Wir wollen unsere Erfahrungen vertiefen

Begreifen wir dieses neue Jahr als Chance: Wollen wir uns amüsieren, auf Kreuzfahrten gehen und täglich drei Stunden Fitness machen? Das ist nicht übel, aber genügt es auf Dauer? Ich plädiere dafür, das beginnende Jahr 2015 zum „Jahr der inneren Vertiefung“ zu machen. Viele von uns haben die Chance, den Dingen auf den Grund zu gehen; sie müssen es nur wollen.

Die Freiheit im Alter ist wunderbar, denn wir haben sechzig und mehr Jahre Erfahrungen sammeln dürfen. Jetzt müssen wir uns Rechenschaft darüber ablegen, ob es gute oder schlechte Erfahrungen gewesen sind. „Innere Vertiefung“ ist mehr als Yoga oder Zen-Buddhismus, denn mit diesen Übungen tritt man nicht immer ins Licht der Erkenntnis ein. Manchmal sitzt man auch nur vor einer Wand und weiss nicht weiter.

„Innere Vertiefung“ kann heissen, wie bringe ich meine Familie oder meine Freunde wieder zusammen? Sie können sich auch die Frage stellen, was man mit den noch verbleibenden 20-30 Jahren anfangen möchte. Was Sie damit vermeiden können, ist die Industrialisierung Ihres restlichen Lebens, wo die Stunden, die Krankheiten, Sorgen und Ängste einfach verwaltet werden. Bis zum Exit.

Der Weg zu vieler alter Menschen führt in den selbstverwalteten Tod. Nicht jeder hat das Glück, wie der Sänger Udo Jürgens, auf einem Spazierweg am Rheinufer entlang einfach umzufallen. Herzschlag, Tod. Irgendwie wirkt auf mich das Angebot für die letzten Jahre traurig. Ist man einmal in einem Heim, wird man nicht getröstet, sondern professionell versorgt. Und nicht einmal dies ist gesichert, wie mancher Bericht zeigt, wo es in den Insassen (auch so ein schreckliches Wort) nicht gut geht und sie ziemlich brutal abkassiert werden.

Die Alterseinsamkeit ist ein schlimmer Zustand; sie kann nur durchbrochen werden, wenn man sich selber dazu zwingt, auf andere Menschen, auch Jüngere, zuzugehen. „Innere Vertiefung“ hat sehr oft damit zu tun, dass man mit Menschen spricht, die man vorher gar nicht kannte. Hinter jedem Taxifahrer, jeder Serviertochter und jedem Kellner steckt ein ganzer Mensch, der oft grossartige Geschichten erzählen kann. Sie müssen sich nur für ihn interessieren; diese Kraft müssen Sie haben.

Wohlstand macht einsam, Reichtum noch mehr. Wer immer Angst haben muss und deshalb aus seinem Haus oder seiner Wohnung einen Panzerschrank macht, wird allen Menschen gegenüber misstrauisch. Gehören Sie auch zu den Menschen, die nur ihren alten Schul- oder Pfadi-Freunden oder Kollegen aus dem Militär oder der Zunft vertrauen? Dann werden Sie bald einsam werden; auch jüngere Menschen haben etwas zu bieten.

Armut bringt die Menschen besser zusammen, denn man muss keine Angst voreinander haben. Man ist nicht deshalb glücklicher, weil man arm ist, aber das Vermögen, das einstige Ansehen, steht vielen im Weg, wenn es um neue Erfahrungen geht.

Und nehmen Sie sich vor, sich Ihren persönlichen Tod nicht stehlen zu lassen. Erleben Sie ihn so bewusst wie möglich, sollte es in diesem Jahr 2015 so weit sein. Bevor es so weit ist, sollten Sie sich schöne Wochen und Monate machen, Freude daran haben, Geld auszugeben, andere zu beschenken.

Vertiefen Sie Ihr Inneres, lösen Sie sich von allen misslichen Kleinigkeiten, die keinen Gewinn durch Einsicht, sondern nur Ärger bringen. Dann haben Sie ein grossartiges Jahr vor sich. Genau das wünsche ich Ihnen.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

Ein Gedanke zu „Wir wollen unsere Erfahrungen vertiefen

  1. Schmidlin

    Lieber Herr Stöhlker, Ihre Anregung der „Inneren Vertiefung“ finde ich gut. Weniger gut finde ich, dass Sie als PR-Profi nicht wissen, dass man im Zusammenhang mit Leuten, die in einem Wohnheim sind, von (Pflegeheim-)Bewohnern spricht und NIEMALS von Insassen. Es scheint mir, dass Sie sich persönlich wenig in solchen Häusern aufhalten, denn es gibt sehr wohl Menschen, die die Bewohner REGELMÄSSIG besuchen und mit ihnen sprechen, lachen und singen! Wie bereichernd so ein Besuch ist (nicht nur für den Besuchten!), weiss man erst, wenn man dies regelmässig tut. Ich kann es allen empfehlen. Herzlicher Gruss: E. S.

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