Geld – Gier – Lebenssinn

Mit Geld sind hohe Erwartungen verknüpft: Unabhängigkeit, Sicherheit, Macht, Einfluss, Attraktivität, Prestige, Lebensglück. Geld hat deshalb Suchtpotential. Gegen die Fixierung auf das Geld und übersteigerte Hoffnungen in seine Wirkkraft kämpfen traditionell philosophische und religiöse Denkansätze an. Probieren wir es einmal anders, schauen wir bei den Comics nach, was sie uns lehren können.

Haben Sie in Ihrer Kinder- und Jugendzeit auch Mickey Mouse gelesen? Sicher haben Sie dann auch Dagobert Duck bei seinem täglichen Bad in seinem Geldspeicher begleitet. Je nach Betrachtungsweise haben Sie sich über die lästige Anbettelei seiner Verwandtschaft oder über den Geizkragen Dagobert geärgert. Sie haben mitgefiebert, ob es Dagobert gelingt, die nimmermüden Panzerknacker abzuwehren, die ihm das riesige Vermögen „abknöpfen“ wollen. Welchen Kontrast liefert ein solches Bild: Das scheinbar so sorgenfreie Baden im Geld, das doch immer nur einen kurzen Augenblick währt, und das stete Abwehren von Schnorrern und Kriminellen, das mit der Zeit vielleicht auch den eigenen Charakter verändert: zunehmendes Misstrauen, Geiz, ein sich Zurückziehen auf sich selbst.

In Entenhausen kommt der Tod nicht vor; Dagobert Duck scheint unsterblich zu sein. Wir aber sind Sterbliche, und das bedeutet, dass die individuelle Vermögenssicherung über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt sein wird. „Das letzte Hemd hat keine Taschen“, sagt der Volksmund. Eine ähnliche Aussage findet sich auch im Neuen Testament: Von einem fleissigen Bauern wird dort erzählt, der kräftig in die Erweiterung seiner Aufbewahrungskapazitäten für einen grossen Ernteertrag investiert hat. Bald darauf kann er tatsächlich eine grosse Ernte einfahren; er nützt die stark erweiterte Infrastruktur seines Hofes aus. Damit wähnt er sich in Sicherheit. Er ist überzeugt davon, ausgesorgt zu haben. Nun kann ein geruhsames Leben beginnen. Doch seine Sicherheit ist trügerisch. Die Erzählung endet mit der Ankündigung: „Du Narr, noch heute wird Dein Leben von Dir zurückgefordert werden.“ Nichts wird ihm von seinem Reichtum bleiben.

Vielleicht hat er testamentarisch gut vorgesorgt. Sein landwirtschaftlicher Besitz wird auf beruflich geeignete Familienmitglieder übertragen. Doch die Buddenbrooks in der Literatur und manche Adels- und Industriellendynastien, ja selbst Staaten lehren uns, dass es in der Geschichte keine Besitzstandsgarantie gibt, sondern fortwährende Auf- und Abstiege. Nachfolgende Generationen können das Erbe verprassen, oder politische und wirtschaftliche Umstände vernichten es. Wir leben also nicht einmal geldmässig in unseren Nachkommen dauerhaft weiter. Wenn wir so über „Zeit und Ewigkeit“ nachdenken, welche Bedeutung messen wir dem Geld und seinem Erwerb bei?

Muss es nicht Bereiche in unserem Leben und im Leben unserer Gesellschaft geben, die dem Verrechenbaren und Käuflichen entzogen sind? Zeigt sich der Reichtum menschlichen Lebens nicht gerade dort, wo etwas nicht um des Verdienstes oder des Prestiges wegen, sondern aus der Grosszügigkeit des Herzens, aus selbstloser Liebe getan wird? Eine solche Haltung und ein kritisches Nachdenken über die Bedeutung des Geldes stärken die „Abwehrkräfte“ dafür, damit Geld im eigenen Leben nicht zum Selbstzweck wird, sondern zu einem Mittel, das Sinnvolles ermöglichen kann.

Prof. Dr. Stephan Wirz, Paulus Akademie, Zürich

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Über Stephan Wirz

Fragen der Wirtschafts-, Unternehmens- und Konsumethik sind das Spezialgebiet von Stephan Wirz. Es gibt zwar eine ganze Reihe von philosophischen und theologischen Ethikern, aber nur wenige von ihnen kennen die Unternehmenswelt von innen. Stephan Wirz ist einer davon. Er arbeitete nach seinen Studien der Theologie, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Völkerrecht fast 10 Jahre in der Privatwirtschaft, bei einem Finanzdienstleistungs- und einem Industrieunternehmen. Seit 2007 leitet er den Bereich Wirtschaft und Arbeit der Paulus-Akademie in Zürich und lehrt als Titularprofessor für Ethik an der Universität Luzern. Die Paulus-Akademie bietet Tagungen, Abendveranstaltungen und Seminare zu gesellschaftspolitischen, ethischen und religiösen Themenbereichen an. Namhafte Referenten aus Wissenschaft und Praxis bieten den Teilnehmenden verschiedene Sichtweisen und Informationen zu Fragen unserer Zeit.

Ein Gedanke zu „Geld – Gier – Lebenssinn

  1. Okeke Paul

    Lieber Stephan, „Geld – Gier – Lebenssinn“: eine gewisse innere Distanz zu materiellen Dingen ist sicher gut und wichtig. Wir sind allerdings in diese Welt „hineingeworfen“ und wir müssen uns dauernd, ob wir wollen oder nicht, mit Dingen sowie Problemen beschäftigen, die das Geld zum notwendigen Übel machen. Wenn wir das Geld nicht selber durch unsere Möglichkeiten und Fähigkeiten zusammen bringen können, sind wir dann auf andere angewiesen und müssen vielleicht betteln. Das macht vielen Menschen unruhig und Angst, auch wenn die meisten wissen, dass wir Geld usw. nicht mitnehmen können. Ich kenne die Existenzangst ein bisschen aus eigenem Leben und weiss, dass es nicht einfach ist. Wenn jemand etwas tun kann bzw. seine Kompetenzen in unterschiedlichen Bereichen gewinnbringend nutzen kann und dabei niemandem Unrecht tut, finde ich das ganz in Ordnung. Natürlich sollte es nicht nur bei der materiellen Sicherung des Lebens bleiben. P.

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