Archiv für den Monat: Mai 2014

Abschied von der alten Schweiz

Klaus Stöhlker

Gleich zwei Ikonen der Schweiz sind in den letzten Tagen zerbrochen: Das Schweizer Volk stimmte mit kräftiger Mehrheit gegen eine Armee-Vorlage, den Gripen. Die aus der Schweizerischen Kreditanstalt hervor gegangene Credit Suisse-Group, die zweitgrösste Schweizer Bank, bekannte sich in den USA vor ihren amerikanischen Richtern kollektiv eines Verbrechens schuldig. Die Ablehnung des schwedischen Einfach-Flugzeuges Gripen hat uns zwischen drei und sieben Milliarden Franken erspart. Die Schuldanerkennung der Spitzenbanker von der Zürcher Bahnhofstrasse kostet den Steuerzahler wahrscheinlich auch Milliarden Franken, denn der Bundesrat und das Parlament gestatten den Abzug solcher Sonderspesen vom Firmengewinn.

Zweimal mussten wir Abschied nehmen von der alten Schweiz, denn nicht einmal Bundesrat Ueli Maurer, der Chef des VBS, konnte uns nach seiner Niederlage sagen, was nun aus der Schweizer Armee werden soll. Immerhin, einflussreiche alte Offiziere der Schweizer Armee, denen Erfahrung nicht abzusprechen ist, arbeiten schon an einem neuen Armee-Leitbild. Was ein rechter Schweizer Mann ist, der kann auch selber denken und braucht keinen ehemaligen Bauernsekretär, um die Landesverteidigung wieder in Schwung zu bringen.

Dennoch, die Älteren von uns, die noch Dienst gemacht haben, oft tausende von Tagen, müssen sich fragen, warum? Sie bereiteten sich auf den Kampf gegen die Russen vor, diskutierten nächtelang, wo der Feind über den Bodensee kommen würde, liefen sich die Füsse wund und erlebten eine manchmal, nicht immer, herrliche Männerwelt, die heute verschwunden ist. Die Schweizer Armee ist heute nicht mehr verteidigungsfähig, auf keinen Fall vor acht Uhr morgens oder nach 17.00 Uhr. Die besten jungen Soldaten, wie ich vernommen habe, sind körperlich starke und motivierte Secondos, die der Generation der jungen Schweizer Erbengesellschaft im Dienst keinen Stich lassen.

Ebenso ernst ist die Lage bei der CS-Group, wo niemand richtig weiss, wie es weiter gehen soll. Die Bank, das muss einmal verstanden werden, ist nach dem UBS-Konzern die grösste Auslandbank in der Schweiz. Aktionariat und Konzernleitung sind unter der Kontrolle von Ausländern, die einige wenige Schweizer brauchen, um vor Ort, im Herkunftsland, noch glaubwürdig zu bleiben. Die Schweiz ist für beide Grossbanken ein hoch rentabler Markt mit einer sehr stabilen Kundschaft. Die grösste Schweizer Bank ist die von Dr. Pierin Vincenz aufgebaute Raiffeisen-Gruppe, die aber natürlich keine globalen Dienstleistungen erbringt, wie unsere Wirtschaft sie braucht.

Weil UBS und CS „to big to fail“ sind, zu gross, um sie im Ernstfall fallen zu lassen, muss der Schweizer Steuerzahler als letzte Instanz deren Überleben garantieren. Dies hat auch eine positive Seite, denn Novartis und Nestlé sind ebenso wenig schweizerisch wie die beiden Grossbanken. Unser Land ist längst zu einem „global hub“ geworden, der als A-Schweiz bezeichnet werden darf. Wer Giacobbo und Aeschbacher sieht, darf sich zur B-Schweiz zählen, die andere Bedürfnisse hat.
Nun, denken Sie in diesem Frühling etwas mehr über die Schweiz nach, wie sie wirklich ist. Wir müssen viele neue Antworten auf die Fragen finden: Wer regiert unser Land? Wer finanziert unser Land? Was ist noch schweizerisch oder sieht nur so aus?

Bleiben Sie fröhlich.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

 

Ein wenig Fett im Alter schadet nicht

Klaus Stöhlker

Wenn der Künstler H. R. Giger in seinem Haus von der Treppe herunter stürzt, um danach zu sterben, darf dies auf die Tatsache zurück geführt werden, dass er zu wenig Muskeln hatte. Seinem Körper fehlte die Kraft, das verlorene Gleichgewicht wieder zu gewinnen.
Wer als älterer Mensch länger leben will, muss deshalb auf zweierlei grossen Wert legen:

– Die Muskeln müssen ihn, auch in kritischen Situationen, halten und tragen können.
– Mit dem richtigen Essen bleibt er fit und wird nicht Opfer einer gefährlichen Nasch-Leidenschaft.
Wer sich die Mühe macht, die neuen Kochbücher zu studieren, die jetzt auf den Markt gekommen sind, wird zweierlei feststellen:

– Die Vegetarier und Veganer sind im Vormarsch. Ich rate aber davon ab, sich gerade als älterer Mensch diesen oft sektenhaften Bewegungen anzuschliessen, denn eine solche Ernährung verlangt viel Kontrolle. Sie ist nicht ohne Risiken.
– Die Freunde einer gesunden Fleischküche kommen weniger zu Wort, obwohl ich dies für ganz falsch halte. Der Mensch lebt seit 100 000 Jahren vom Verzehr von Fleisch; er braucht es auch heute noch, um gesund und aktiv alt zu werden.
Die deutschsprachigen Oberwalliser nennen die Deutschschweizer gerne „die Grünkackete“, dies aber nur dann, wenn keine „Üsserschwizer“ anwesend sind. Woher kommt dieser Ruf? Die Oberwalliser, ein starker Volksstamm im Herzen der Hochalpen, der heute noch 67 000 Menschen zählt, hat sich immer auch von Fleisch ernährt. Die harte Natur verlangt eine Zufuhr von gesundem Fleisch. Die Deutschschweizer, im Gegensatz dazu, essen viel Salat und Gemüse. Ergebnis: „Grünkackete“.

Weil ich gerne in der Westschweiz und im Tessin unterwegs bin, habe ich dort den Chüngel wieder entdeckt. Nach den hunderten von Poulets, die ich schon verdrückt habe, war der Chüngel für mich eine echte Entdeckung.

Das Kaninchen, wie der Chüngel auch genannt wird, wurde in der Deutschen Schweiz fast ganz vom Poulet verdrängt. Erst die sich häufenden Warnungen vor dem Genuss von Pouletfleisch, wenn dieses nicht perfekt zubereitet wird, haben mich dazu veranlasst, den Chüngel genauer zu studieren. Bei „Bü’s“ in der Zürcher Kuttelgasse, gleich neben der Bahnhofstrasse, stiess ich auf ein phantastisches Kaninchen-Carpaccio und liess mich von der Karte „Lapin et vin“ animieren. Das Fleisch war zart und schmackhaft, eigentlich ein kräftiger Verwandter des Pouletfleisches, das ich lange Jahre vergessen hatte. Entworfen hatte dies der bekannte Sternekoch Thuri Maag, den auch ältere Menschen noch in Erinnerung haben. Maag ist ein Vertrauenskoch der Migros, die ihm Zutritt zu ihren modernen Verkaufstempeln erlaubt. Die Migros ist der mit Unterstützung der Delimpex AG grösste Importeur von Chüngelfleisch in die Schweiz. Das Kaninchen, das wir dort erhalten, ist eigentlich ein Auslandschweizer. Es wird in Ungarn nach den Vorgaben der Schweizer Tierschutzverordnung gezüchtet und frisch, über Nacht, in die Schweiz transportiert.

Heute empfehle ich allen: Esst mehr Chüngel!

Sein Cholesteringehalt pro tausend Gramm ist der geringste neben Geflügel, Rind und Schwein. Menschen mit höheren Blutfettwerten werden sich darüber freuen. Wer Herz-Kreislauf-Probleme hat wird den Chüngel als Sicherheitsfaktor schätzen lernen. Sein Kalorien- und Natriumgehalt ist gering, Kalzium und Phosphor werden dem Körper zugeführt. Für ältere Menschen ist dies wichtig.

Wir sollten uns die Lust am Fleischessen nicht verderben lassen. Begegnen uns die schlanken Vegetarier und die hyperschlanken Veganer auf der Strasse, ist dies kein Signal, dass wir es ihnen nachmachen sollten. Ganz im Gegenteil: Wer als älterer Mensch ein wenig Fett auf dem Körper trägt, wird im Falle einer Krankheit mehr Energie zur Verfügung haben, um diese zu überstehen. Sie wissen es: Wer im Krankenbett schwach und dünn wird, hat nur noch die halben Überlebenschancen.
Wie heisst die Dreiheit des Erfolgs für ein langes Leben? Muskeln durch Training und Bewegung, gesundes Chüngelfleisch für die Organe und viel Lust an täglich neuem Erleben. Das gibt Energie.
*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

«Schlafen. Fressen. Stressen.»

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Der Alpstein bietet in aller Stille ein Szenario das Staunen hinterlässt.
Aktuell: Dokumentarfilm von Jost Schneider.

Zu beneiden sind sie, die Murmeltiere wegen ihrem ausgeklügelten System. Sensationell sind diese natürlichen Mechanismen. Eine Überlebensstrategie wird im Ober- und Unterbau vorgelebt. Einzigartig ist das Abtauchen, der totale Rückzug, ein Verschwinden in jene Auszeit von sechs, sieben Monaten bis zur vollen Wachheit, unmittelbar darnach. Kein Tageslicht, ohne Wecker, Uhr, weder von Hublot, Swatch, IWC noch anderer Marken. Störungsfrei ist der Tiefschlaf.

Hygiene ist einkalkuliert mit eins, zwei Kurzunterbrüchen für Toilettengang, um sich mulmig ins gemachte Nest zu verkriechen. «Hinter mir die Sintflut». Eine beneidenswerte Unbeschwertheit. Nicht einmal schwadronierende Einheiten über dem Säntis Revier wirken störend, vermutlich. Ein eigenes Heizsystem mit Qualitätslabel ist Komfort pur vom Feinsten für den verordneten Tiefschlaf. Enorm, diese Stille bis in den hintersten Winkel der feudalen, wohlig eingerichteten Behausung. Und es funktioniert mit der zentralen Steuerung und koordinierter innerer Uhr. Sensationell das Aufwachen, manierlich eins nach dem andern. Rasch sind sie fit allesamt nach Minuten parat: zum Fressen.

Ja, unsere Tierwelt und die Murmeli geniessen die besten Naturprodukte. Kräuter setzen enorm gesundes Fett an. Davon zehren sie sage und schreibe in der totalen Ruhephase. Hier sei uns der Futterneid erlaubt. Führungspotential ist ersichtlich. PFIFF! Schrill ist er, der uns bekannte Ruf – und er gilt. Auf dieses Kommando ist Verlass und das ganze Rudel «tout de suite» zusammen, dann, wenn Gefahr droht, Chefsache.

Der wahrnehmbare Blick eines Murmeltiers wirkt starr, voller Konzentration auf das Tagesgeschäft. Die konstruktive Zusammenarbeit beim Nestbau verläuft harmonisch, alle finden zur Aufgabe. Ein Aha-Erlebnis hinterlässt die Struktur der Eingangsverbauung. Nicht nur in unseren Wohnquartieren sind die schlauen, dreisten Diebe unterwegs. Eingeheimster Machtanspruch hinterlässt nicht nur bei den Murmeltieren tödliche Blutspuren. Die Kameraführung schwenkt den gestressten Zuschauer subtil auf unberührte, friedvolle Landschaften.

