Friedliebende Gesellschaft der Langlebigen

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

Wir haben gegenüber früheren Generationen das Privileg, einer „Gesellschaft der Langlebigen“ anzugehören. Nach der Pensionierung können viele Menschen in unserem Land noch zwei, drei Jahrzehnte in finanziell gesicherten Verhältnissen leben – Zeit genug, nach dem Berufsleben noch weitere Projekte zu starten oder sich Lebensträume zu erfüllen.

Auf einen weiteren Aspekt machte kürzlich Peter Gross, emeritierter Soziologieprofessor an der Universität St. Gallen, bei seinem Vortrag in der Paulus-Akademie in Zürich aufmerksam: „Gesellschaften der Langlebigen“ seien friedliebender. Die demographische Entwicklung sei keineswegs negativ zu bewerten. Nach seiner Auffassung bewirke die geringere Kinderzahl eine höhere Wertschätzung gegenüber dem einzelnen Kind und eine Verstärkung der Kommunikation zwischen den häufig nun vier (gegenüber früher drei) lebenden Generationen in einer Familie. Gegenwärtig sei diese Gesellschaftsform noch auf die klassischen Industriestaaten beschränkt, doch in den nächsten 50 Jahren werden die Schwellenländer nachziehen. Dies führe zu einer Pazifizierung des internationalen Zusammenlebens. Die generationelle innere Stabilität und zunehmende Prosperität der Staaten werden nach Peter Gross eine konfliktdämmende Wirkung entfalten.

Der Vortrag von Peter Gross konfrontierte die Zuhörerinnen und Zuhörer immer wieder mit Sinnfragen, die sich der „Gesellschaft der Langlebigen“ in verschiedener Hinsicht stellen. Neu gegenüber früheren Gesellschaften sei die Einteilung der Lebensphasen in drei ungefähr gleich grosse Blöcke Ausbildung – Erwerbsleben – Pensionierung (30-30-30 Jahre). Für die dritte Phase bedeute das nun, dass der gegenüber früher noch viel vitalere Mensch um die 65 sich überlegen müsse, wie er diese ihm zur Verfügung stehende ca. drei Jahrzehnte währende Lebenszeit sinnvoll gestalten kann. Die Pensionierungsphase sei heute nicht mehr ein nur noch einige wenige Jahre dauerndes Ausruhen des durch die Berufstätigkeit körperlich erschöpften Menschen, sondern Potenzial, das es zu nutzen gelte.

Diese vitalen und finanziell gutgestellten 65+ sind schon seit einigen Jahren auch im Fokus der Unternehmen. In der Werbung werden nicht mehr nur Zwanzig- und Dreissigjährige abgebildet, sondern vermehrt auch Frauen und Männer über 60. Sie haben Zeit und Geld zu konsumieren. Wenn heute das Schreckgespenst „Deflation“ und damit ein drohender Konsumaufschub durch die Wirtschaftsgazetten geistert, dann setzt man nicht zuletzt auch auf die Konsumfreudigkeit der „jungen Alten“, um diese Gespenster zu verscheuchen. Schon merkwürdig, wie der Zeitgeist wirbelt: Vor kurzem priesen noch „Experten“ den aufkeimenden gesellschaftlichen Trend nach Suffizienz und Konsum-Entschleunigung (Slow-food usw.), heute fürchtet man die Konsum-Askese wie der Teufel das Weihwasser.

Was bei all der Reklame und den Prognosen zur guten, heilen Alterswelt nicht vergessen werden darf: Jedes „young old“-Dasein mündet in eine mehr oder länger dauernde Lebensphase des „old-old“-Seins. Sie bedeutet Zunahme der Hinfälligkeit, Schwinden der Lebenskräfte. Ob man auch dieser Phase einen tieferen Sinn abringen kann? Darüber lohnt es sich auch, in den Weihnachts- und Neujahrstagen nachzudenken.

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Über Stephan Wirz

Fragen der Wirtschafts-, Unternehmens- und Konsumethik sind das Spezialgebiet von Stephan Wirz. Es gibt zwar eine ganze Reihe von philosophischen und theologischen Ethikern, aber nur wenige von ihnen kennen die Unternehmenswelt von innen. Stephan Wirz ist einer davon. Er arbeitete nach seinen Studien der Theologie, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Völkerrecht fast 10 Jahre in der Privatwirtschaft, bei einem Finanzdienstleistungs- und einem Industrieunternehmen. Seit 2007 leitet er den Bereich Wirtschaft und Arbeit der Paulus-Akademie in Zürich und lehrt als Titularprofessor für Ethik an der Universität Luzern. Die Paulus-Akademie bietet Tagungen, Abendveranstaltungen und Seminare zu gesellschaftspolitischen, ethischen und religiösen Themenbereichen an. Namhafte Referenten aus Wissenschaft und Praxis bieten den Teilnehmenden verschiedene Sichtweisen und Informationen zu Fragen unserer Zeit.

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