Gibt es noch ein Projekt Schweiz?

Klaus Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker

„Zürich ist gebaut“, sagte vor 20 Jahren eine Zürcher Stadträtin, die dann aber glanzlos gehen musste und heute im Verborgenen lebt. Ist die Schweiz gebaut? Viele sind der Auffassung, dies sei der Fall, denn sie hassen die Staus rund um Zürich, den Verkehr auf der Autobahn Zürich-Bern, die zweimal täglich überfüllten Züge der SBB und den Siedlungsbrei im Schweizer Mittelland, wo eine Gemeinde mit der anderen zusammen wächst.

Andere, wie der Rektor der ETH Zürich, Prof. Dr. Ralph Eichler, sind der Auffassung, 12 Mio. Menschen hätten auf unseren 40 000 qm immer Platz, man müsse nur die Häuser in der Stadt Zürich um einige Stockwerke in die Höhe ausbauen. Da ich diesen Text in unserem Bürohaus in Zollikon/ZH schreibe, das seit gut 20 Jahren im eleganten Landhaus-Stil anspruchsvolles Bauen verkörpert, gefällt mir die Eichler’sche Aussage überhaupt nicht. Wir wollen in einer guten Umgebung leben und arbeiten, nicht in den modernen 7 qm-Hühnerkäfigen, die sich heute „zeitgemässe Büros“ nennen.

Der grosse Strom von Einwanderern aus dem Osten und Süden erweckt den Eindruck, als sei die Schweiz eines der grössten Opfer der modernen Völkerwanderung. Das stimmt insofern, als rund 40% der heutigen 8 Mio.-Bevölkerung einen Immigrationshintergrund haben. Menschen, die nicht aus dem europäischen Kulturraum stammen, fallen in den Strassen und Trams besonders auf. Sie treten oft eleganter auf als die zwinglianisch geprägten Einheimischen, reden lauter und machen sich „breit“, wie besorgte Frauen mir bestätigen. Ist das noch die Schweiz?

Es gibt auch andere Nachrichten: Georg Baselitz, der berühmte deutsche Maler, nimmt seinen Wohnsitz in Basel. Auch Emil und Niccel Steinberger lassen sich am Rheinknie exklusiv nieder, ausdrücklich mit der Bemerkung, Luzern sei ihnen zu „retro“. Derlei kulturelle Bereicherung, Zuzüger der künstlerischen „upper class“, schlägt weniger Wellen, ist aber nicht ohne Signifikanz.

In den Randzonen der Gesellschaft nimmt die Armut zu. Die Zürcher Altersheime sind überfüllt, weshalb Heimweh-Zürcher nicht ohne weiteres dort unterkommen können. Diese Rückwanderer, kommen sie aus dem Aargau oder aus Argentinien, sind den angesessenen Einheimischen ein Dorn im Auge. Was wollen die hier? Im Alter zurück? Man geht auf Distanz.

Im Zürcher Limmattal schliesst gerade der Bruno Weber-Park. In Frankreich, England oder Tschechien, in Österreich und Deutschland ohnehin, hätte man schon längst eine grosse Attraktion daraus gemacht, aber irgendwie hat es nie geklappt zwischen Bruno Webers Witwe und allen anderen. Das ist schade, denn der begnadete neo-barocke Künstler, dessen Werke auch sonst häufig zu sehen sind, hätte eine gute Betreuung seines Hauptwerkes verdient. Doch die Gemeinden und Kantone müssen sparen und haben andere Prioritäten.

Die Tessiner Regierung, von einer Abstimmungsniederlage zur anderen gehend, muss mehrfach Zuwanderungsprobleme lösen. Die in der Schweiz Arbeit suchenden Italiener, die zu Luft, Strasse und Bahn einsickernden Afrikaner und Syrer und seit einiger Zeit auch die aus Afrika kommende Tigermücke. Deren Stich tut nicht nur echt weh, sondern kann auch vergiftet sein. Seit Jahren hat man im Tessin deren Bekämpfung verschlafen. Jetzt, so die Behörden, sei es zu spät dafür. Die Magadino-Ebene gilt es wieder rasch zu durchfahren, um keine unangenehme Überraschung zu erleben.

Neue Armut drückt sich gerade in solchen Entwicklungen aus, wo kein Geld mehr zur Verfügung steht, um Notwendiges und sogar Überflüssiges zu tun. Während das Bundesamt für Gesundheit – wieder einmal – Millionen ausgeben darf für eine überflüssige und erotisch aggressive Anti-Aids-Kampagne, fehlt das gleiche Geld andernorts. In Bern wird das Steuergeld zum Fenster hinaus geworfen, sei es für fehlgeleitete Beschaffungen, grosszügige Spesengewährung, überflüssige Berater, an welche die Beamten das Risiko delegieren, oder auch nur Bundesrats-Pensionen für Millionäre.

Immerhin, der Nachfolger von Abt (heute wieder Pater) Martin Werlen aus dem Kloster Einsiedeln, Abt Urban Federer, lächelt und lacht derlei irdische Veränderungen offensiv hinweg. Wer ein reiches Kloster mit vielen Besuchern führen darf, spürt Druck nur dann, wenn er an den fehlenden Mönchs-Nachwuchs denken muss.
Geniesse den Tag, gilt mehr denn je.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

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