Weichen führen auch lange Gleise zusammen

Ilse Oehler

Ilse Oehler

Da laufen zwei Schienenstränge durch die Welt. Sie verlaufen nebeneinander, und doch streng voreinander getrennt.

Ich erinnere mich an Aussagen im Elternhaus. In unserer politischen Gemeinde gab es konfessionell getrennte Schulen vom Kindergarten bis zur Oberstufe (damals Abschlussklasse). Hier westlich die katholische, dort östlich die evangelische Schule. Konsterniert darüber, weil meine Jugendfreundin nicht die gleiche Schulbank mit mir teilen durfte. Hinterfragt habe ich die Welt und lag Vater und Mutter in den Ohren. Die Antwort blieb für ein Schulkind unverständlich kompliziert. So funktionierte nicht nur mein Elternhaus, das ganze Dorf, alle. Früh wurde man unbemerkt auf eine Schiene gestellt, politisiert.
Etwas später spitzte ich Grünschnabel die Ohren besser. «Ja, die Evangelischen, sie schauen nur auf Bildung, Ausbildung ihrer Eigenen, und die Katholischen kommen zu kurz.» Aufgefallen ist, dass immer von Evangelischen gesprochen wurde, jene aber sprachen von «reformiert». Als Primarschülerin blieb ich beim Nachdenken, gab es doch in der ganzen Breite keine Aufklärung. Kommt reformiert von reformieren, etwas verbessern, erneuern? Warum gibt es keine Verbesserung, eine Erklärung? Auch keine darüber, dass nur innerhalb der gleichen Konfession geheiratet wurde. Nichts wurde ausgesprochen, nichts diskutiert mit einem neugierigen Schulkind. Die Kinderschar war gross, das Problem scheinbar grösser. Ist das die Diplomatie der Erwachsenen? Das Positive daran: Ich wurde neugierig nach Wissen.
Der einflussreichste Steuerzahler war ein Reformierter, der grosse Wirtschaftskapitän, Wohltäter, für viele ein Übermensch. Er brachte Arbeit ins arme Rheintal: der Industrielle Max Schmidheiny.
Wo Gleise über wichtige Weichen zusammengeführt werden wollen, wirkt Wissen um Kulturentwicklungen bei Ortsgeschichten schöpferisch.
Ein Sohn des reformierten, jenem gesegneten Primarlehrer, dem späteren Gemeindammann und Sozialdemokrat, erzählte kürzlich dies. Die Gemeinde sei leider die letzte im Kanton gewesen, die die Hürden um einiges verzögert nahm, beide Schulgemeinden zu fusionieren. Der eine Part wollte unter keinen Umständen eine Steuererhöhung. Den nicht über den eigenen Horizont hinaus denkenden Bürgern war das eigene Portemonnaie viel näher als gemeinsame Bildung der Schulkinder durch Modernisierung des Schulsystems.
Ist das gelebte Zeitgeschichte von vorgestern? Die heutige schreiben wir laufend, sie ist komplex wie die vergangene. Die Meinungsbildung ist offener und kompromissbereiter. Ist dem so?
«Was ist in Ihren Augen das höchste Ziel der Bildung?» fragt Mathias Morgenthaler. Ken Robinson: «Dass die jungen Menschen nicht nur mit Wissen abgefüllt werden, sondern auch eine Ahnung davon erhalten, was in ihnen steckt und was durch sie in die Welt kommen könnte».
http://www.beruf-berufung.ch/inspiration/interviews/ken-robinson

 

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