Welcher „Freedom of Space“ ?

Ilse Oehler

Ilse Oehler

Ist das Summen der Bienen diesen Sommer bereits am Verstummen? Das wirft alarmierende Fragen auf, sollte dieser uns seit Lebensbeginn begleitende natürliche Ton tatsächlich ausfallen. In völligem Widerspruch dazu frei gewählte, auffällige Gegensätze mit dem Gezwitscher der Spatzen, Meisen, einer ganzen Vogelschar. Sie zwitschern ungeniert, beinahe um die Wette, oder eher über die Freude, dass unüberlegt Futter franko Vogelhäuschen serviert wird, unten im Nachbarsgarten. Die Vogelfreundin meint dazu, inklusive ihr schlechtes Gewissen, sie wisse darum, dass ganzjährige Futterzufuhr unpassend sei. Heute ist, was gefällt. Mit der Zeit gewöhne ich mich sogar an die Lebhaftigkeit dieses Flugbetriebs, die Problematik aber begleitet meine Gedankensprünge. Zu alldem schauen dir der Fuchs und das junge Füchschen schelmisch-unverfroren aus nächster Distanz mitten ins Gesicht. Sie springen ihre Runden suchend und naschend nach moderner Kost. Genüsslich nach dem Spurt wärmen sie sich im leichten Schatten, dies in unserem Park, mitten in der Stadt mit einem Baumbestand, der seinesgleichen sucht.

Gelassenheit breitet sich während der Sommerzeit bis in hinterste Ecken der Stadt aus. Vieles erlebt sich anders. Ruhe, sie bietet Raum für vertiefte Gespräche auch innerhalb der Familie. Das gefällt auch dem Sohn, der für einen Kurzaufenthalt hier in seiner Heimat weilt. Ja, richtig angenehme Ruhe, wenn da nicht das tragische Unglück in der Ukraine uns begleiten würde. Sein Beruf: Privatpilot. Tief berühren die Umstände, die Schrecklichkeit, die zur Tat führten. Mehr als einen Monat vorher habe er entschieden, lieber eine halbe Stunde mehr Flugzeit in Kauf zu nehmen und das Kriegsgebiet zu umfliegen sowie verursachende Mehrkosten zu akzeptieren. Gleichzeitig erfahre ich, dass diese Unglücksmaschine mit der Immatrikulation 9M-MRD ihn als Passagier Jahre zuvor auf der gleichen Route transportierte, in tragischer Weise dazumal mit einer Spezialbemalung unter dem Label «Freedom of Space» – Freiheit im Raum – (Flugzeuge werden oftmals nach Jahren umbemalt).

Details über den Beschuss zeigen aufgrund detaillierter, bebilderter Berichterstattung aus einem Pilotenforum in einer Deutlichkeit auf, die nicht in den üblichen Medien zu finden sind. Diese unmittelbare Wahrnehmung vom Schicksal der Getöteten, unschuldige Kinder, Mütter, Väter, Erwachsene, der Besatzung, das macht sprachlos, stumm und tief, tief traurig beim Zuhören. Die Erklärungen zu diesem Wissen basieren auf der langjährigen weltweiten fliegerischen Erfahrung meines Sohnes. Kein Erahnen für uns, was hier mit diesen Menschen passiert sein muss. Unsere eigenen, schweren Gedanken der linken und rechten Hirnhälfte wollen mit all diesen Details auf einen Nenner gebracht werden, um damit der situativen depressiven Stimmung zu entkommen.

«Ablenkung» wird zum Zauberwort, Sensibilität zur Richtungsänderung. Ich suche mir ungeniert einen Freiraum in Richtung Gelassenheit. Mit der Zeit kann es gelingen. Beinahe skurril, sich nach solchen schweren Eindrücken unsensibel mit Clips auf Youtube mit Lachen abzulenken. Dabei ertappe ich mich und erschrecke zugleich, dass wir dies zu zweit ungeniert und laut tun konnten. Die Frage sei erlaubt: Zog hier das Magnetfeld Internet hin zur Gelassenheit. Muss wohl so sein, mit etwas mehr Lebenserfahrung gelingen viele Schwenker. Dabei mag das aktuelle Buch des Philosophen Wilhelm Schmid hilfreich sein:
«Lebenskunst. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden», 2014, Insel Verlag

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Schmid_%28Philosoph%29
http:/www.lebenskunstphilosophie.de

Ein Gedanke zu „Welcher „Freedom of Space“ ?

  1. Andrea

    Liebe Ilse

    Leider ist „freedom“ und Freiheit generell ein viel getretenes und missbrauchtes Wort.
    Unter dessen Mäntelchen dann auch gern mal Unschuldige beschossen oder gar abgeschossen werden.
    Du hast Recht, das Leid für Mütter, Partner, Kinder ist überhaupt nicht zu ermessen. Man fragt sich, ob die Menschheit noch einmal lernt, Dispute ohne Kriege auszutragen? Ich fürchte: Nein.
    Ich hoffe, dass der Dalai Lama recht behält: „Am Ende werden menschliche Entschlossenheit und
    Wahrheit über Gewalt und Unterdrückung siegen.“ Aber das fordert viel Toleranz: „Die Gesellschaft darf Menschen, die einen Fehler begangen haben und kriminell geworden sind, nicht ausstoßen.“ (Auch der Dalai Lama).

    Antworten

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *