst hat die UNO nur erkannt, dass wir aus unseren Kindern chemisch gesteuerte Automaten machen. Bald wird die UNO auch erkennen, dass unsere Mütter und Väter, Ärzte und Lehrer nur noch Zwei-Drittel-Menschen sind. Sie haben keine Energie, keinen Willen, keine Kraft mehr und geniessen den kuscheligen Wohlstand, wo Menschen, die Fragen stellen, als leicht gestört gelten.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Eine fröhlichere Welt?

Ilse Oehler

Ilse Oehler

«Die Sprache der Freiheit in unserer Zeit ist der Humor, und sei es auch nur der Galgenhumor, denn diese Sprache setzt eine Überlegenheit voraus auch da, wo der Mensch, der sie spricht, unterlegen ist.»
Friedrich Dürrenmatt

«Du kommst daher wie die alte Fasnacht!» Auch schon gehört, den schnippischen Hinweis, es wäre besser, mit der Zeit zu gehen. In welche Richtung auch immer, nur mit der Zeit in dieser Zeit? «Mut zum Wandel» heisst es in der fünften Jahreszeit. Mut, sich zu Besserem zu wandeln? … Bereits offiziell galt in Zürcher Kindergärten für die Kleinsten im letzten Jahr, auf den «Dresscode» zu achten, Pirat ohne Säbel, Ritter ohne Schwert.

Es ist soweit, auch in unserer Gegend sich in der trüberen Jahreszeit belebenden Bräuchen, Traditionen hinzugeben. Die Stunde der Schnitzelbänggler schlägt, sie begeistern Ältere und Jüngere. Dort erhoffen sich die klugen Sprücheklopfer, dass sich beim Zuhörer etwas im Kopf bewege.

Es zeigt sich diese ganz besondere Welt der «fünften Jahreszeit» seit dem Altertum über das Mittelalter hin bis in unser Dasein. Die Geschichte lebt sich weiter. Nicht hinter den Fassaden, sondern in aller Öffentlichkeit deutet Vieles darauf hin: «Sich frei zu fühlen», in dieser Form tolerierbar aber nur eine begrenzte Zeit. Denn Karneval, Fasnacht, Fastnacht oder Fasching – sie haben einen historisch angesetzten Beginn, einen Höhepunkt und ein bestimmtes Ende. Bewusst begrenzt. Eine vorgegebene Ermunterung zum inneren Wandel sei auch nachpubertierenden Erwachsenen gegönnt. Allerdings, zu viel Übermut bringt jedes Fass zum Überlaufen, das kennen wir aus unserem Alltag.

Klug haben unsere Vorahnen gedacht, gehandelt. Es lebe die Tradition. «Heute wissen wir, dass Geschichte das wichtigste Fach im Schulpensum sein sollte», so Urs Schoettli in «Pause bitte». Und dann ein Neuanfang. «Barbaren oder Bildung. Wo stehen wir in der Geschichte?».
Aus berufenem Munde, direkt aus der Praxis, heisst das: In jedem einzelnen Schulfach und bei jeder einzelnen Lehrperson sollte das Bewusstsein für die Geschichtlichkeit ihres eigenen Faches und ihrer eigenen Person lebendig sein, dann bekommen die Schülerinnen und Schüler viel mehr „Geschichte“ mit als mit noch soviel Fach-Lektionen in „Geschichte“.

Die vorgegebenen Gesetze in föderalistischem Staatsgebilde zeigen, jetzt, da die Welt sich zusehends ins Negative wandelt, ist lebendige Kultur unsere Geschichte, ausschlaggebend sind die moralischen Werte. Willkommen sei diese gesellschaftliche Abwechslung nicht nur für die Fäsnächtler und die Zaungäste. Sie nimmt, jung und älter, etwas vom äusseren Druck, schafft Fröhlichkeit, Frohsinn, Lustigkeit, Übermut, Unbekümmertheit und Vergnügtheit. Im richtigen Mass tut’s „saumässig guet“. Die Vorahnen haben es geahnt.

33 Anlässe zeigen sich auf einen Schlag in einer Übersicht von Fasnachtsumzügen in der ganzen Schweiz, auch von den «Drey scheenschte Dääg» bis zur «überschaubaren Zürcher Fasnacht».

Ilse Oehler

Wer alt ist, soll sich Zeit lassen.

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Im Augenblick experimentiere ich, wie ich meine Zeit verwende und wem ich sie zur Verfügung stelle. Das gilt für alle älteren Menschen, denn sie haben die einmalige Chance, über sich selber verfügen zu können. „Ich gehöre mir und niemandem sonst.“ Ist das nicht ein perfekter Standpunkt?

Die Welt der Arbeit ist etwas ganz anderes. Heute früh sah der 30jährige Leiter meiner Autogarage schlecht aus. Er hat 30 Mitarbeiter, einige hundert sehr anspruchsvolle Kunden, dazu einen Eigentümer der Garage über sich, der mit ihm Geld verdienen will. Mein Garagist hat es jetzt mit dem Magen; das macht der Stress.

Im Norden der Schweiz beobachte ich einen Vierzigjährigen, der seit Jahren Tag und Nacht für einen ausländischen Konzern mit Sitz in der Schweiz chrampft. Weil er verheiratet ist, zwei reizende Kinder und ein eigenes Haus hat, ist seine Karriere vorbei, denn er müsste längst Aufforderungen folgen, in die Londoner oder Amsterdamer Niederlassung zu kommen. Das kann er nicht mehr.

Wer 65 Jahre alt geworden ist und den Belastungen von 4-5 Jahrzehnten Arbeit körperlich und geistig gesund entkommen ist, darf sich glücklich schätzen. Ist das Vermögen einigermassen vernünftig aufgebaut, lebt es sich wie im freien Raum, wie in einer Raumkapsel: Die Belastungen sind abgefallen.

Obwohl ich noch täglich arbeite, tue ich dies fast schwerefrei. Nehme ich Termindruck an, wie in dieser wöchentlichen Kolumne, kann mich dies dennoch nicht erschöpfen. Unsere kleine Schweizer Welt ist voller dramatischer Ereignisse. Sie beschäftigen uns, aber sie dürfen uns nicht mitreissen. Wir dürfen uns nicht mitreissen lassen.

Ein langer Blick aus dem Fenster, in die verschneiten Landschaften, das Bild des nächtlichen Vollmendes zwischen den aus dem Westen heran treibenden Wolken, können die Seele eines in sich ruhenden Menschen mehr erfrischen als die Belehrungen jugendlicher Professoren, die daraus ihre Karriere aufbauen. Natürlich können wir über den Quai Montblanc in Genf, durch die Freie Strasse in Basel oder über die Bahnhofstrasse in Zürich spazieren. Aber ist es nicht erfrischender dort in die grossen englischen Gärten, in den Basler Zolli und in den Park des Zürcher Rietberg-Museums auszuweichen?

Diese Möglichkeiten stehen uns älteren Menschen zur Verfügung, wenn wir uns nicht verführen lassen: zu viel fern zu sehen, zu viele Kreuzworträtsel lösen zu wollen, zu viel im Internet zu spielen oder uns in Gesellschaftsspielen zu verlieren, die trotz aller Spannung nur die Wiederholung des immer Gleichen bedeuten.

Unser Geist muss lernen, Neues aufzunehmen, frisch zu bleiben. Das erfordert Training, ganz wie bei den Muskeln auch. Wie Sie nach zweimal wöchentlichem leichtem Sport besser gehen und der Wahrscheinlichkeit eines Sturzes entgehen, bedeutet Geistestraining die Chance, die Welt besser und intensiver wahrzunehmen.

Viele alte Menschen sind Vorstellungen verfallen, an denen sie nicht mehr rütteln lassen: Für Blocher, was immer er sagt, gegen Ausländer, was immer sie tun, für den eigenen Kirchturm, gegen die Moschee, ohne von beiden viel mehr zu wissen als die Gewohnheit vermittelt hat.
Ältere Menschen können frei sein, aber Freiheit heisst für viele auch Angst vor der Ungewissheit. Ich empfehle: Tasten Sie sich voran, versuchen sie es! Gehen Sie an neue Orte, sprechen Sie mit anderen Menschen. Geniessen Sie Ihre neue Unsicherheit, die damit verbunden ist. Sie werden sehen, wie Sie rasch sicherer werden. Versuchen Sie es einfach, nicht einmal, sondern öfter.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH