Archiv für den Monat: Juni 2014

Vom Morgenrot zur Dämmerung

Klaus Stöhlker

Klaus J.Stöhlker

Unsere jetzt noch gültige Nationalhymne, die unsere Fussballer in Brasilien so wenig singen wie sie gewinnen können, beginnt mit dem Morgenrot. Wer den Gang der Dinge in unserem Land aufmerksam beschäftigt, kann auf den Gedanken kommen, Abendrot sei angesagt.

Schon geht es in unserer besten Demokratie aller Zeiten zu wie im heutigen Ägypten: Was das Volk abstimmt, wird von der Regierung nur äusserlich ernst genommen, vom Inhalt her aber radikal bekämpft. Wer gegen die Masseneinwanderung gestimmt hat, wird bei uns, wie in Ägypten der Fall, nicht unter Todesstrafe gestellt, sondern muss ohnmächtig zusehen, wie die politische Linksfront den Volkswillen verzerrt. Dazu passt, dass der Bundesrat der Bundesverwaltung, vertreten durch die Bundeskanzlerin, offensichtlich grünes Licht gegeben hat, eine Studie auszuarbeiten, wie man den Willen des Volkes künftig brechen kann, dies ganz nach dem Motto „Internationales Recht bricht Schweizer Recht“. Das bedeutet eine frühe Dämmerung der Schweizer Demokratie nach 170 Jahren, wo sich der Wille des Schweizer Volkes von dem seiner Herrschaften – auch mit Unterstützung der napoleonischen Verwaltung – befreien konnte.

„Trittst im Abendrot daher…..“ wäre sicher eine hoch aktuelle Textvariante für die neue Schweizer Nationalhymne.

Die politische Schweiz, angeführt von ihrer Finanzministerin zur Auflösung des Finanzplatzes, Eveline Widmer-Schlumpf, will Offenheit nach aussen und innen. Die in den letzten Monaten sehr dünn gewordene hohe Magistratin kann sich nicht vorstellen, wie man  in der Schweiz etwas kaufen und mit Fr. 100 000.—bar bezahlen könne. Sicher, im verarmenden Graubünden kommt dies selten vor, aber in Genf, Luzern und Zürich nicht. Bundesrat Johannes Schneider-Ammann, seines Zeichen Wirtschaftsminister, der vor allem Arbeitsplätze in der Verwaltung und im staatsnahen Gesundheitsbereich schaffen hiess, setzt „auf die Kreativität der Unternehmer“, ältere Arbeitskräfte wieder einzugliedern. Das heisst, eigentlich möchte er dafür nichts tun. Die anderen Bundesräte mit ihren speziellen Talenten sparen wir uns ein wenig auf. Was sie leisten, wird mehr vom VPOD als von der économiesuisse und der Schweiz. Bankiervereinigung verteidigt. Der Staat verteidigt die Schweizer Burg, um sie dann später geordnet den neuen EU-Chefbeamten in Brüssel zu übergeben. Abendrot.

 

Weichen führen auch lange Gleise zusammen

Ilse Oehler

Ilse Oehler

Da laufen zwei Schienenstränge durch die Welt. Sie verlaufen nebeneinander, und doch streng voreinander getrennt.

