Überdruss ist normal – und zu verhindern

Klaus Stöhlker

Klaus J.Stöhlker*

„Ich bin der Menschen müde“, sagt der Arzt Sinuhe aus dem alten Ägypten 2500 vor unserer Zeitrechnung. Wer, wie dieser vom finnischen Schriftsteller Mika Waltari beschriebene Arzt, die Abenteuer seiner Zeit durchleben musste, will irgendwann seine Ruhe haben. Er zieht sich an die Küste des heutigen Roten Meeres zurück, dort, wo Samih Sawiris seine Tourismuszentren aufgebaut hat. Heute nennen wir dies Niedergeschlagenheit und depressive Verstimmungen. Die christlichen Wüstenväter in Nordafrika beschworen das Gleiche, die „Acedia“.

Niedergeschlagenheit und depressive Verstimmungen sind nicht nötig, wenn es im Familien- oder Freundeskreis stimmt und der Mensch eingebunden ist in eine kleine oder grössere Gruppe, die man als Verein oder Gesellschaft bezeichnen kann. Dem steht entgegen, dass viele unserer Familien eher chaotische Gemeinschaften sind, die mehr von der Gewohnheit als von der Leidenschaft zusammen gehalten werden. Es ist die Folge der wirtschaftlichen Globalisierung, denn die Menschen werden von den beruflichen Zwängen durch die Schweiz und die Welt gewirbelt. Wer sich nicht versetzen lassen will, dessen Karriere ist bald beendet. Noch schlimmer geht es heute und in Zukunft den urbanen Singles, die, solange sie noch Energie und Kraft haben, den Anschein eines selbständigen Lebens führen. Sofern ihre finanziellen Mittel die der durchschnittlichen Bevölkerung übersteigen, ist auch etwas Highlife in Davos oder Verbier möglich. Werden sie alt, ist die Depression nicht weit entfernt. Dann locken die humanen Entsorgungs-Institute. Der tröstenden Funktion der Staatskirchen wird auch immer weniger vertraut, denn deren „Menschenführer“, die Bischöfe, streiten sich. Was sich Pfarrer nennt, ist oft unreifes und rasch importiertes grünes Gemüse, dem Reife und Kenntnisse der lokalen Art abgehen. Den Trost in langen Streifzügen durch das Internet zu suchen, mag belebend sein, grenzt aber häufig an Suchtverhalten, zumal tiefere Einsicht in ein Thema nur wenigen Nutzern gelingt.

Was also tun? Da auf Menschen wenig Verlass ist, auch auf „die beste Freundin“ nicht, sind die Wonnen der Hochkultur immer noch der richtige Weg. Wer sich sein Leben lang nicht um Bach, Dvorak und Sibelius gekümmert hat, soll den steinigen Weg auf sich nehmen, deren Werke zu verstehen. Wer mit der Gegenwart nicht zurechtkommt, dem bietet sich immer noch die Geschichte als Weg der Erkenntnis. Es ist gewaltig, was heute in allen Weltsprachen an neuen Erkenntnissen über den Gang der Geschichte auf den Markt kommt. Am Ende steht die Stoa. Das sind die erst langen, dann kürzeren Märsche durch die „grüne Schweiz“, das Sitzen auf einer Bank, von der Sonne beschienen. Ruhe finden, heisst nicht, sich dem Tod zu nähern. Es ist ein Zustand des lächelnden Ernstes, wo der Buddha der Zenmeister sich der Gioconda nähert.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

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