Die Evolution von Lebewesen: Charles Darwin (1809 / † 19. April 1882) http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Darwin

SRF Dok «Netz Natur»: Donnerstag, 22. Mai 2014, 20.05 Uhr
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Vor dem 18.Mai

Klaus Stöhlker

Klaus J. Stöhlker*

Als älterer Mensch, der viel zum Aufbau der heute reichen Schweiz beigetragen hat, muss man besorgt sein über die neuen Entwicklungen. Es gibt Gründe, misstrauisch zu sein; einige seien an dieser Stelle aufgeführt:

– Die privaten Pensionskassen, in welche wir alle fleissig einbezahlt haben, sind mit einem Deckungsgrad von über 100% gut finanziert. Besser könnte es immer sein. Aber die staatlichen Pensionskassen, obwohl wir Steuerzahler schon Milliarden in sie investiert haben, um Lücken zu decken, sind weiter in einem schlechten Zustand. Sie sind unterfinanziert. Das bedeutet nichts anderes, als dass wir für die ohnehin bestbezahlten staatlichen Angestellten und Beamten, die heute oft mehr verdienen als Menschen in der Privatwirtschaft, künftig noch mehr Steuern bezahlen müssen, um deren Altersferien in Thailand oder Spanien zu finanzieren.

–  Am 18. Mai sollen wir dem Kauf der schwedischen Gripen-Kampfflugzeuge zustimmen, was weitere 5-6 Milliarden Franken kosten wird. Sogar die Freunde des Gripen sagen nur: „Besser als nichts.“ Die Schweiz braucht einen Gripen so wenig wie U-Boote im Bodensee oder im Léman. Käme es zu kriegerischen Auseinandersetzungen, wären unsere Kampfflugzeuge im besten Fall nach 14 Tagen erledigt, zumal Bundesrat Ueli Maurer uns alle schon hat wissen lassen, wo er sie stationieren will. Achtung, Feind hört mit. Er wird bei einem Angriff nicht warten bis unsere Gripen, die keineswegs die schnellsten Kampfflieger sind, volle Flughöhe erreicht haben.

–  Von Links kommt der Vorschlag, ein monatliches Grundsalär von Fr. 4 000.—einzuführen. Derlei ist kompletter Unfug, können wir dann doch ganze Branchen abschaffen: Restaurateure, Coiffeure, Landwirtschaftsbetriebe. Das Gegenargument, man könne mit weniger Geld in unserem Land nicht mehr existieren, trifft nicht zu. Es gibt ausserhalb der urbanen Zentren genügend geeigneten Wohnraum auch für Menschen, die wenig Geld verdienen. Ein Menschenrecht auf den Besuch von Eventveranstaltungen gibt es so wenig wie ein Menschenrecht auf Ferien an teuren Orten im In- oder Ausland. Unsere Eltern und Grosseltern mussten auch sparen.

Uns Älteren kann man vorwerfen, wir hätten uns zu wenig um die bürgerlichen und linken Parteien gekümmert, welche diese sich verschärfende Misswirtschaft angerichtet haben. Das ist richtig, aber wir hatten wenig Zeit, weil wir arbeiten mussten, und die Parteien wollten nicht unbedingt neue aktive Mitglieder, welche die inneren Zirkel stören könnten. Jetzt haben wir den Salat, denn alles wird teurer: SBB, Energie, der Strassenverkehr und die Taxen auf die Zweitwohnungen. Viele Angehörige der älteren Generation, die nicht in teure ETF’s und Hedge Funds investieren wollen, weil sie richtigerweise annehmen, dies könne für sie riskant sein, werden ganz langsam ärmer. Den schmalen Erträgen auf den Sparkonti steht eine Inflation von 9,2% in den Jahren 2000-2011 gegenüber. Wer dann noch Bankgebühren und Steuern bezahlt hat, hat häufig zehn Minus-Jahre erlebt. Ich befürchte ganz einfach, man will uns, freundlich lächelnd, über den Tisch ziehen. Die alten gültigen Prinzipien von Treue und Anstand haben sich aufgelöst.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH