Archiv für den Monat: Juli 2014

Welcher „Freedom of Space“ ?

Ilse Oehler

Ilse Oehler

Ist das Summen der Bienen diesen Sommer bereits am Verstummen? Das wirft alarmierende Fragen auf, sollte dieser uns seit Lebensbeginn begleitende natürliche Ton tatsächlich ausfallen. In völligem Widerspruch dazu frei gewählte, auffällige Gegensätze mit dem Gezwitscher der Spatzen, Meisen, einer ganzen Vogelschar. Sie zwitschern ungeniert, beinahe um die Wette, oder eher über die Freude, dass unüberlegt Futter franko Vogelhäuschen serviert wird, unten im Nachbarsgarten. Die Vogelfreundin meint dazu, inklusive ihr schlechtes Gewissen, sie wisse darum, dass ganzjährige Futterzufuhr unpassend sei. Heute ist, was gefällt. Mit der Zeit gewöhne ich mich sogar an die Lebhaftigkeit dieses Flugbetriebs, die Problematik aber begleitet meine Gedankensprünge. Zu alldem schauen dir der Fuchs und das junge Füchschen schelmisch-unverfroren aus nächster Distanz mitten ins Gesicht. Sie springen ihre Runden suchend und naschend nach moderner Kost. Genüsslich nach dem Spurt wärmen sie sich im leichten Schatten, dies in unserem Park, mitten in der Stadt mit einem Baumbestand, der seinesgleichen sucht.

Gelassenheit breitet sich während der Sommerzeit bis in hinterste Ecken der Stadt aus. Vieles erlebt sich anders. Ruhe, sie bietet Raum für vertiefte Gespräche auch innerhalb der Familie. Das gefällt auch dem Sohn, der für einen Kurzaufenthalt hier in seiner Heimat weilt. Ja, richtig angenehme Ruhe, wenn da nicht das tragische Unglück in der Ukraine uns begleiten würde. Sein Beruf: Privatpilot. Tief berühren die Umstände, die Schrecklichkeit, die zur Tat führten. Mehr als einen Monat vorher habe er entschieden, lieber eine halbe Stunde mehr Flugzeit in Kauf zu nehmen und das Kriegsgebiet zu umfliegen sowie verursachende Mehrkosten zu akzeptieren. Gleichzeitig erfahre ich, dass diese Unglücksmaschine mit der Immatrikulation 9M-MRD ihn als Passagier Jahre zuvor auf der gleichen Route transportierte, in tragischer Weise dazumal mit einer Spezialbemalung unter dem Label «Freedom of Space» – Freiheit im Raum – (Flugzeuge werden oftmals nach Jahren umbemalt).

Details über den Beschuss zeigen aufgrund detaillierter, bebilderter Berichterstattung aus einem Pilotenforum in einer Deutlichkeit auf, die nicht in den üblichen Medien zu finden sind. Diese unmittelbare Wahrnehmung vom Schicksal der Getöteten, unschuldige Kinder, Mütter, Väter, Erwachsene, der Besatzung, das macht sprachlos, stumm und tief, tief traurig beim Zuhören. Die Erklärungen zu diesem Wissen basieren auf der langjährigen weltweiten fliegerischen Erfahrung meines Sohnes. Kein Erahnen für uns, was hier mit diesen Menschen passiert sein muss. Unsere eigenen, schweren Gedanken der linken und rechten Hirnhälfte wollen mit all diesen Details auf einen Nenner gebracht werden, um damit der situativen depressiven Stimmung zu entkommen.

«Ablenkung» wird zum Zauberwort, Sensibilität zur Richtungsänderung. Ich suche mir ungeniert einen Freiraum in Richtung Gelassenheit. Mit der Zeit kann es gelingen. Beinahe skurril, sich nach solchen schweren Eindrücken unsensibel mit Clips auf Youtube mit Lachen abzulenken. Dabei ertappe ich mich und erschrecke zugleich, dass wir dies zu zweit ungeniert und laut tun konnten. Die Frage sei erlaubt: Zog hier das Magnetfeld Internet hin zur Gelassenheit. Muss wohl so sein, mit etwas mehr Lebenserfahrung gelingen viele Schwenker. Dabei mag das aktuelle Buch des Philosophen Wilhelm Schmid hilfreich sein:
«Lebenskunst. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden», 2014, Insel Verlag

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Schmid_%28Philosoph%29
http:/www.lebenskunstphilosophie.de

Sind Sie Revolutionär oder Reformator?

