Das Wissen der Alten ist zu gering bewertet

Klaus Stöhlker

Klaus J. Stöhlker*

Das unglaubliche Chaos, welches in unserer Gesellschaft herrscht, dieser immerwährende Zwang zur Veränderung, hat uns Vorstädte geschaffen, die mehr an Ostberlin oder die Banlieus von Paris erinnern als an eine dauerhaft solide Schweizer Umgebung. Unter der Fahne „Alles muss neu werden!“ stürmen kreative junge Leute aller Berufe heran, zerstören, was einmal „die Schweiz“ genannt wurde und finden sich selber so toll, dass sie in einer fast maoistischen Kulturrevolution das Wissen der Alten vergessen. Oft auch die Sparsamkeit derselben.

35-50jährige Jungmanager in den grossen Unternehmen bauen Schweizer Produktionsstätten ab, lassen Textilien in Bangladesh oder Indonesien unter Bedingungen fertigen, die kaum Abstand von der Sklaverei haben, lassen IT-Abteilungen schliessen, um sie in Polen und Tschechien neu aufzubauen, weil dies dort billiger ist. Niemand will zugeben, dass die Qualität der Produkte laufend nachlässt.

Nur ältere Menschen wissen, dass echte Schweizer Qualitäts-Textilien, die man bis vor 30 Jahren überall kaufen konnte, unendlich teuer und für den Mittelstand kaum noch bezahlbar sind. Die offizielle Inflation wird tief gehalten, aber um den Preis schlechterer Qualität. Wer wirklich gute Textilien kaufen will, muss heute dafür ein kleines Vermögen bezahlen. Natürlich gibt es einige tausend Menschen, welche dies immer noch vermögen, aber der Rest?

Die Tomaten und Äpfel, die ich in den letzten drei Monaten bei den Grossverteilern kaufte, schmeckten nach beinahe gar nichts. Die Tomaten waren alle hors sol (oberirdisch) gezüchtet, die Äpfel kamen aus gasgefüllten Containern, um ihre Frische über Monate hinweg zu wahren. Sie waren fast ohne Geschmack, vom Kunstlicht mit geröteter Schale versehen; manche schmeckten sogar nach Chemie. Da ich jeden Morgen zwei Äpfel esse, kenne ich derlei Kunstnahrung.

Jetzt kaufe ich Tomaten und Äpfel nur noch in kleinen Delikatessengeschäften, von denen wir noch einige haben. Dort zahle ich fast doppelt so viel, aber die Früchte schmecken wieder.

Das Wissen der Alten geht unter dem Kostendruck verloren. Es geht auch verloren in den neuen kriegerischen Auseinandersetzungen, die wir in Osteuropa und im Mittleren Osten erleben. Nicht mehr kluge Diplomaten, die eine Lösung suchen, haben das Heft in der Hand, sondern Diktatoren hie und Diktatoren da auf beiden Seiten.

Weil unsere jungen Bundesräte und Chefbeamten zu wenig politische Kampferfahrung haben, wurde der Finanzplatz verspielt, jedenfalls mehr als es nötig gewesen wäre. Weil junge Aufsteiger, die andernorts höchstens gehobene Sachbearbeiter geworden wären, heute unsere Aussenpolitik bestimmen, geht mit grosser Sicherheit demnächst auch unsere Schweizer Unabhängigkeit verloren. Weil niemand unseren Touristikern niemand ernsthaft auf die Finger schaute, ist die Schweiz heute als Tourismusland auf weltweit auf Platz 24 abgesunken. Unsere Hotels stehen meist leer.

Das Wissen der Alten wollten die Jungen nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Woran mag es wohl liegen? Ist es ein riesiger Minderwertigkeitskomplex? Haben die Alten doch die Schweiz verteidigt, sogar noch eine funktionierende Armee gehabt, die man bezahlen konnte, und sie schufen auch noch privaten Wohlstand.
Was wir jetzt haben, ist eine noch halbfreie Schweiz im Ausverkauf. An den Universitäten sitzen Professoren, die ihre Karriere im Ausland machen wollen. In den Medien sitzen junge Journalisten an der Spitze, deren Orientierungslosigkeit von morbider Eleganz ist. Viele der Alten haben sich deshalb zurückgezogen oder sind ins Schweigen versunken. Vielleicht muss es so sein.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

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