Aus der Heimat wächst „Singapur-West“

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

Der 30. November wird als jener Tag in die Geschichte der Schweiz eingehen, wo das Schweizer Volk die Schleusen zur vollen Globalisierung seines Landes geöffnet hat. Was in Genf und Basel schon der Fall ist, der bestimmende Einfluss internationaler Organisationen und grosser Konzerne auf die Entwicklung der Regionen, soll nun übergreifen auf die ganze Schweiz. Die Vision für das Land heisst nicht mehr „Heimat“, sondern „Singapur-West“.

 

Jene Romantiker, die mit ecopop oder der Gold-Initiative dem Wachstum Grenzen setzen oder den im Land wohnhaften reichen Ausländern höhere Steuern auferlegen wollten, wurden von knapp 50% der Stimmbürgern überaus deutlich in ihre Grenzen verwiesen. Das heisst nicht, dass derlei Vorstellungen von einer Schweiz, die als Sonderfall als Ganzes in das UNO-Weltkulturerbe aufgenommen werden sollte, verschwunden sind. Jede künftige Aktion zur weiteren Begünstigung der Globalisierung erzeugt ihre eigene Reaktion.

 

Was wird nun aus dem Land? Wie in Bern der Minder-Initiative die Zähne gezogen worden sind, werden auch die Einwanderungsbeschränkungen unter Verweis auf die Niederlage von ecopop abgeschliffen werden. Wichtig ist nicht, was die Politiker, angefangen vom Bundesrat, sagen, sondern was sie tun. Das Jahr 2014 brachte trotz einer sich laufend verschlechternden Binnenmarkt-Konjunktur wieder eine Rekordzuwanderung. Diese Flexibilität diente vor allem dem „big business“ der exportorientierten A-Schweiz und diente der Verbilligung der Dienstleistungen der Unternehmen der B-Schweiz. Als wesentlicher Motor der Zuwanderung stellen sich weiterhin die staatlichen Verwaltungen heraus bis hin zu den Hochschulen und Spitälern, wo eine rasch alternde Bevölkerung Sicherheit vor einem zu frühen Tod sucht.

 

Gestärkt fühlen sich auch alle Kreise, welche die Schweiz gerne weiter in das Nahfeld der Europäischen Union rücken würden. Es gibt dort, was vor allem für die Spitzen der Verwaltung in den Berner Departementen gilt, den Grundverdacht, die Zeit der Nationalstaaten könne weiter zu Ende gehen. Dies werde noch einige Zeit brauchen, aber im Zeichen des Wachstums gelten heute schon Karrierepläne in Brüssel als chancenreicher als solche in der Schweiz. Von daher ist die Zeit jener angebrochen, die sich „Brückenbauer nach Brüssel“ nennen, den Verdacht eines EU-Beitritts der Schweiz weit von sich weisend. Der Dölf Ogi’sche Fehler vor 20 Jahren soll keine Wiederholung finden.

 

Was bedeutet dies für die Schweiz? Mehr denn je hofft das stimmfähige Volk, die reichen Mitbürger, Inländer oder Ausländer, würden weiter „zuhause“ investieren. Damit würden Aufträge und Jobs gesichert, die dringend benötigt werden, um die vorhandenen Kapazitäten, auf die niemand verzichten will, auszulasten. Den Jubel des Gstaader Bauunternehmers, der nun weiter bauen darf, haben wohl viele gesehen.

 

Die Schweiz wird ausgebaut und umgebaut werden. Wie in Basel bald zwei Wolkenkratzer des Roche-Konzerns die Skyline beherrschen und das Grossmünster in den Schatten stellen werden, muss man sich den Grossraum Zürich bald neu denken. Es wird solche Hochhäuser vom Limmattal hinüber bis ins Tal der Glatt geben. Zwischen ihnen werden Bandhäuser jene Mitarbeiter und deren Familien aufnehmen, die für die Produktion unerlässlich sind.

 

Die Schweiz nimmt Abschied vom späten Mittelalter, das bisher prägend ist – eine ohnehin erstaunliche Leistung. Was gestern noch begehrter Lebensmittelpunkt war, wird museal. Die Schweizer Bevölkerung, heute schon zu über 40% von Ausländern geprägt, die zum Teil schon den Schweizer Pass haben, wird noch globaler werden. In Genf findet man heute ebenso wenig Ur-Genfer wie man in Basel Ur-Basler findet. Die Alemannen der Deutschen Schweiz haben sich dem Erneuerungsdruck stärker verweigert als es den keltisch-savoyardischen Westschweizern gelungen ist.

 

Es sind die Schweizer Eliten aus Wirtschaft und Politik, Hochschulen und Medien selber, welche diesen Trend begünstigen. Sie haben in der jüngsten Volksabstimmung einen historisch zu nennenden Sieg errungen. Das Volk gab ihnen „plein pouvoir“, hoffend, es werde dabei nicht zu Schaden kommen.

 

*Klaus J. Stöhlker, Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung, in Zollikon/ZH

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

Ein Gedanke zu „Aus der Heimat wächst „Singapur-West“

  1. Bernet Odette

    Sehr geehrter Herr Stöhlker,
    habe Ihren Artikel mit Interesse gelesen und dem ist nichts mehr hinzuzufügen!
    Freundliche Grüsse aus Dietikon im Limmattal, wo die Hochhäuser in den Himmel wachsen und noch weitere wachsen werden. Ausländeranteil 50%. Die Schweizer sterben aus!

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