Klaus Stöhlker

Klaus J. Stöhlker*

Unsere europäische Welt schaukelt wie ein „trunkenes Schiff“ von Charles Baudelaire durch den Kosmos. Wer jetzt über 60jährig ist, kann sich nur wundern über das Leben, welches er oder sie bisher geführt haben. Wie die altkatholische Kirche, nicht ganz zu Unrecht, behauptet, die echte katholische Kirche zu sein und die heutigen Römisch-Katholischen nur Abweichler aus dem 19. Jahrhundert, stellt der deutsch-niederländische Philosoph Peter Sloterdijk, der an der Technischen Universität Karlsruhe lehrt, unsere Welt seit der Französischen Revolution auf den Kopf: Was in gut 200 Jahren seither an Revolutionärem geschehen ist, seien es Napoléon, Lenin oder Adolf Hitler, habe nicht wirklich etwas gebracht. Man müsse sein Erbe geordnet weiter geben, um die eigene Gesellschaft bewahren zu können.

Wir müssen nicht ins Ausland gehen, um neue revolutionäre Beispiele im eigenen Land zu finden, welche die Aufgabe von Bewährtem verlangen:

• Im Kanton Schwyz findet soeben eine katholische Reformationsbewegung statt, die sich von den schweizerischen Bischöfen nicht mehr beeindrucken lässt. Der neue Zwingli heisst Werner Inderbitzin und ist kantonaler Präsident des Kirchenvorstands.

• Staatssekretär Yves Rossier betreibt für seinen Chef, Bundesrat Didier Burkhalter, den „schleichenden Beitritt“ zur EU. Dieser Meinung ist nicht nur Dr. Christoph Blocher, der 2016 noch einmal wiederholen möchte, was ihm 1992 gelungen ist: Der Aufstand des Schweizer Stimmbürgers gegen Berner Direktiven.
Wenn Sie zum liberalen Teil des Schweizer Volks gehören, der die Rechte des Individuums höher einschätzt als diejenige von Familie und Talgemeinschaft, müssen Sie die grosse Europäische Revolution weiter betreiben: Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit (im Konsum). Gehören Sie zum eher konservativen Teil des Schweizer Volks, müssen Sie Blocher wie Sloterdijk recht geben und der Erhaltung Ihres geistigen wie materiellen Besitzes den Vorrang geben.

Im Augenblick sieht es so aus, als würde unter Führung der grossen Weltkonzerne und Banken die Liberalisierung und, damit verbunden, Auflösung der „alten Schweiz seit 1848“ auf der politischen Fahrbahn rasch voran kommen. Dann wäre Christoph Blocher nur ein Reflex von Vergangenem. Gelingt es ihm, wie Thomas Minder auch, die Räder des Fortschritts anzuhalten? Auch Peter Sloterdijk sieht schwarz: Ohne einen Zusammenbruch der Gesellschaft sei eine Umkehr nicht möglich.

Lenin hätte ihm aus seiner Zürcher Stube der Familie Kammerer geantwortet: Der Zusammenbruch der Gesellschaft ist eine ausschliesslich bürgerliche Vorstellung, die sich einen wahren Fortschritt nicht vorzustellen vermag und alles tut, um ihn zu verhindern.

So kämpfen in diesem Sommer nicht nur die Römisch-Katholischen um unsere und ihre Seele (die Reformierten sind im Begriff, sich selber zu versenken), sondern die Liberal-Fortschrittlichen um unseren Glauben an die Vorzüge der Marktwirtschaft, während die Konservativen, angeführt von Meisterdenker Peter Sloterdijk, der uns über 60jährigen den Spiegel vorhält, uns zur Umkehr auffordert.

Mir graut ein wenig.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

 

 

Sollen Frauen wirklich „heulen“?

Klaus Stöhlker

Klaus J. Stöhlker*

Die Schweiz ist ein wirtschaftlich sehr erfolgreiches Land und hat nur wenige Frauen in Spitzenpositionen der Wirtschaft. Frankreich ist ein wirtschaftlich eher zusammen brechender Staat, wo die Frauen per Gesetz und Quote in Spitzenpositionen der Unternehmen berufen werden müssen. Das gilt auch für Norwegen, aber dort wird noch 30 Jahre die Ölschwemme aus der Nordsee alle Fehler, die man sonst macht, wegspülen. Das skandinavische Land schwimmt in Öl-Euros.

Es stimmt, Frauen sind in den Verwaltungsräten und Generaldirektionen unserer grossen Schweizer Firmen stark untervertreten. Sie stossen dort gegen „eine Glasdecke“, wie Bundesrat Johannes Schneider-Ammann von seiner seco-Chefin in der aufwändigen Zeitschrift „Volkswirtschaft“ schreiben lässt.

Dies ist noch einigermassen gesittet formuliert; anders aber in der freien Marktwirtschaft der Schweizer Redaktionen. Karin Baltisberger, die Nachrichtenchefin des „SonntagsBlick“, Untergebene von Christine Maier, der hoch emanzipierten Chefredaktorin des nämliches Blattes, fordert ihre Leserinnen auf, „lauter zu heulen“.

Was soll denn das? In den Schweizer Unternehmen, die oft toll geführt sind, braucht es weder Heulsusen noch Heulweiber, sondern fleissige und intelligente Frauen, die den Karriereweg nach oben nicht scheuen. Natürlich gibt es Zehntausende gut ausgebildeter, talentierter und fleissiger Frauen in unserem Land, die oft mehr bringen als abgeschlaffte Männer, welche die Büros besetzt halten, aber wie man Chef wird, haben sie nicht gelernt. Es ist die härteste Schule überhaupt, welche die Schweiz zu bieten hat.

Im globalen Wettbewerb, und nur darum geht es, müssen Frauen bereit sein, alles zu geben. Barbara Kux, die ihren Weg von McKinsey zu Siemens und Total machte, ist ein solches Rollenmodell. Was aber unsere Schönheitsköniginnen als Leiterin eines Filmfestivals oder Verwaltungsrätinnen grosser Schweizer Verlage betrifft, wohl eher nicht. Das sind keine wirklichen Unternehmerinnen, sondern intelligente und gut repräsentierende Frauen, die hoffentlich ein wenig Leben in die Männerbude bringen.

Es geht also nicht ums „Heulen“, sondern mehr um konkrete Leistung.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

 

Gebildete alte Menschen gegen dumme Jugend?

Klaus Stöhlker

Klaus J. Stöhlker*

Nun haben die Mehrheit der Kantone und der Schweiz. Lehrerverband den hehren Beschluss gefasst, die Schnürlischrift abzuschaffen. Es genüge für die Sprach-und Rechtschreibe-Kompetenz der jungen Schweizerinnen und Schweizer, wenn sie eine neue „Grundschrift“ beherrschen, eine Art Druckschrift. In Deutschland und Österreich trägt man sich mit den gleichen Absichten, wobei man sich über die Konsequenzen nicht einig ist und auch auf Pilotversuche verzichten will.

Ziel dieser Programme ist es, die Schüler möglichst früh zum Schreiben auf der Computertastatur zu bewegen oder gleich ganz auf jede Art von Handschrift zu verzichten. Das Tippen auf dem iPad ist der Traum unserer Lehrer, von denen jeder vierte ohnehin bereits einen Burnout haben soll, was offensichtlich deren analytische Fähigkeiten beflügelt hat. Unsere Kinder und Enkel sollen in Steve Jobs-Schulen gehen, wo sie zu Marionetten der IT-Branche erzogen werden, die in der „Cloud“ leben, aber nicht Engeln gleich, sondern wie programmierte Monaden, die fröhlich lächeln ob der „coolen Welt“, in welcher sie leben dürfen.

Sie haben es schon gespürt: Ich bin dagegen. 30% aller Schweizer, Deutschen und Österreicher sollen noch in der Lage sein, einigermassen intelligent geschriebene Texte zu lesen. Die anderen 70%, von den mindestens 15% offiziellen Analphabeten einmal abgesehen, werden nun aufgegeben. Achten Sie auf ein Detail: Ohne gebildete Bürger, die in einer Zeitung mehr als die Todesanzeigen und den Sportteil lesen, gibt es auch keine Demokratie.

Ältere Menschen von hohem Bildungsgrad erwerben nun einen Bildungsvorsprung vor ihren Enkeln und Grossenkeln. Sie wissen noch, wie die Gedanken fliegen, wenn sie mit der Hand einen Brief schreiben. Ihre Nachfahren senden ein EMS und twittern auf 140 Zeilen. Gefühle werden mit Icons ausgedrückt.

Die echter Bildung zugeneigten Lehrer werden in Privatschulen flüchten müssen. Wer in seiner Familie auf sich hält, bringt seine Kinder in solche Schulen. Wir haben dann eine Zweiklassen-Gesellschaft, ganz wie zur Apartheid in Südafrika. Dort durften die Schwarzen in den Schulen auch nur maximal 800 Wörter lernen. Es reichte zum Putzen, Kochen und Einkaufen.

Es ist die ältere Generation, die den Niedergang des Schweizer Bildungssystem erlebt und nicht verhindert hat. Mit dem Bologna-System, wo es nur Bachelors und Master gibt, zerbrachen jene Strukturen, welche die Schweiz gross gemacht haben. Ein duales System für  Analphabeten und Schreibschwache macht auch wenig Sinn, jedenfalls nicht, wenn wir Denken und Kreativität vom Einzelnen verlangen, wie Bundesrat Johannes Schneider-Ammann es salbungsvoll verlangt hat. Kein Wunder, dass die Firmen dann qualifizierte Ausländer aus aller Welt holen.

Es ist traurig, was der Schweizer Staat mit unseren Kindern und Enkeln macht. Wer genügend Geld hat, wird sie auf Privatschulen senden, wo man das ganze Wissen erwirbt und nicht Teile davon. Die gebildeten „Grosis“ stehen dem machtlos vis-à-vis, denn nicht nur die bürgerlichen Politiker unterstützen dies, sondern auch die Sozialdemokraten und Grünen, weil sie dem „Fortschritt“ huldigen. Es ist zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH