Abschied von der alten Schweiz

Klaus Stöhlker

Gleich zwei Ikonen der Schweiz sind in den letzten Tagen zerbrochen: Das Schweizer Volk stimmte mit kräftiger Mehrheit gegen eine Armee-Vorlage, den Gripen. Die aus der Schweizerischen Kreditanstalt hervor gegangene Credit Suisse-Group, die zweitgrösste Schweizer Bank, bekannte sich in den USA vor ihren amerikanischen Richtern kollektiv eines Verbrechens schuldig. Die Ablehnung des schwedischen Einfach-Flugzeuges Gripen hat uns zwischen drei und sieben Milliarden Franken erspart. Die Schuldanerkennung der Spitzenbanker von der Zürcher Bahnhofstrasse kostet den Steuerzahler wahrscheinlich auch Milliarden Franken, denn der Bundesrat und das Parlament gestatten den Abzug solcher Sonderspesen vom Firmengewinn.

Zweimal mussten wir Abschied nehmen von der alten Schweiz, denn nicht einmal Bundesrat Ueli Maurer, der Chef des VBS, konnte uns nach seiner Niederlage sagen, was nun aus der Schweizer Armee werden soll. Immerhin, einflussreiche alte Offiziere der Schweizer Armee, denen Erfahrung nicht abzusprechen ist, arbeiten schon an einem neuen Armee-Leitbild. Was ein rechter Schweizer Mann ist, der kann auch selber denken und braucht keinen ehemaligen Bauernsekretär, um die Landesverteidigung wieder in Schwung zu bringen.

Dennoch, die Älteren von uns, die noch Dienst gemacht haben, oft tausende von Tagen, müssen sich fragen, warum? Sie bereiteten sich auf den Kampf gegen die Russen vor, diskutierten nächtelang, wo der Feind über den Bodensee kommen würde, liefen sich die Füsse wund und erlebten eine manchmal, nicht immer, herrliche Männerwelt, die heute verschwunden ist. Die Schweizer Armee ist heute nicht mehr verteidigungsfähig, auf keinen Fall vor acht Uhr morgens oder nach 17.00 Uhr. Die besten jungen Soldaten, wie ich vernommen habe, sind körperlich starke und motivierte Secondos, die der Generation der jungen Schweizer Erbengesellschaft im Dienst keinen Stich lassen.

Ebenso ernst ist die Lage bei der CS-Group, wo niemand richtig weiss, wie es weiter gehen soll. Die Bank, das muss einmal verstanden werden, ist nach dem UBS-Konzern die grösste Auslandbank in der Schweiz. Aktionariat und Konzernleitung sind unter der Kontrolle von Ausländern, die einige wenige Schweizer brauchen, um vor Ort, im Herkunftsland, noch glaubwürdig zu bleiben. Die Schweiz ist für beide Grossbanken ein hoch rentabler Markt mit einer sehr stabilen Kundschaft. Die grösste Schweizer Bank ist die von Dr. Pierin Vincenz aufgebaute Raiffeisen-Gruppe, die aber natürlich keine globalen Dienstleistungen erbringt, wie unsere Wirtschaft sie braucht.

Weil UBS und CS „to big to fail“ sind, zu gross, um sie im Ernstfall fallen zu lassen, muss der Schweizer Steuerzahler als letzte Instanz deren Überleben garantieren. Dies hat auch eine positive Seite, denn Novartis und Nestlé sind ebenso wenig schweizerisch wie die beiden Grossbanken. Unser Land ist längst zu einem „global hub“ geworden, der als A-Schweiz bezeichnet werden darf. Wer Giacobbo und Aeschbacher sieht, darf sich zur B-Schweiz zählen, die andere Bedürfnisse hat.
Nun, denken Sie in diesem Frühling etwas mehr über die Schweiz nach, wie sie wirklich ist. Wir müssen viele neue Antworten auf die Fragen finden: Wer regiert unser Land? Wer finanziert unser Land? Was ist noch schweizerisch oder sieht nur so aus?

Bleiben Sie fröhlich.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

 

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

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