Der VR-Sessel ist kein Alterssitz

KJS4-2004-03Mit zunehmender Häufigkeit melden sich bei mir Führungskräfte, die älter als fünfzig Jahre sind. Sie haben fast immer das Ende einer mehr oder weniger erfolgreichen Karriere bereits hinter sich und bieten an: „Ich trage mich mit dem Gedanken, mein Wissen und meine Fähigkeiten in einen oder mehrere Verwaltungsräte einzubringen.“ Es sind meist ehrenhafte Menschen, die längst gespürt haben, dass sie das Tempo der Weltwirtschaft nicht mehr mithalten können. Sie haben während 25-30 Jahren eine anständige Karriere hingelegt, aber nirgendwo wirklich Besonderes geleistet. Eine neue Bewerbung auf dem gleichen beruflichen Niveau macht für sie keinen Sinn mehr. Sie sind es, ohne dies zu sagen, auch müde, von anderen, meist vorgesetzten Managern oder Unternehmern zermürbt zu werden. Knapp vor dem „burnout“ suchen sie den Sprung in den VR. Solche männliche Kandidaten, denn man findet praktisch keine Frauen mit vergleichbaren Plänen, gehen richtigerweise davon aus, dass es unter den 300 000 Schweizer KMU und Gewerbe-Betrieben eine ganze Menge geben muss, die nicht über die heute notwendige Erfahrung an oberster Stelle verfügen, einen Sprung vorwärts aus der höchst gefährlichen Routine zu machen. Sie wollen Retter sein und dafür auch anständig bezahlt werden. In neun von zehn Fällen misslingt dieser Ansatz, denn die Verwaltungsräte der Schweizer KMU, die meist familienbestimmt sind, stehen nicht nur vor grossen operativen Schwierigkeiten, sondern sind aufgrund ihrer Zusammensetzung von familiären Leidenschaften und Missverständnissen abhängig. Aus diesem Grund sind die dort angebotenen VR-Sessel kein Alterssitz mehr, sondern erfordern einen vollen Einsatz, der oft fast identisch ist mit dem, was eine klassische Geschäftsleitung bieten muss. Der zu höherem berufene Kandidat fällt also nicht auf das weiche Kissen einer sehr gut bezahlten Position, sondern muss häufig Dinge tun, welche eine Familien AG nicht gerne tut: Neu strukturieren, Personal abbauen, Sparprograme durchziehen, Partnerschaften suchen, unfähige Kader, die lange in der Firma sind, aussortieren.

Der Glaube ist falsch, damit verdiene man viel Geld. Wer als operativer Verwaltungsrat im Normalfall Fr. 60 000.—pro Jahr bezieht, darf schon glücklich sein. Meist muss er, das gilt gerade heute, mehr leisten als er es sich zeitlich vorgestellt hat. Golfausflüge fallen ebenso flach wie lange Ferien im Fernen Osten oder in Mittelamerika. Für einen erfahrenen Unternehmensberater gilt zudem: Ein Mandat ist kein Mandat, erst mit drei Mandaten dieser Art gewinnt man eine Gewisse Freiheit. Viele Klienten sind nicht treu, sondern rasch unzufrieden. Deshalb tun sich Aufträge suchende ältere Führungskräfte gerne in Rudeln zusammen, schliessen sich einer Seniorenberatung an und hoffen, möglichst viele Stunden und Tage verkaufen zu können. Auch das ist hartes Brot, denn die Infrastruktur einer solchen Organisation muss mitfinanziert werden. Das kann bis zu 50% der eigenen Honorare kosten. Was tun? Eine solche Zweitkarriere muss sorgfältig aufgebaut werden. Das Knowhow, welches man einbringen möchte, muss auf dem neuesten Stand sein. Ein frühzeitig aufgebautes gutes Netzwerk ist auf jeden Fall von Vorteil. Die Schweizer KMU sehnen sich nach guten Verwaltungsräten, die aber möglichst billig arbeiten sollen. Gleichzeitig werden von ihnen Leistungen innerhalb von „no time“ erwartet. Für viele sind Frustrationen angesagt; einige werden durchkommen.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsarbeit in Zollikon/ZH

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Über Klaus J. S.

Als Doyen der Schweizer PR-Branche hat Klaus J. Stöhlker die Technik der Kommunikation seit über 30 Jahren bedeutend beeinflusst. Die von ihm gewählten Formulierungen in Geschäftsberichten oder im Krisenmanagement sind vielfach legendär geworden. In Deutschland geboren, hat er nach Führungsfunktionen bei Farner und Wirz 1982 in Zürich die Stöhlker AG gegründet. Sie ist seither eine der erfolgreichsten PR-Agenturen der Schweiz geworden, die heute von seinen beiden Söhnen Fidel und Raoul Stöhlker geleitet wird. Für Stöhlker setzt sich erfolgreiche Kommunikation aus Sachverstand und Energie zusammen. Wenn Spitzenvertreter der Wirtschaft erklären, sie würden weder von Aktionären noch von Kunden oder Medien richtig verstanden, antwortet er: Passen Sie Ihre Botschaft den Zeitbedürfnissen an! Wer sich nicht rasch und schnell in voller Klarheit äussern kann, wird im Wettbewerb zurück fallen. CFO’s trainieren bei Stöhlker, wie man der „hard power“ der Facts die „soft power“ der geschickten Argumentation zur Seite stellt.

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