Sind wir die glücklichen Alten

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Verdächtig oft höre ich zu Jahresbeginn aus berufenen Mündern den Satz: „Bin ich froh alt zu sein; es kann nur schlimmer werden.“ Viele alte Menschen in unserem Land haben offensichtlich die Nase voll. Sie verstehen nicht mehr, wie die Schweiz regiert wird, ob sie überhaupt regiert wird und welche Bedeutung der Schweizer Volkswille noch hat.

Sie erleben eine Schweiz, die sich in einem Masse verändert, wie sie es früher nie erfahren haben: Rettung der Banken, Aufwertung des Schweizer Frankens mit dramatischen Auswirkungen auf den Lebensstandard vieler, Verkauf Schweizer Familienfirmen (Holcim, Sika) ins Ausland, Ausverkauf der Kuoni-Reisebüros, die sie ihr bisheriges Leben lang begleitet haben.
Mit dem eigenen Vermögen verdient man kaum noch Geld, weil die Zinsen tief sind. Wer in riskante Anlagen steigt, wozu auch Aktien zählen, läuft Gefahr, seinen Einsatz zu verlieren. Eine gute Dividende hilft wenig, wenn der Aktienkurs zusammen bricht.

Dennoch blicken die über 60jährigen auf goldene Jahrzehnte zurück. Es wurde viel gearbeitet, nicht wenige wurden Millionäre, manche sogar Milliardäre. Wer leisten wollte, wurde mit guten Einkommen belohnt. Arbeitslosigkeit gab es nicht wirklich. Jetzt aber steigen in vielen Gemeinden und Kantonen die Steuern. Die Gebühren der staatlichen Verwaltungen sind seit Jahren überproportional gewachsen. Die Aussichten gelten in den meisten Fällen als schlecht, denn mit grossem Wachstum im Binnenmarkt Schweiz kann nicht gerechnet werden.
Wir Alten sind die „Goldies“ aus dem 20. Jahrhundert. Es stehen uns die schönsten Wohnungen und Häuser zur Verfügung, welche die Schweiz je kannte. Diese haben wir, wie die komfortablen Autos auch, welche wir fahren, sogar bezahlt.

Den Jüngeren, welche jetzt nachwachsen, steht dies nur beschränkt zur Verfügung. Die grosse Mehrheit von ihnen hat weder gute Saläre noch gute Aufstiegschancen noch grosse Boni zu erwarten. Ganz im Gegensatz zu ihren Eltern und Grosseltern leben sie nicht in einer wachsenden, sondern einer stagnierenden Volkswirtschaft. Dort herrschen Angst und Resignation.

Eine Minderheit wird es schaffen, Positionen in den Verwaltungen oder an den Schaltstellen der grossen Konzerne zu erhalten. Sie müssen sich aber gegen andere Europäer, Nord- und Südamerikaner, Afrikaner und Asiaten behaupten. Das gab es früher nie. Die für Wohlstand und Sicherheit einst berühmte Schweiz verliert langsam ihren Charakter. Die Touristiker in den Bergdörfern der Hochalpen sind im Begriff, die letzten Bergspitzen zu erschliessen. Wer nicht durch die wilden Täler wandern will, kann nun Hängebrücken benutzen, die einen alpinen Kitzel auslösen. Aussichtsterrassen wachsen aus den Felsen, von wo aus der Blick im freien Fall erst hunderte Meter tiefer wieder Halt findet.

Wir Älteren wissen noch, was eine Magerwiese ist. Wir haben noch Kühe mit Hörnern gesehen. Die Naturmilch war fett und keineswegs ungesund, wie man heute der Jugend weismacht. Wir lagen auf den Wiesen unter den Lärchen, nicht auf Liegestühlen, wo der Kellner uns die Drinks bringt. Die Tageszeitungen waren dick und voller spannender Artikel, die Bücher sauber gebunden, attraktiv gesetzt und rochen nach Papier. Die Mädchen und Frauen waren attraktiv rundlich und nicht magersüchtig, aufregend und nicht hysterisch. Die Kinder waren lebhaft und wurden nicht mit Pillen beruhigt.

Unsere reale Welt versinkt jetzt in der Vergangenheit; die neue Welt, welche jetzt aufkommt, ist numerisch gesteuert, von aussen jederzeit kontrollierbar, aber nicht mehr von uns. Sicher wird die neue Jugend sich darin zurecht finden, aber sie wird nicht wissen, was sie verloren hat.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

Ein Gedanke zu „Sind wir die glücklichen Alten

  1. von Burg

    Ich gehöre auch zu den „Goldies“ des 20. Jahrhunderts, besitze jedoch weder eine wunderschöne Villa noch eine Super-Eigentumswohnung, sondern bin „nur“ Mieterin einer 3 1/2 Zimmerwohnung. Um die Lebenshaltungskosten nach der Pensionierung trotzdem bestreiten zu können, ohne in die Sozialversicherung abzugleiten, versuche ich immer noch zu arbeiten. Trotz meiner 76 Jahre ist mir dies glücklicherweise bis dato immer noch gelungen; leider ist dieser Umstand aber absehbar. Ich glaube, dass es ausser mir noch viele solcher „Goldies“ gibt, die finanziell nicht so gut stehen. Was die sogenannten Ergänzungsleistungen angeht, ist deren Berechnung seit 2001 längst überholt, was die Mindestmiete anbelangt oder die Krankenkassenprämien. Eine Revision wurde bislang immer durch das Parlament kurzerhand abgeschmettert.
    Was die Zufriedenheit anbelangt, ist diese trotz allen widrigen Umständen bei mir noch vorhanden.

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