Gebildete alte Menschen gegen dumme Jugend?

Klaus Stöhlker

Klaus J. Stöhlker*

Nun haben die Mehrheit der Kantone und der Schweiz. Lehrerverband den hehren Beschluss gefasst, die Schnürlischrift abzuschaffen. Es genüge für die Sprach-und Rechtschreibe-Kompetenz der jungen Schweizerinnen und Schweizer, wenn sie eine neue „Grundschrift“ beherrschen, eine Art Druckschrift. In Deutschland und Österreich trägt man sich mit den gleichen Absichten, wobei man sich über die Konsequenzen nicht einig ist und auch auf Pilotversuche verzichten will.

Ziel dieser Programme ist es, die Schüler möglichst früh zum Schreiben auf der Computertastatur zu bewegen oder gleich ganz auf jede Art von Handschrift zu verzichten. Das Tippen auf dem iPad ist der Traum unserer Lehrer, von denen jeder vierte ohnehin bereits einen Burnout haben soll, was offensichtlich deren analytische Fähigkeiten beflügelt hat. Unsere Kinder und Enkel sollen in Steve Jobs-Schulen gehen, wo sie zu Marionetten der IT-Branche erzogen werden, die in der „Cloud“ leben, aber nicht Engeln gleich, sondern wie programmierte Monaden, die fröhlich lächeln ob der „coolen Welt“, in welcher sie leben dürfen.

Sie haben es schon gespürt: Ich bin dagegen. 30% aller Schweizer, Deutschen und Österreicher sollen noch in der Lage sein, einigermassen intelligent geschriebene Texte zu lesen. Die anderen 70%, von den mindestens 15% offiziellen Analphabeten einmal abgesehen, werden nun aufgegeben. Achten Sie auf ein Detail: Ohne gebildete Bürger, die in einer Zeitung mehr als die Todesanzeigen und den Sportteil lesen, gibt es auch keine Demokratie.

Ältere Menschen von hohem Bildungsgrad erwerben nun einen Bildungsvorsprung vor ihren Enkeln und Grossenkeln. Sie wissen noch, wie die Gedanken fliegen, wenn sie mit der Hand einen Brief schreiben. Ihre Nachfahren senden ein EMS und twittern auf 140 Zeilen. Gefühle werden mit Icons ausgedrückt.

Die echter Bildung zugeneigten Lehrer werden in Privatschulen flüchten müssen. Wer in seiner Familie auf sich hält, bringt seine Kinder in solche Schulen. Wir haben dann eine Zweiklassen-Gesellschaft, ganz wie zur Apartheid in Südafrika. Dort durften die Schwarzen in den Schulen auch nur maximal 800 Wörter lernen. Es reichte zum Putzen, Kochen und Einkaufen.

Es ist die ältere Generation, die den Niedergang des Schweizer Bildungssystem erlebt und nicht verhindert hat. Mit dem Bologna-System, wo es nur Bachelors und Master gibt, zerbrachen jene Strukturen, welche die Schweiz gross gemacht haben. Ein duales System für  Analphabeten und Schreibschwache macht auch wenig Sinn, jedenfalls nicht, wenn wir Denken und Kreativität vom Einzelnen verlangen, wie Bundesrat Johannes Schneider-Ammann es salbungsvoll verlangt hat. Kein Wunder, dass die Firmen dann qualifizierte Ausländer aus aller Welt holen.

Es ist traurig, was der Schweizer Staat mit unseren Kindern und Enkeln macht. Wer genügend Geld hat, wird sie auf Privatschulen senden, wo man das ganze Wissen erwirbt und nicht Teile davon. Die gebildeten „Grosis“ stehen dem machtlos vis-à-vis, denn nicht nur die bürgerlichen Politiker unterstützen dies, sondern auch die Sozialdemokraten und Grünen, weil sie dem „Fortschritt“ huldigen. Es ist zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

 

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

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