Sterbetourismus ist kein Erfolgsfaktor

Klaus Stöhlker

Der Schweizer Tourismus liegt am Boden, besonders in den Bergkantonen, obwohl absehbar war, dass künftig nur noch die über Fünfzigjährigen Skifahren, wandern und an den Bars sitzen werden. Was zunimmt, ist der Städtetourismus der Jüngeren und der Sterbetourismus der Älteren.

Als entschiedener Gegner der aktiven Sterbehilfe meine ich, unser liberaler Staat müsse die Selbstbestimmung und die Würde eines jeden Menschen schützen.Das Recht auf aktive Sterbehilfe mit dem Recht auf Selbstbestimmung zu begründen, ist ein Schaden für die individuelle Selbstbestimmung.

In der Schweiz gehen wir jetzt so weit, Sterbehilfe auch nicht mehr nur in äusserster Not zu bewilligen, sondern auch dann, wenn ein Mensch meint, für ihn sei es jetzt Zeit, er habe keine Lust mehr auf das irdische Wandeln. Sogar Kindern und Jugendlichen soll dieser Notausgang in das Jenseits geöffnet werden.

Wenn ein solcher Mensch in einem soliden Beziehungsgefüge steht, wozu ich auch die Ärzte zähle, ist das Schweizer Modell der Selbsttötung, wo Arzt und Patient sich vielfach nicht einmal kennen, undenkbar. Dieser Meinung ist auch Peter Dabrock, der stv. Vorsitzende des Deutschen Ethikrates.

Die Gesellschaft darf den Ärzten in dieser Frage keinen zu grossen Handlungsspielraum geben. Entscheiden diese im Dilemma, was häufig vorkommen dürfte, muss die Gesellschaft die Ärzte für ihren Entscheid zur Rechnung ziehen können. Der Selbstmord wird dann nicht zur Normalität; er wird nicht selbstverständlich, wie dies bei uns mehr oder weniger gefordert wird.

Es wird mir berichtet, dass auch Schweizer, die sich mit derlei Absichten beschäftigen, die aktive Sterbehilfe wieder abzulehnen beginnen, nimmt man ihnen die Angst vor Schmerz und Einsamkeit. Das ist die Aufgabe unserer sozialen Institutionen, nicht ein schulterzuckendes Hinnehmen eines situativ verständlichen Todestriebs.

Natürlich ist ein Arzt den Prinzipien des Helfens und Heilens verpflichtet, aber die Praxis hat mich gelehrt („Ich brauche dringend Operationen“), dass es sehr oft auch materielle Gründe sind, die zum Motiv des Handelns werden. In unserer Gesellschaft greift eine Gleichgültigkeit um sich, eine Herzenskälte, die kein günstiges Omen für alleinstehende alternde Menschen sind. Während die jetzige Generation in der Schweiz und Teilen Europas noch über relativ stabile Familienstrukturen verfügt, wird dies für die künftigen Generationen nicht mehr gelten. Dann werden die Kleinwohnungen in den Städten und Agglomerationen von geistig und körperlich kranken Singles überbesetzt sein.

Peter Dabrock sagt: „Der Forderung, aktive Sterbehilfe und ärztliche Suizidbeihilfe zu untersagen, liegt eben nicht einfach eine selbstbestimmungsfeindliche und reaktionäre Verbotsmoral zugrunde. Sie hat vielmehr den Schutz für die Schwächsten der Gesellschaft zum Ziel.“

Das liberale Pathos in der Schweiz ist am Ideal des souveränen, finanziell gut gestellten, gesunden und rationalen Menschen ausgerichtet. Deshalb sind viele Schweizer für die aktive Sterbehilfe und machen sich nicht die geringste Mühe, menschenwürdige Alternativen zu suchen. Die Alten werden der Anonymität eines tödlichen Chemiecocktails und einer kalten Apparatemedizin überantwortet. Man atmet auf: „Endlich ist es vorbei.“

Autonom ist nicht, wer sich vor den Zug wirft („Personenunfall“) oder über die Bergkante fallen lässt, sondern vielmehr eingebunden ist in tragende Beziehungen in Strukturen, deren Aufbau er oder sie selber während Jahrzehnten finanziert hat. Auch das langsame Auslaufen eines Lebens ist ein Menschenrecht.

Es geht letztlich um Solidarität in einer Lebensphase, wo der Mensch mehr denn je den Menschen braucht. Auf diese gelebte Solidarität sollten wir nicht verzichten und jene bedauern, denen dieses Gut nicht mehr zur Verfügung steht.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

 

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

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