Ilse Oehler

Lieber Haare auf den Zähnen …… als Rückstände auf den Lockenwicklern?

Nur schon meine Arbeit, Haarrückstände aus den Wicklern zu entfernen, gibt Anlass, sich wellenförmig in Erinnerung zu rufen wie der Tag abgelaufen und Gedankenmomente spielen sich ein. Und – es kann lustig und froh machen.

Was bewegte mich, bereits als junge Frau Zähne zu zeigen? Möglich, dass mich unmittelbar mein Spiegelbild mich in die Welt zurück versetzt, zu jenem Professor, frisch am Aufbau des Instituts an der Universität als seine persönliche Assistentin tätig. Der Arbeitgeber junger, wissenschaftlicher Assistenten, neben seiner Lehrtätigkeit auch aktiver Oberst im Generalstab der Schweizer Armee mit wirkungsvollen Forschungsprojekten im militärischen Umfeld. Entsprechend fanden Meetings im Bereich der Lehr- und Institutstätigkeit auf hohem Niveau in illustrer Gesellschaft an diesem grossen Tisch statt.

Anlässlich einer internen Besprechung mit Assistenten meinte der Professor zu mir: „Sie haben Haare auf den Zähnen“. Da stutzte ich. Er, der beinahe den Knigge 1:1 vorlebte, dazu augenfällig sparsam sich der kleinsten Bleistiftstümpel bediente, sagt dies völlig unverblümt. Mein Blick schweift in die Runde, stummes Verhalten im Raum. Provoziert mein Vorgesetzter oder was will er damit sagen? Nein, meinte er sofort lachend und entspannt: „Das ist ein grosses Kompliment an Sie“. Ja, damit ist umzugehen und biss mich von da an all die Jahre sorgfältig durch die Welt.
In einer Grossfamilie aufgewachsen gab die Mutter dort vornehm den Ton und den Takt an. Der Vater war nicht nur gross in Figura. Er unterstützte die anerkannte Führungsrolle seiner Frau, unserer Mutter. Was will ich andeuten, dass in einer 7-köpfigen Familie das Sichdurchbeissen – ohne bewusstes Zähnezeigen – früh ein Thema war, untergehen oder bestehen. Eine allgemeine Gleichschaltung junger Menschen, auch wie im Internat darnach, hat nie gefallen. Jedoch was dort beeindruckte, war die Disziplin im Alltag und, dass erst gelebte Individualität und Vertrauen einem jungen Menschen eine gesunde Basis beim Aufbau seiner Zukunft nützen kann.

FACTS:
Ja, heute sammelt Social Media gewinnorientiert weltweit Millionen Unentwegter ein. Sie bewegen sich wellen- und gleichstromförmig. Die Welt verlangt aber nach mehr differenziert handelnder, verantwortungsbewusster, grossartiger Menschen.
Individualität und Mainstream, beisst sich das? (http://de.wikipedia.org/wiki/Mainstream.) Dort liest sich von „Kulturdominanz“, spannenderweise auch von „Massengeschmack“.

Gesellschaft:
Früh beginnt deshalb was im Vaterland zum Wohle leuchten soll. Die Generation junger Erwachsener, Väter/Mütter, Grosseltern wollen immer wieder erinnert werden, wie wesentlich die ersten 5 Lebensjahre eines Kindes und die Schule für die Zukunft des einzelnen Menschen ist.
Unser Bildungswesen, Schulbehörden sind landesweit bis in die Gemeinden gefordert: Not ist am Mann. Denn gelingen muss der Balanceakt in Primar- und Oberstufen hin zum Doppelpaket: Wertvolle Lehrer und Lehrerinnen, unverwechselbare pädagogische Persönlichkeiten mit kommunikativer Handlungsstärke werden gefragt sein. Jedoch, ein Riegel muss heute geschoben werden, um auch die aufkommende Plage in den Griff zu bekommen, sprich: Jene vom Egotrip getriebenen Eltern, Väter und Mütter. Unverhältnismässig wird im Chor die Grenze des Mitspracherechts in den Schulen zum Teil respektlos überschritten. Dabei werden nicht nur die eigenen Kinder verunsichert, die Unruhe überträgt sich erweitert in die Schulzimmer. Ein Ansinnen, das rasant zunimmt und dem Bildungswesen sowie den betroffenen Lehrer und Lehrerinnen nicht weiter zugemutet werden kann.
Wirtschaft und Politik:
Rundum wird nach Menschen mit vernünftigem Einfluss gerufen. Bleiben wir am Ball. Stärken wir unser Bauchgefühl, unsere gesunde Wahrnehmung: Die zukünftigen Meinungsbildner, Entscheidungsträger, Männer und Frauen, sie sind unter uns. Werden wir diesbezüglich aufmerksamer.

Soziales:
Mein Zeugnis der Primarschule in den Händen sagte mein Vater vor meinen Geschwistern: „Im Rechnen hast du eine 1, im Singen eine 4, drum sing ich eins mit dir.“ War dies ein Wink mit dem Zaunpfahl: „Beiss dich durch, sonst bleibst du dumm und wirst nie erfolgreich?“ Oder möglicherweise? „Lass die Gier nach Geld, es gibt in deinem Leben auch andere Wertvorstellungen!“

Und das Ende meiner Tagesgeschicht‘: Dies alles nur wegen Lockenwicklern.

Zur Person:
Ilse Oehler, aufgewachsen im St. Galler Rheintal, pflegt als Vertrauensperson ein bewährtes, weitverzweigtes Beziehungsnetz aus ihrem beruflichen und persönlichen Umfeld. Ihr Hintergrund ist die langjährige Tätigkeit an der Universität St. Gallen, an der ETH Zürich, als Verwaltungsrätin in Unternehmen sowie in verschiedensten politischen und sozialen Organisationen.
Ilse Oehler wird von Organisationen und Unternehmen als Coach und Mentorin beigezogen wenn es darum geht, tragfähige Lösungen zu entwickeln und diese durch Erfahrung, Kompetenz, Kreativität und Kontakte zu fördern.

http://www.ilseoehler.ch

4 Gedanken zu „Lieber Haare auf den Zähnen …… als Rückstände auf den Lockenwicklern?

  1. Miller Martin

    Liebe Frau Oehler
    Mit grossem Interesse habe ich Ihren Block gelesen. Mir gefällt an Ihnen, dass Sie eben nicht nur auf die Zähne beissen, sondern immer eine grosse Lust versprühen, Ihre Meinung offen zu sagen. Sie teilen sich selbstbewusst mit. Wer die Zähne zusammenbeisst, der sagt nichts, der unterdrückt seine Meinung. ich habe auch nicht das Gefühl, dass Sie Haare auf den Zähnen haben, es ist leider bei Frauen kein Kompliment. man bezeichnet Frauen so, wenn diese sich Rechte anmassen, die ihnen nicht zustehen, so verstehe ich den Spruch. Männer, die sich von selbstsicheren Frauen bedroht fühlen, die nennen dann diese Frauen als Wesen mit Haaren auf den Zähnen, es sind Frauen, die sich anmassen, ihre angestammten Rolle als Frau nicht zu akzeptieren und wollen die Rolle des Mannes vereinnahmen. Der Professor hat sich süffisant verteidigt und ohne es zu merken seine Angst als grosser Dominator abgewehrt. Nun, wir haben am 15,3. genug Gelegenheit, darüber zu reden. Ich würde auf jeden Fall sagen, Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, das gefällt mir.

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  2. Alisa Frei

    Mir gefällt dieser Blog, weil er authentisch ist. Authentizität ist etwas Besonderes in einer auf Stromlinienförmigkeit angelegten Welt. Die Ausdrücke wie „Haare auf den Zähnen“ oder „sich durchbeissen“ sind vielleicht nicht die treffendsten Kurzfassungen dafür, aber sie signalisieren zweifellos Stehvermögen und Gradlinigkeit – genau die Eigenschaften, die die Blog-Verfasserin hervorragend charakterisieren!

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  3. Berti Portmann

    du hast mit Deinem Bericht den Nagel auf den Kopf getroffen. Genial geschrieben. Einfach grossartig. und dazu möchte ich Dir gratulieren.

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  4. Agnes Bischof

    Hoi Ilse,
    komme erst jetzt dazu dir zu antworten. Bin vor fünf Wochen gestürzt und habe mir einen Bänderriss zugezogen !
    Du hattest schon in der Schule den Mund nicht im Sack! Bravo, bei Dir weiss man woran man ist !
    Gruss Agnes

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