Erleben Sie das „Miracle Suisse“?

Klaus Stöhlker

Klaus J. Stöhlker

Die erste Prüfung haben Sie bestanden: Sie verstehen die beiden französischen Worte in der Titelzeile. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn immer weniger Deutschschweizer verstehen ihre Miteidgenossen jenseits der Sarine. Verzeihung, schon wieder ein welscher Begriff, gemeint ist die hinter Bern verlaufende Saane, ein schöner Fluss.

Das „Schweizer Wunder“ war vor wenigen Tagen eine Sendung im französischen Fernsehen. Dort lobten die Berichterstatter den Wohlstand und die Innovationskraft des Schweizer Volks. Die Franzosen seien im Vergleich dazu Nullen.

Es fällt mir schwer, dem zu widersprechen, denn ausser französischen Waffen, Atomkraftwerken und einer sehr schlecht laufenden Automobilfirma, wo jüngst die Chinesen als Retter eingestiegen sind, fällt mir zur Technik aus der „Grande Nation“ wenig ein. Die französische Mode ist mit Karl Lagerfeld längst in deutsche Hände übergegangen. Nur die Hersteller von Käse und scharfen Schnäpsen fallen als Franzosen auf, denn die Weingüter gehören längst Asiaten,

Amerikanern oder arabischen Fürsten. Jede Regel kennt ihre Ausnahmen, wie AXA und Bouguyes, zwei grosse französische Finanzkonzerne, beweisen.

Erleben Sie, ja, ich meine Sie, das „Miracle Suisse“? Sind Sie Teil davon? Das würde mich sehr interessieren. Vielleicht haben Sie früher jene berühmten Maschinen gebaut, die wir in alle Welt geliefert haben? Oder jene Pharma- und Chemieprodukte entwickelt, welche viele in der Welt gesund und manche Schweizer Familie reich gemacht haben?

Ja, und mehr Ordnung als in Frankreich herrscht bei uns immer noch, trotz der Zuwanderung aus Frankreich und deren früheren Kolonien. Jedoch, seien wir nicht kleinlich, nur deutsche Gründlichkeit und amerikanisches Geplapper machen die Welt auch nicht besser. Es braucht jenen französischen Esprit, wie er in Zürich-Gockhausen am Lycée Français gelehrt und praktiziert wird. Die Nation Diderots und Talleyrands ist noch lange nicht erloschen, wie dort die besten Geister beweisen.

Ich befürchte allerdings, und möchte Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, den Tag damit nicht verderben, es stehe nicht mehr ganz so gut um das „Miracle Suisse“ als die Franzosen denken. Unsere schönsten grossen Hotels gehören Ausländern, die beiden Grossbanken sind unter arabischer oder asiatischer Kontrolle, unterstützt von Hedge Funds und ausländischen Pensionskassen. Die 70 grössten Schweizer Firmen sind alle unter ausländischer Kontrolle, hat alt Bundesrat Kaspar Villiger uns versichert.

Vielleicht ist das ein wirkliches Wunder: Wie sehr wir Ausländer bei uns integriert haben. Manche brauchen fünf Generationen, wie diejenige von Dr. Christoph Blocher, um sich an uns zu gewöhnen. Oder wir an sie. Wilhelm Tell war auch ein Ausländer, oder fast einer. Die einen sagen, er war ein Skandinavier, die anderen, er sei ein Abkömmling der Theler aus dem Oberwallis, die als Walser das alte Uri besiedelt haben.

Auch das ein „Miracle Suisse“, ist es nicht so?

 Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

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