Archiv für den Monat: Januar 2014

Der VR-Sessel ist kein Alterssitz

KJS4-2004-03Mit zunehmender Häufigkeit melden sich bei mir Führungskräfte, die älter als fünfzig Jahre sind. Sie haben fast immer das Ende einer mehr oder weniger erfolgreichen Karriere bereits hinter sich und bieten an: „Ich trage mich mit dem Gedanken, mein Wissen und meine Fähigkeiten in einen oder mehrere Verwaltungsräte einzubringen.“ Es sind meist ehrenhafte Menschen, die längst gespürt haben, dass sie das Tempo der Weltwirtschaft nicht mehr mithalten können. Sie haben während 25-30 Jahren eine anständige Karriere hingelegt, aber nirgendwo wirklich Besonderes geleistet. Eine neue Bewerbung auf dem gleichen beruflichen Niveau macht für sie keinen Sinn mehr. Sie sind es, ohne dies zu sagen, auch müde, von anderen, meist vorgesetzten Managern oder Unternehmern zermürbt zu werden. Knapp vor dem „burnout“ suchen sie den Sprung in den VR. Solche männliche Kandidaten, denn man findet praktisch keine Frauen mit vergleichbaren Plänen, gehen richtigerweise davon aus, dass es unter den 300 000 Schweizer KMU und Gewerbe-Betrieben eine ganze Menge geben muss, die nicht über die heute notwendige Erfahrung an oberster Stelle verfügen, einen Sprung vorwärts aus der höchst gefährlichen Routine zu machen. Sie wollen Retter sein und dafür auch anständig bezahlt werden. In neun von zehn Fällen misslingt dieser Ansatz, denn die Verwaltungsräte der Schweizer KMU, die meist familienbestimmt sind, stehen nicht nur vor grossen operativen Schwierigkeiten, sondern sind aufgrund ihrer Zusammensetzung von familiären Leidenschaften und Missverständnissen abhängig. Aus diesem Grund sind die dort angebotenen VR-Sessel kein Alterssitz mehr, sondern erfordern einen vollen Einsatz, der oft fast identisch ist mit dem, was eine klassische Geschäftsleitung bieten muss. Der zu höherem berufene Kandidat fällt also nicht auf das weiche Kissen einer sehr gut bezahlten Position, sondern muss häufig Dinge tun, welche eine Familien AG nicht gerne tut: Neu strukturieren, Personal abbauen, Sparprograme durchziehen, Partnerschaften suchen, unfähige Kader, die lange in der Firma sind, aussortieren.

Der Glaube ist falsch, damit verdiene man viel Geld. Wer als operativer Verwaltungsrat im Normalfall Fr. 60 000.—pro Jahr bezieht, darf schon glücklich sein. Meist muss er, das gilt gerade heute, mehr leisten als er es sich zeitlich vorgestellt hat. Golfausflüge fallen ebenso flach wie lange Ferien im Fernen Osten oder in Mittelamerika. Für einen erfahrenen Unternehmensberater gilt zudem: Ein Mandat ist kein Mandat, erst mit drei Mandaten dieser Art gewinnt man eine Gewisse Freiheit. Viele Klienten sind nicht treu, sondern rasch unzufrieden. Deshalb tun sich Aufträge suchende ältere Führungskräfte gerne in Rudeln zusammen, schliessen sich einer Seniorenberatung an und hoffen, möglichst viele Stunden und Tage verkaufen zu können. Auch das ist hartes Brot, denn die Infrastruktur einer solchen Organisation muss mitfinanziert werden. Das kann bis zu 50% der eigenen Honorare kosten. Was tun? Eine solche Zweitkarriere muss sorgfältig aufgebaut werden. Das Knowhow, welches man einbringen möchte, muss auf dem neuesten Stand sein. Ein frühzeitig aufgebautes gutes Netzwerk ist auf jeden Fall von Vorteil. Die Schweizer KMU sehnen sich nach guten Verwaltungsräten, die aber möglichst billig arbeiten sollen. Gleichzeitig werden von ihnen Leistungen innerhalb von „no time“ erwartet. Für viele sind Frustrationen angesagt; einige werden durchkommen.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsarbeit in Zollikon/ZH

Mit 50 beginnt die Todeszone

PR Profi Klaus J. Stöhlker

PR Profi Klaus J. Stöhlker *

Wer die Chomolunga besteigen will, den höchsten Berg der Welt, den wir Mount Everest nennen, weiss, dass auf 8000 Metern die Todeszone beginnt. Wer dort persönlich oder mit der Ausrüstung einen Fehler macht, ist tot. Weil Nepal jetzt weitere 8000er zur Besteigung freigibt, um die Regierungskasse zu füllen, wird die Zahl der Toten zunehmen.

Nicht anders ist dies heute im oberen Mittelmanagement und im Topmanagement. Wer mit 50 Jahren nicht in einem Aufstiegskanal nach oben sitzt oder eine Führungsstufe erreicht hat, die ihn zum Entscheider über Leben und Tod macht, befindet sich in zunehmender Gefahr. Mit 50 beginnt im Management die Todeszone.

Bei uns, der Stöhlker AG, bewerben sich monatlich 2-3 Manager, oft Anfang 50, die eine neue Chance, „eine neue Aufgabe“, suchen. Schon der Einblick in ihre Lebensläufe zeigt, dass es sich um Männer oder Frauen handelt, die in ihrem Leben beruflich 8-12 gute Jahre hatten, dann aber einige Zeit von Beschäftigung zu Beschäftigung taumelten, die meist nach zwei Jahren zu Ende war. Sie schafften es nicht mehr, sich eine sichere Position zu verschaffen . Sie befanden sich bereits in der Todeszone.

Oft sind mir Menschen begegnet, gerade in Marketing und Kommunikation, die heute zu Modeberufen geworden sind, die bis zu ihrem 30. Lebensjahr gleichsam spielerisch lebten, dank ihres Charmes und ihrer „sozialen Intelligenz“ jeden Gesprächspartner „easy“ zu gewinnen vermochten, dann aber, wenn es um dauerhafte Leistung ging, versagten. Manche schafften es sogar bis Anfang Vierzig, aber dann brach die Berufswelt für sie definitiv zusammen. Viele wurden Aussteiger, noch ältere flüchteten sich in einen kurzfristigen „blackout“, noch mehr in einen einfachen „burnout“. Alle Fluchtwege bedeuteten nur eines: Todeszone erreicht.

Die ehrlichsten Headhunter rieten schon vor 20 Jahren jüngeren Führungskräften: „Bis 55 müsst ihr es geschafft haben.“ Sie meinen damit ein Vermögen und finanzielle Sicherheit. Heute muss man diese Schwelle angesichts der von der Globalisierung ausgelösten Entscheidungsgeschwindigkeit nochmals 5-10 Jahre tiefer ansetzen. Das ist natürlich traurig für viele Familienväter, die noch Kinder in der Ausbildung haben. Sofern sie nicht nennenswert geerbt haben, bleibt ihnen nur der Fleiss der Ehefrau oder (treuen) Partnerin als Zweitverdiener.

Wer nicht in diese Falle geraten will, muss spätestens mit 30 Jahren wissen, wo er beruflich erfolgreich sein will. Er muss mit 40 Jahren erste berufliche Höhepunkte gemeistert haben und mit 50 noch in bester geistiger wie körperlicher Verfassung sein, um weitere Angebote zu erhalten. Heinz Karrer, der Präsident der économiesuisse, ist der Musterfall eines solchen Karriereweges. Er, wie viele andere auch, jagen über die Langlaufloipen, klettern auf die höheren Berge, um ihre Fitness zu demonstrieren oder jagen ihre Edelvelos durch die Landschaft. Manchmal gibt es Opfer, die auf dem Mountainbike über den Hang abstürzen oder, wie Carsten Schloter, den frühen Abgang wählen.

Die Unternehmen haben keine Wahl. In den französischen Renault-Werken bei Paris kam es zu Massenselbstmorden der Mitarbeiter, weil der Druck zu gross war. Noch 2008 konnten wir beobachten, wie im Finanz- und Immobilienkrach an der Wall Street Führungskräfte aus den Fenstern sprangen.

Deshalb empfehle ich: Weil heute eine langjährige Karriereplanung für viele unmöglich geworden ist, muss sie dennoch gewagt werden. Es gilt die Regel, wie beim Schwimmen. Man muss schneller als das Wasser, schneller als die drohenden Ereignisse sein. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und beginnen Sie sofort, denn die gemütlichen Zeiten des 20. Jahrhunderts sind definitiv vorbei.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

Alte am Pranger

50plus Auto 2 Wieso nur, liebe mit 50plus, lassen Sie sich eigentlich in den Medien als nicht mehr fahrtaugliche, gemeingefährliche Wesen vorführen? Dutzende Artikel – von Grünschnäbeln verfasst – führen Woche für Woche akribisch auf, welcher Altlenker welchen Fehler gemacht haben soll. Haben die wirklich alle das Gefühl, wir seien senil? Wenn ich die 20-Jährigen rasen sehe, wird es mir Angst und Bang. Ich plädiere für mehr Toleranz gegenüber der Generation 50plus. Und hoffe auf Unterstützung.

Digitale Ode an die Freude – macht wirklich Freude!

Beethoven - iPadAls Apple vor knapp vier Jahren das erste iPad vorstellte, konnte ich mir nicht recht erklären, weshalb ich nun nach einem Laptop und einem Smartphone noch ein zusätzliches Gerät rumschleppen sollte. Ein paar Jahre später weiss ich Vorteile und Nutzen von Tablets zu schätzen. Und ich entdecke fast täglich spannende Programme – auf Neudeutsch Apps – für meinen tragbaren Apfel.

Erst vor kurzem bin ich über eine App mit dem schlichten Namen „Beethoven’s 9th Symphony“ gestolpert. Sie vereint vier legendäre Aufnahmen der Deutschen Grammophon von Beethovens letztem symphonischen Meisterwerk: Ferenc Fricsay (Berliner Philharmoniker, 1958), Herbert von Karajan (Berliner Philharmoniker, 1962), Leonard Bernstein (Wiener Philharmoniker, 1979) und als neuste Einspielung jene von John Eliot Gardiner (Orchestre Révolutionnaire et Romantique, 1992).

Nun, man könnte ganz einfach die vier CDs im nächstbesten Plattenladen kaufen – und fertig. Was jedoch die von Touch Press in Zusammenarbeit mit der Deutschen Grammophon konzipierte App leistet, ist absolut innovativ und grossartig: Startet man die App, so sieht man ein virtuelles Orchesterpodium, wobei die einzelnen Instrumente mit farbigen Punkten symbolisiert sind. Spielt man nun eine der Aufnahmen, so wird mit Hilfe einer Animation dieser Punkte verdeutlicht, welche Instrumente gerade zum Einsatz kommen. Damit aber nicht genug: Unterhalb des virtuellen Orchesters lassen sich jederzeit eine von drei weiteren Versionen der Partitur, die mit den Aufnahmen synchronisiert sind (vollständige Orchesterpartitur, kuratierte Version mit einer dynamischen Auswahl von bis zu 6 Instrumenten, vereinfachte grafische Partitur ohne Noten) sowie das Manuskript, mit dem der Dirigent der Erstaufführung 1825 gearbeitet hatte, anzeigen. Phänomenal!

Für mich das Highlight aber ist die Möglichkeit, jederzeit synchronisiert zwischen den vier grossartigen Einspielungen umschalten zu können! Und dies geschieht mit einer überraschend hohen Präzision. Oftmals ist der Wechsel kaum wahrnehmbar. Einzig bei der Fricsay-Einspielung wird dies deutlich, da sie ein paar Hertz tiefer intoniert wird (weshalb auch immer…). Daneben gibt es einen reichhaltigen Fundus an Texten und Interviews. Zudem ist die Bernstein-Version komplett als Video vorhanden und lässt sich entweder „Bild-in-Bild“ oder im Vollbildmodus anzeigen.

Ist man erst einmal bereit, die 16 Franken für die iPad-App (iPhone: 8 Franken) auszugeben, bereut man dies anschliessend keine Minute. Zumal der Preis alleine für die vier „nackten“ Einspielungen ja nicht zu hoch ist. Und schnell wird klar, weshalb die App, welche rund 1,5 Gigabyte Speicher belegt, von der Zeitung „The Guardian“ in jeder Kategorie zur App der Woche gekürt wurde und sie in zahlreichen Ländern einen Platz unter den Top-Ten erreichte. Bislang wurde die App rund 800‘000 Mal heruntergeladen – seit Kurzem ist sie auch in deutscher Übersetzung erhältlich. Sie vereint moderne Technologie auf innovative Weise mit grossartiger Musik. Und es bleibt zu hoffen, dass Beethovens Meisterwerk auf diese Weise ein neues, digitales Publikum zu erreichen vermag.

Beethovens 9. Symphonie als App für iPad und iPhone
Touch Press / Deutsche Grammophon
iPad: CHF 16.00
iPhone: CHF 8.00
Hier geht’s zur Beethoven-App im iTunes-Store