Ich erinnere mich an Aussagen im Elternhaus. In unserer politischen Gemeinde gab es konfessionell getrennte Schulen vom Kindergarten bis zur Oberstufe (damals Abschlussklasse). Hier westlich die katholische, dort östlich die evangelische Schule. Konsterniert darüber, weil meine Jugendfreundin nicht die gleiche Schulbank mit mir teilen durfte. Hinterfragt habe ich die Welt und lag Vater und Mutter in den Ohren. Die Antwort blieb für ein Schulkind unverständlich kompliziert. So funktionierte nicht nur mein Elternhaus, das ganze Dorf, alle. Früh wurde man unbemerkt auf eine Schiene gestellt, politisiert.
Etwas später spitzte ich Grünschnabel die Ohren besser. «Ja, die Evangelischen, sie schauen nur auf Bildung, Ausbildung ihrer Eigenen, und die Katholischen kommen zu kurz.» Aufgefallen ist, dass immer von Evangelischen gesprochen wurde, jene aber sprachen von «reformiert». Als Primarschülerin blieb ich beim Nachdenken, gab es doch in der ganzen Breite keine Aufklärung. Kommt reformiert von reformieren, etwas verbessern, erneuern? Warum gibt es keine Verbesserung, eine Erklärung? Auch keine darüber, dass nur innerhalb der gleichen Konfession geheiratet wurde. Nichts wurde ausgesprochen, nichts diskutiert mit einem neugierigen Schulkind. Die Kinderschar war gross, das Problem scheinbar grösser. Ist das die Diplomatie der Erwachsenen? Das Positive daran: Ich wurde neugierig nach Wissen.
Der einflussreichste Steuerzahler war ein Reformierter, der grosse Wirtschaftskapitän, Wohltäter, für viele ein Übermensch. Er brachte Arbeit ins arme Rheintal: der Industrielle Max Schmidheiny.
Wo Gleise über wichtige Weichen zusammengeführt werden wollen, wirkt Wissen um Kulturentwicklungen bei Ortsgeschichten schöpferisch.
Ein Sohn des reformierten, jenem gesegneten Primarlehrer, dem späteren Gemeindammann und Sozialdemokrat, erzählte kürzlich dies. Die Gemeinde sei leider die letzte im Kanton gewesen, die die Hürden um einiges verzögert nahm, beide Schulgemeinden zu fusionieren. Der eine Part wollte unter keinen Umständen eine Steuererhöhung. Den nicht über den eigenen Horizont hinaus denkenden Bürgern war das eigene Portemonnaie viel näher als gemeinsame Bildung der Schulkinder durch Modernisierung des Schulsystems.
Ist das gelebte Zeitgeschichte von vorgestern? Die heutige schreiben wir laufend, sie ist komplex wie die vergangene. Die Meinungsbildung ist offener und kompromissbereiter. Ist dem so?
«Was ist in Ihren Augen das höchste Ziel der Bildung?» fragt Mathias Morgenthaler. Ken Robinson: «Dass die jungen Menschen nicht nur mit Wissen abgefüllt werden, sondern auch eine Ahnung davon erhalten, was in ihnen steckt und was durch sie in die Welt kommen könnte».
http://www.beruf-berufung.ch/inspiration/interviews/ken-robinson

 

Was machen Sie mit Ihrem Vermögen?

Klaus Stöhlker

Klaus J. Stöhlker*
Wir sind ein wunderbares Land, denn während viele Menschen klagen, wie fürchterlich das Leben geworden ist, werden wir immer reicher. Jetzt sind 300 000 Menschen in der Schweiz Vermögensmillionäre in US-Dollar gerechnet – ohne Häuser und Wohnungen, Schmuck und Kunstwerke. Diese 300 000 Schweizerinnen und Schweizer sind meist über 55 Jahre alt. Werden sie einmal pensioniert, steigt das Vermögen weiter an.
Was machen Sie mit Ihrem Vermögen? Haben Sie Angst, 100 Jahre alt und arm zu werden? Oder vermachen Sie es der Schweizerischen Herzstiftung, dem Verkehrshaus in Luzern, das dringend Geld von Stiftern braucht, oder dem Zürcher Zoo, der in Millionen nur so schwimmt?
Es kommt noch besser: Gemäss der offiziellen Steuerstatistik des Bundes haben wir mindestens 10 500 Menschen in unserem Land, die ein Reinvermögen von 10 Millionen Franken und mehr versteuern. Nur zehn Prozent dieses Geldes geht im Rahmen von Erbschaften an Nichtverwandte oder Organisationen. Das ist nicht wenig, sieht man die Milliarden, die auf diesem Weg an die nächste Generation weiter geleitet werden.
Die jetzt über 60jährigen haben noch die arme Schweiz des letzten Jahrhunderts erlebt. Sie, ihre Eltern und Grosseltern, haben oft jeden Rappen auf die Seite gelegt, haben, oft erschöpft, rund um die Uhr gearbeitet. Jahrelang und ohne Ferien wurden, Schritt für Schritt, Vermögen aufgebaut.
Die jetzige Generation der unter 40jährigen will vor allem eines: konsumieren. Viele junge Schweizer haben aufgrund der Arbeit ihrer Vorfahren einen Lebensstandard, um den sie nie kämpfen mussten. Sie gehen mit dem Ego von bereits Besitzenden in die Verhandlungen und erzielen deshalb sehr oft nicht die besten Resultate. „Wer hungrig und intelligent ist, ist der beste Berater“, das wussten schon die Personalchefs von McKinsey, der berühmten Beratungsfirma.

Wenn FIFA-Präsident Sepp Blatter der Stadt Zürich ein FIFA-Museum schenkt und Dr. Christoph Blocher dem Kanton Zürich hilft, das Kloster Rheinau zu sanieren, sind dies beispielhafte Taten. Wenn eine reiche Erbin aus Winterthur ein Magazin finanziert und eine andere reiche Erbin aus Basel eine Internet-Zeitung, kann man dies nur begrüssen. Man sollte sein Geld, wenn überhaupt, für ganz konkrete Projekte ausgeben, die man auch persönlich kontrollieren kann. Ich kenne einen sehr wohlhabenden älteren Ingenieur, der in Nordwest-Indien die Einrichtung dringend notwendiger neuer Wasserstellen finanzierte. Als sie gebohrt waren und Wasser gaben und er mit seinem Team wieder abreiste, schütteten die Wasserverkäufer, die mit Lastwagen kamen, die Brunnen wieder zu. Sie wollten ihr Geschäft nicht verlieren.
Die Erbschaftssteuer steht, wieder einmal, vor der Tür. Ich glaube keine Sekunde, dass das Schweizer Volk diese an der Urne annehmen wird. Es ist das Volk, der Mittelstand, welcher in unserem Land mit Steuern, Gebühren, z.B. der SRG, und Bussen am meisten abgeschöpft wird. Der Zürcher Kleinbanker und SVP-Nationalrat Thomas Matter will nun, dass der Steuerzahler auch für Strafzahlungen der Grossbanken in Milliardenhöhe aufkommen soll. Genug ist genug. Gerade die Älteren unter uns haben nicht nur ihr Geld redlich verdient, sondern auch viele und hohe Steuern bezahlt. Niemand, weder Politiker, Gesundbeter noch Kinder, auf die kein Verlass ist, vor allem aber nicht der Staat, sollen davon profitieren.
*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Ist den Jungen zu trauen?

Klaus Stöhlker

Klaus J. Stöhlker*

Ein alter Mensch tut gut daran, nur wenigen wirklich zu vertrauen. Das ist zwar schade, denn als Mensch wächst man sozial und intellektuell am besten im Kontakt mit anderen Menschen. Dies ist allerdings mit Risiken behaftet.
Was alle Menschen von alten Menschen in erster Linie wollen, ist ihr Geld. Die über 60jährigen sind die reichsten Schweizer überhaupt. Über 800 000 vorwiegend ältere Schweizerinnen und Schweizer versteuern ein Vermögen von über einer Million Franken, über 10 000 ein Vermögen von über 10 Millionen Franken. Es lohnt sich daher, mit diesen alten Leuten Kontakt aufzunehmen. Das gilt nicht nur für Enkelbetrüger.

Wichtig ist die Antwort auf die Frage, ob man Bankern, die früher einmal Bankiers waren, oder Politikern vertrauen kann. Ich rate in beiden Fällen zu extremer Vorsicht und unter Umständen doppelter Kontrolle. Ich habe zu viele alte Menschen gesehen, die auf Empfehlung ihres Bankberaters Hypotheken auf das Haus aufgenommen haben, um es dann irgendwo an den Börsen zu verspielen. Oft war dann auch das eigene Haus weg.

Sind unsere Politiker besser? Der bekannte Banker Oswald Grübel (CEO CS und UBS) sagte dieser Tage: „Wer den Schaden trägt, ist heute schon klar: Das Volk. Das war schon immer so bei politischen Fehlentscheiden.“ Er hat recht, denn es ist unglaublich, was sich unsere Bundesräte, Spitzenpolitiker und Nationalbankführungen leisten dürfen, ohne zur Rechnung gezogen zu werden. Hans-Rudolf Merz wollte das Schweizer Bankgeheimnis bis zur letzten Patrone verteidigen, Ueli Maurer gab als VBS-Chef Millionen aus für eine missglückte Gripen-Beschaffung. Was Doris Leuthard als Energieministerin bisher leistete, hat das Schweizer Volk Millionen gekostet.

Bleibt nur die Jugend; dürfen wir dieser vertrauen? Früher hätte ich dies blind mit einem grossen JA beantwortet, aber heute nicht mehr. Sicher gibt es 30% tolle junge Menschen, denen ich Auto und Golduhr samt Hausschlüssel anvertrauen würde. Doch die anderen 70% sind unser Problem. Sie sind lässig bis träge und faul, leben auf Kosten ihrer Eltern oder der Partnerin. Jegliches persönliche Engagement über das absolut Notwendige hinaus geht ihnen ab. Ich kenne Eltern, die von ihren Kindern über Jahrzehnte hinweg regelrecht ausgenommen wurden. Die Eltern wissen nicht, wie sie diesen Forderungen ihrer eigenen Kinder begegnen sollen. Schliesslich kommt gerade von dieser Seite noch der verdeckte und offene Vorwurf: „Wir sind es, die Eure Rente finanzieren.“ Was die ältere Generation in die Jugend investiert hat, will niemand mehr wissen.

