Sind Sie Revolutionär oder Reformator?

Klaus Stöhlker

Klaus J. Stöhlker*

Unsere europäische Welt schaukelt wie ein „trunkenes Schiff“ von Charles Baudelaire durch den Kosmos. Wer jetzt über 60jährig ist, kann sich nur wundern über das Leben, welches er oder sie bisher geführt haben. Wie die altkatholische Kirche, nicht ganz zu Unrecht, behauptet, die echte katholische Kirche zu sein und die heutigen Römisch-Katholischen nur Abweichler aus dem 19. Jahrhundert, stellt der deutsch-niederländische Philosoph Peter Sloterdijk, der an der Technischen Universität Karlsruhe lehrt, unsere Welt seit der Französischen Revolution auf den Kopf: Was in gut 200 Jahren seither an Revolutionärem geschehen ist, seien es Napoléon, Lenin oder Adolf Hitler, habe nicht wirklich etwas gebracht. Man müsse sein Erbe geordnet weiter geben, um die eigene Gesellschaft bewahren zu können.

Wir müssen nicht ins Ausland gehen, um neue revolutionäre Beispiele im eigenen Land zu finden, welche die Aufgabe von Bewährtem verlangen:

• Im Kanton Schwyz findet soeben eine katholische Reformationsbewegung statt, die sich von den schweizerischen Bischöfen nicht mehr beeindrucken lässt. Der neue Zwingli heisst Werner Inderbitzin und ist kantonaler Präsident des Kirchenvorstands.

• Staatssekretär Yves Rossier betreibt für seinen Chef, Bundesrat Didier Burkhalter, den „schleichenden Beitritt“ zur EU. Dieser Meinung ist nicht nur Dr. Christoph Blocher, der 2016 noch einmal wiederholen möchte, was ihm 1992 gelungen ist: Der Aufstand des Schweizer Stimmbürgers gegen Berner Direktiven.
Wenn Sie zum liberalen Teil des Schweizer Volks gehören, der die Rechte des Individuums höher einschätzt als diejenige von Familie und Talgemeinschaft, müssen Sie die grosse Europäische Revolution weiter betreiben: Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit (im Konsum). Gehören Sie zum eher konservativen Teil des Schweizer Volks, müssen Sie Blocher wie Sloterdijk recht geben und der Erhaltung Ihres geistigen wie materiellen Besitzes den Vorrang geben.

Im Augenblick sieht es so aus, als würde unter Führung der grossen Weltkonzerne und Banken die Liberalisierung und, damit verbunden, Auflösung der „alten Schweiz seit 1848“ auf der politischen Fahrbahn rasch voran kommen. Dann wäre Christoph Blocher nur ein Reflex von Vergangenem. Gelingt es ihm, wie Thomas Minder auch, die Räder des Fortschritts anzuhalten? Auch Peter Sloterdijk sieht schwarz: Ohne einen Zusammenbruch der Gesellschaft sei eine Umkehr nicht möglich.

Lenin hätte ihm aus seiner Zürcher Stube der Familie Kammerer geantwortet: Der Zusammenbruch der Gesellschaft ist eine ausschliesslich bürgerliche Vorstellung, die sich einen wahren Fortschritt nicht vorzustellen vermag und alles tut, um ihn zu verhindern.

So kämpfen in diesem Sommer nicht nur die Römisch-Katholischen um unsere und ihre Seele (die Reformierten sind im Begriff, sich selber zu versenken), sondern die Liberal-Fortschrittlichen um unseren Glauben an die Vorzüge der Marktwirtschaft, während die Konservativen, angeführt von Meisterdenker Peter Sloterdijk, der uns über 60jährigen den Spiegel vorhält, uns zur Umkehr auffordert.

Mir graut ein wenig.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

 

 

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

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