Ausverkauf – Wie mich Xherdan Shaqiris Transfer zum Nachdenken brachte

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

In vielen Ländern war früher der Ausverkauf, der Winter- und Sommerschlussverkauf, streng reglementiert. Nur innerhalb eines bestimmten Zeitfensters konnten die Waren zu einem stark reduzierten Preis verkauft werden, zur Räumung der Lager am Ende einer Saison. Heute, im Zuge der Liberalisierung, sind diese starren Regelungen vielerorts gelockert worden.

Im Fussball gelten noch die alten Bräuche. Das mediale Dezember-Rätselraten, verlässt jetzt Shaqiri den FC Bayern oder nicht, machte auch fussballabstinenten Kreisen klar, dass im Fussball der Arbeitgeber nur innerhalb bestimmter Transferperioden gewechselt werden kann. Und noch eines wurde einem wieder in aller Deutlichkeit bewusst: der Warencharakter des Transfergeschäfts. Da wird nach Herzenslust gefeilscht, wer wann zu welchem Preis gehen darf oder nicht. Bei Abschliessung der Verträge wird die Vertragserfüllung ohnehin nicht mehr erwartet; Verträge spielen nur insofern eine Rolle, dass je nach noch geltender Vertragsdauer die Ablösesumme unterschiedlich hoch ausfallen wird. Am grossen Reibach verdienen viele mit: Vereine, Spieler, Berater usw. Im Fall von Shaqiri offenbar auch der vorletzte Arbeitgeber, der FC Basel.

Ein Sportler ist auch nicht mehr nur ein Mensch, sondern eine Marke. Früher waren nur Waren Markenprodukte, heute ist die Person selbst eine Marke. Das bedeutet, dass er eine genau festgelegte „Corporate Identity“ befolgen muss: sein Kleidungsstil wird festgelegt, die Art und Weise seines öffentlichen Auftritts, die Kommunikationsform in den Social Media. Caritative Engagements stehen dem Spitzenverdiener gut an und müssen entsprechend geplant und publiziert werden. Viele PR-Berater arbeiten an diesem Image mit dem Ziel, diesen Marken-Status für ihren Auftraggeber zu erreichen. Markenprodukte, das wissen wir aus dem Konsumgüter-Marketing, lassen sich zu einem höheren Preis verkaufen.

So ist die Bereitschaft der Sportler (und auch anderer Zeitgenossen aus Politik, Wirtschaft und Kunst) hoch, an diesem Markenprozess mitzuwirken. Doch sie bekommen nicht nur, sie müssen auch einen Preis entrichten. Sie können nicht mehr sich selber sein: Ich muss mein Image sein. Formulieren wir das Ganze in der Sprache der Philosophie, mit Immanuel Kant: Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Wer nur auf den (eigenen Markt-)Preis schaut, dem kostet es letztlich seine Würde.

Und die Fans der Fussballvereine, die das alles mitfinanzieren? Wie der begeisterte Empfang der Fussballstars in ihrer neuen Umgebung zeigt, lassen sich die Fans gerne von den orchestrierten Events verführen. Auch ihnen ist wohl klar, dass Loyalität und Vertragstreue und die an jedem Arbeitsort wiederholten Liebesschwüre, beim besten Verein zu sein, nicht für bare Münze zu nehmen sind, sondern eher gegen bare Münze eingetauscht werden. Ihre moralischen Ansprüche sind bescheiden geworden. Nicht so die monetären Ansprüche der Spieler – frappant wie wenig die hohen Bezüge in der Gesellschaft kritisiert werden, ganz im Gegensatz zur Abzocker-Diskussion bei den Managern. Ob die Vasellas & Co, nicht doch den schwierigeren Job haben und mehr für das Gemeinwohl tun als die Ronaldos & Co?

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie Zürich

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Über Stephan Wirz

Fragen der Wirtschafts-, Unternehmens- und Konsumethik sind das Spezialgebiet von Stephan Wirz. Es gibt zwar eine ganze Reihe von philosophischen und theologischen Ethikern, aber nur wenige von ihnen kennen die Unternehmenswelt von innen. Stephan Wirz ist einer davon. Er arbeitete nach seinen Studien der Theologie, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Völkerrecht fast 10 Jahre in der Privatwirtschaft, bei einem Finanzdienstleistungs- und einem Industrieunternehmen. Seit 2007 leitet er den Bereich Wirtschaft und Arbeit der Paulus-Akademie in Zürich und lehrt als Titularprofessor für Ethik an der Universität Luzern. Die Paulus-Akademie bietet Tagungen, Abendveranstaltungen und Seminare zu gesellschaftspolitischen, ethischen und religiösen Themenbereichen an. Namhafte Referenten aus Wissenschaft und Praxis bieten den Teilnehmenden verschiedene Sichtweisen und Informationen zu Fragen unserer Zeit.

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