Wut ist ein Menschenrecht

Klaus StöhlkerKlaus J.Stöhlker*. Wir alle sollten öfter wütend werden, denn das ist gut für die Gesellschaft und gut für den eigenen Kreislauf. Wo alle dahin dämmern und die Jugend ihre Zeit auf irgendwelchen Bildschirmen verliert, sollten gerade die älteren Menschen nicht immer nur nett sein, sondern mit einem Wutanfall deutlich machen, wo sie Grenzen setzen.

Der Prototyp des älteren Menschen ist der freundliche Grossvater, ein modern gekleideter Weihnachtsmann, der auch während des Jahres laufend Geschenke macht. Die Grossmutter ist grauhaarig (sind nur geliftete Grossmütter nervös?), freundlich und ermahnt die ganze Umgebung: Kommt früh nach Hause, seid nicht so laut, putzt die Schuhe und die Nase ab.

Meine Freunde, die Amerikaner, gehen noch weiter. Sie haben festgestellt, dass man im Alter die Tugend der Weisheit pflegen sollte. Warum? Wenn die Knochen und der ganze Körper gebrechlich geworden sind, könne man dies nur mit Weisheit überwinden. Das ist typisch amerikanisch, wo man überall den messbaren Nutzen sucht, ganz nach dem Motto „Wer nicht mehr laufen kann, soll wenigstens die Schönheit loben.“ Diese US-amerikanischen Gebrauchswissenschaftler haben keine Ahnung von der Schönheit echter Weisheit, die auch Menschen beflügelt, die noch als Baselball oder Rugby-Spieler körperlich eine Chance hätten. Die Weisheit der Stoiker, die lehren anzunehmen, was nicht zu ändern ist, erlebt seit einer Generation wieder eine Renaissance.

Dem steht die Erfahrung des Wutanfalls gegenüber. Er ist eine Granate, die gegen eine Wand des Unverstands mit dem Ziel geschleudert wird, diese zu durchdringen oder ganz zu bodigen. Ein Wutanfall, auch wenn er sein Ziel nicht völlig erreicht, ist in neun von zehn Fällen eine Entlastung für den ganzen Organismus. Der eine Fall, wo man vor Wut explodiert, ist natürlich ungesund und zu vermeiden.

Daher meine Empfehlung: Haben Sie Mut, den Rest der Mannschaft auf Distanz zu setzen, wenn es angemessen ist und die Chance eines Wandels zum Besseren besteht. Das gilt auch für den manchmal grossen Familienkreis, der mit Wünschen, Hoffnungen und Forderungen an uns Älteren herantritt, die wir manchmal als unangemessen bezeichnen müssen. Wütend darf man auch gegenüber einer Dienstleistungsfirma werden, die gegen viel sauer verdientes Bargeld den Anspruch erhebt, uns zu pflegen. Ist der Service mehrfach hintereinander schlecht, ist die Zeit der Ostergeschenke vorbei. Nicht jede Nachtschwester muss mit einem „Nötli“ versorgt werden, wird sie einmal heraus geklingelt.

Wer in solchen Fällen nach unten tritt, soll es vor allem auch nach oben tun. Wie man als alleinstehender Mensch im Gesundheitswesen zu oft abgefertigt wird, gerade von dem Managern der sogenannten Sozialeinrichtungen, geht oft auf keine Kuhhaut. Ein kräftiger Schlag auf die Tischplatte, aber bitte nicht jeden Tag, kann das Verhältnis Gast/Dienstleister wieder in das richtige Lot bringen. Sie sollten das einmal üben.

Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

 

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

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