Was tun? Bleiben Sie misstrauisch, aber seien Sie nicht zu geizig im Umgang mit der Jugend. Geben Sie das Geld lieber den eigenen Enkeln als der Vogelwarte Sempach oder dem Hilfswerk für syrische Flüchtlinge. Wenn Völker sich selbst zerstören, soll man nicht zu viel Mitleid mit ihnen haben. Wir haben unsere gefährlichen Leidenschaften auch besiegen müssen. Deshalb sind wir als Schweizer derart innengesteuerte und selbstkontrollierte Menschen geworden.
*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

 

«Grenzen des Machbaren»

Ilse Oehler

Ilse Oehler

«Die Welt von oben zu sehen, das hat Bertrand Piccard schon als kleinen Jungen fasziniert. In bester Familientradition setzte er nicht nur seinen Traum vom Fliegen in die Tat um, sondern ging einen Schritt weiter als alle anderen. Ein Gespräch mit dem Mann, der Grenzen des Machbaren verschieben will.»

Das gewagte Abheben von Piccard in himmlische Höhen, wie er diese benennt, ging von SRF1 bewusst am „Auffahrtstag“ 2014 über den Äther. Aufflammten dabei bei mir auch Erinnerungen in den Sommer 1968, ein Jahr vor der ersten Mondlandung. Zwei Kinder. Zur Tochter/1966 gesellte sich Sohn/1968 soeben als frischer Weltbürger zu uns auf den Planeten, Hier die Sendung hören…

Es war üblich, das Auto, einen VW Käfer, vor der Garage zu waschen. Aufmerksam wurde ich als DRS-Autoradiozuhörerin bezüglich einer zukünftigen zivileren Gesellschaft im Bereich Ökologie- und Umweltschutz. Die verschiedenen weltweiten Strömungen spürte man auch in einer Schlafgemeinde vor den Toren einer Stadt. Die junge Generation stand im Umbruch. Was ist dann, wenn Kinder einen Beruf auswählen müssen, dann 17, 20 Jahre später? Was wird, wenn die Nahrung weltweit knapp werden sollte und die Strassen total überfüllt?
Der Mensch lebt nicht nur von Brot allein, auch von den Hoffnungsträgern, den Müttern und Vätern, von verantwortungsbewussten Menschen. Sehr nachdenklich ging ich zurück ins Haus, schaute aus dem Fenster in die Weite, ins Grüne, auf ein noch nicht besiedeltes Feld. «Ich würde Bauer werden, dann Helikopter fliegen. Als Bauer bin ich am Ball, mein eigener Herr und Meister, habe Respekt vor der Natur. Als Helikopterpilot bin ich dann flexibel.» Keinen allzu grossen Gedanken, wenn überhaupt, verschwendete ich wegen einer möglichen CO2-Verschmutzung. Verdrängt von jener in die Hochkonjunktur Hineingeborenen? Die N1 (heutige A1) wurde ja gerade geplant in unmittelbarer Nähe. Erst 19 Jahre später sollte sie dort dem Verkehr übergeben werden.

Diesen Gedanken, «was wenn, ich…», behielt ich im Schliessfach meines Herzens. Kinder im Umfeld gingen respektvoll und achtsam bei einer Bauernfamilie ein und aus. Die Frau des Bauern nahm die Kids oft mit dem Traktor auf das Feld mit. Wie muss die Welt in Ordnung gewesen sein. Die frische, noch warme und fein duftende warme Milch holten sie abends direkt ab Stall. Dann – der Schicksalsschlag. Der Bauer verunfallte tödlich bei einem Autounfall. Ein Ruhmesblatt gehört noch heute der Schulbehörde. Sie gewährte dem 3. Sekundarschüler unbürokratisch ein Timeout. Den noch in der landwirtschaftlichen Ausbildung stehende Bauernsohn, gerade Bauernknecht geworden, wurde dadurch tatkräftig unterstützt auf Hof, Feld und im Stall bis zur Regelung der Nachfolge. Eine Lebensschule für die beiden Jugendlichen.

Es gibt die offenen Grenzen des Machbaren in himmlischen Höhen und auf erdigem Grund.
Meine damaligen Gedanken hielt ich weiterhin tief verschlossen, heute würde ich sagen Vision. Sie hat sich erfüllt, Bauer, Helikopterpilot, Swissairpilot, anderweitig über den Wolken weltweit unterwegs. Bertrand Piccard setzt sich «mit Herz, Kopf und Hand» verantwortungsbewusst und vorbildlich für eine gerechtere Welt, eine bessere Zukunft ein. Lassen wir uns alle beflügeln. Der Pionier muss es wissen, dass es sich lohnt, wenn er aus diesen himmlischen Höhen auf uns herunter schaut. Vieles ist machbar.