Altersgerechte Wirtschaft

Prof. Dr. Stephan Wirz

Prof. Dr. Stephan Wirz

Sind Sie vor einigen Monaten auch über die Werbeplakate im Aargau gestolpert? Nein, es bestand keine Sturzgefahr; aber visuell und gedanklich waren sie schon eine Herausforderung. Man sah Porträtfotos von „mittelalterlichen“ Frauen und Männern, die jeweils mit einem Vornamen und einer Ziffer unterschrieben waren. Zum Beispiel Urs, 30 Jahre, oder Margret, 35 Jahre. Das Alter war kaum zu glauben, die abgebildeten Personen sahen deutlich älter aus. Erst beim näheren Hinsehen entschlüsselte sich die Werbebotschaft. Die Ziffern waren keine Altersangabe, sondern drückten die Anzahl Berufsjahre aus. Und der Betrachter der Plakate erkannte, dass diese Personen auf Stellensuche waren, aber wegen ihres „hohen“ Alters über Fünfzig keine Stelle fanden.

Man kann über die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative denken, was man mag. Unbestritten ist, dass seitdem Unternehmer und auch der Arbeitgeberverband über die bessere Ausschöpfung des Arbeitskräftepotentials in der Schweiz medial laut nachdenken. Zwar schneidet die Schweiz in Statistiken über den Beschäftigungsgrad der Fünfzig- bis 65-jährigen relativ gut ab, doch kennt nicht jeder von uns ältere Personen im Verwandten- und Bekanntenkreis, die eine Beschäftigung suchen?

Wir leben in einem Zeitalter der Individualisierung. Unsere Gesellschaft bietet aufgrund des ökonomischen Wohlstands, der Vielzahl an Ausbildungs- und Berufswegen sowie der Pluralisierung der Werte und Normen mannigfaltige Möglichkeiten, seinen eigenen Lebensstil zu gestalten. Umso mehr erstaunt es, dass dieser Individualisierungstrend irgendwann in den Vierzig abbricht und „Schema F“ häufig den Berufsalltag der 50 + überschattet. Da beginnt zum Beispiel beim älteren Arbeitnehmer die „Schere“ im Kopf zu wachsen: „Zählt mich meine Vorgesetzte, mein Vorgesetzter nicht schon zum „alten Eisen“? Darf ich noch meine eigene Meinung deutlich kundtun oder muss ich nicht negative Konsequenzen befürchten? Finde ich dann in meinem Alter noch eine Stelle?“ Auf Seiten des Unternehmens überprüft man vielleicht eingehender das Leistungsvermögen des älteren Mitarbeiters und wägt es mit dem Salär ab, das in der Regel üppiger ausfällt als beim zwanzig oder dreissig Jahre Jüngeren. Und die staatlichen Rahmenbedingungen erweisen sich als ausgesprochen rigide: In der alten Industriegesellschaft mit den vielen körperlich anstrengenden Berufen und der viel kürzeren Lebenserwartung mag die starre Pensionierungsgrenze von 65 Sinn gemacht haben. Aber heute? Warum findet man nicht flexiblere Übergangszeiten vom Erwerbsleben in den erwerbsfreien Ruhestand? Der Gesundheitszustand und die Bedürfnisse der Menschen sind individuell verschieden. Deshalb würde es einer liberalen Gesellschaft gut anstehen, dass sie ihren Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht, auch diese Lebensphase möglichst individuell gestalten zu können.

Zum Potenzial und den Berufs- und Karrieremöglichkeiten der Ü 50 sowie zur Rolle der Ü 65 als Konsumenten organisiert die Paulus-Akademie am Dienstag, 2. Dezember 2014, 19.00-21.00 Uhr, eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung im Hotel Glockenhof in Zürich. Weitere Informationen und Anmeldung hier.

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Über Stephan Wirz

Fragen der Wirtschafts-, Unternehmens- und Konsumethik sind das Spezialgebiet von Stephan Wirz. Es gibt zwar eine ganze Reihe von philosophischen und theologischen Ethikern, aber nur wenige von ihnen kennen die Unternehmenswelt von innen. Stephan Wirz ist einer davon. Er arbeitete nach seinen Studien der Theologie, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Völkerrecht fast 10 Jahre in der Privatwirtschaft, bei einem Finanzdienstleistungs- und einem Industrieunternehmen. Seit 2007 leitet er den Bereich Wirtschaft und Arbeit der Paulus-Akademie in Zürich und lehrt als Titularprofessor für Ethik an der Universität Luzern. Die Paulus-Akademie bietet Tagungen, Abendveranstaltungen und Seminare zu gesellschaftspolitischen, ethischen und religiösen Themenbereichen an. Namhafte Referenten aus Wissenschaft und Praxis bieten den Teilnehmenden verschiedene Sichtweisen und Informationen zu Fragen unserer Zeit.

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